Naturkost und Naturwaren werden unter Verzicht auf Chemie produziert. Dennoch kann durch die allgemeine Schadstoffbelastung im Boden, im Wasser und in der Luft keine Garantie für absolute Schadstofffreiheit gegeben werden. Der Naturkosthandel hat sich deshalb weit strengere Grenzwerte für -Rückstände gegeben als es der Gesetz-geber vorschreibt. Er betreibt einen erheblichen Aufwand, um seine Waren auf eventuelle Gifte untersuchen zu lassen.
Viele Hersteller fordern Verbraucher-Innen auf dem Etikette ihrer Produkte ausdrücklich dazu auf, die Analyseergebnisse der jeweiligen Charge beim Anbieter anzufordern. Offenbar überwiegt jedoch das Vertrauen in die Arbeit der Branche, denn dieses Angebot wird eher selten in Anspruch genommen. Dennoch sind die Fragen nach Rückständen, nach Gift in Naturkost und Naturwaren, gewichtig. Antworten gibt in diesem Interview der Berliner Lebensmittelchemiker Dr. Michael Scheutwinkel. Er beschäftigt in seinem naturwissenschaftlichen Laboratorium über 40 Mitarbeiter, die seit 1983 vorwiegend für die Naturkost-Branche Giften auf der Spur sind.
Sie analysieren unter anderem -Lebensmittel, kosmetische Erzeugnisse, Bedarfsgegenstände, Baustoffe, überwachen die Qualität von Rohstoffen und Fertigprodukten. Welche Methoden wenden Sie dabei an, welche technische Ausstattung ist dafür nötig und welche Qualifikation brauchen Ihre Mitarbeiter(innen)?
Hinsichtlich der in einem Prüflaboratorium anzuwendenden Analyseverfahren ist generell anzumerken, daß hier - wenn vorhanden - amtliche oder international anerkannte Verfahren angewendet werden müssen, um gegebenenfalls auch gericht-lichen Vergleichen standhalten zu können. Für einzelne Untersuchungsparameter, für die derzeit keine offiziellen Verfahren existieren, beziehungsweise solche in der Erarbeitung sich befinden, wenden wir auch im eigenen Hause entwickelte Methoden an, zum Beispiel die Bestimmung von dem Schimmelpilzgift Ochratoxin.
Die heute in einem Prüflaboratorium zu fordernde Kompetenz zeichnet sich neben dem als erstes zu nennendem Fachpersonal durch ein kaum noch wegzudenkendes technisches Instrumentarium aus, um den ständig steigenden Anforderungen an zu untersuchenden Parametern und Nachweisgrenzen nachkommen zu können. Als wir unseren Laborbetrieb 1981 starteten, kam man je nach Auftragsvielfalt vielleicht mit einem Investitionsvolumen von vielleicht 100.000 Mark zurecht. Den ersten Gaschromatographen schafften wir uns 1984 an. Heute -benötigt man, um eine seriöse Analytik zu -beginnen, sicherlich ein drastisch höheres Investitionsvolumen als damals. Allein für eine einfache Pestizidanalytik in einem Prüflabor wäre einschließlich Proben-aufbereitung mit rund 360.000 Mark zu rechnen. In unserem Prüflabor arbeiten derzeit einschließlich der Probennehmer in allen Umweltkompartimenten - Wasser - Boden - Luft - 46 Mitarbeiter, von denen weit mehr als die Hälfte Hochschulabsolventen sind, am meisten vertreten sind die staatlich geprüften Lebensmittelchemiker (derzeit fünf Mitarbeiter).
Gibt es besondere Anforderungen bei der Arbeit für die Naturkostbranche?
Welchen Stoffen sind Sie in diesen Waren vorrangig auf der Spur? Gibt
es Unterschiede zu Analysen aus dem konventionellen Bereich?
Hinsichtlich der Ausstattung des Prüflaboratoriums mit Fachpersonal und Gerätetechnik sind die Anforderungen vergleichbar. Dennoch gibt es einen Unterschied hinsichtlich des Arbeitsaufwandes. Während es im konventionellen Bereich - mit Ausnahme der Babynahrung - die Einhaltung der gesetzlich festgelegten Höchstmengen zu überprüfen gilt, müssen im Naturkostbereich bereits geringste Mengen nachgewiesen werden, die sich häufig an den Nachweisgrenzen der Analysenverfahren orientieren.
Welche Rückstandsgruppen stellen heute das größte Problem
dar - und warum? Waren es vor zehn Jahren andere? Werden es in 10 Jahren
wieder andere sein?
Hinsichtlich der Rückstandsuntersuchungen müssen wir die Frage dahin konkretisieren: welche Art von Rückständen sind denn gemeint? Häufig versteht man heute darunter einfach Pestizidrückstände, eventuell auch noch Schwermetallrückstände, wie zum Beispiel Blei, Cadmium und Quecksilber. Es existieren jedoch weit mehr Rückstände in Lebensmitteln als die zuvor genannten. Auf einen einfachen verständlichen Nenner gebracht, könnte man sagen: "Alles, was nicht Zutat ist, ist Rückstand im Erzeugnis". Vor zehn Jahren war das Untersuchungsspektrum sehr viel geringer als heute. Damals waren neben Chlorpestiziden hauptsächlich Organophosphorpestizide und Dithiocarbamete im Spektrum der Pestiziduntersuchungen, heute muß diese Palette hinsichtlich der moderneren, systemisch wirkenden Pestizide ergänzt werden.
Während man vor zehn Jahren die -Aflatoxine und Patulin schon kannte, waren andere Mykotoxine vielleicht bekannt, doch man untersuchte Lebenmittelproben nicht darauf. Auch hinsichtlich der Untersuchung auf Metalle haben sich Veränderungen unter anderem auch aufgrund von möglichen Allergien ergeben.
Nach meinem Dafürhalten wird die Erkenntnis an Schadstoffen beziehungsweise an schädlichen Schadstoffkonzentrationen 1996 nicht beendet sein. Die Vergangenheit lehrt uns vielmehr, daß die heutige Generation die Probleme/Umweltsünden ihrer Eltern bearbeiten muß. Warum soll dies im Jahr 2006 anders sein?
Entscheidet der Auftraggeber allein, wonach er suchen läßt
oder findet zunächst eine Beratung statt? Wo liegt das Problem beim
Aufspüren von umweltschädigenden Stoffen?
Rein theoretisch entscheidet der Auftraggeber allein, wie er seiner Sorgfaltspflicht als Lebensmittelhersteller oder -inverkehrbringer nachkommt. Kyünftig wissen Hersteller/Inverkehrbringer über ihre Problemprodukte gut Bescheid. Sollten wir bei der Auftragsvergabe merken, daß ein Informationsbedarf vorhanden ist, kommen wir dieser Aufgabe nach.
Dennoch muß hier angemerkt werden, daß letztendlich der Hersteller/ Inverkehrbringer für sein Erzeugnis verantwortlich ist und daß die staatliche Lebensmittelüberwachung als Kontrollinstitution ein zusätzliches Auge auf die Einhaltung des Verbraucherschutzes wirft, so daß ein vom Auftraggeber beauftragtes eingeschränktes Untersuchungsprogramm möglicherweise wenig hilfreich ist.
Meines Wissens will heute der seriöse Hersteller/Inverkehrbringer in aller Regel sein Produkt genau kennen und kein Risiko eingehen, da heute auch durch die Medien ein Produktfehler so geahndet wird, daß die Existenz dieses Unternehmens gefährdet ist.
Natürlich können Sie nur finden, was Sie suchen. Wie beurteilen
Sie das Risiko, daß Rückstände unentdeckt bleiben?
Das Risiko, daß bestimmte Rückstände unentdeckt bleiben, ist sicherlich abhängig von der Qualität des Prüflaboratoriums aber auch von der Engmaschigkeit des Netzes der durchgeführten Untersuchungen. Eine 100prozentige Sicherheit oder ein Nullrisiko gibt es nicht. Es ist jedoch klar, daß aus Kostengründen nicht alles untersucht werden kann.
Sehen Sie Lücken in der Qualitätssicherung für Naturkost und Naturwaren - und wie müßten sie geschlossen werden?
Die großen Importeure und Inverkehrbringer verfügen alle über weitgreifende Qualitätssicherungskonzepte, die auch die Anbaukontrolle bei den Erzeugern beinhalten. Es muß für jedes ökologisch erzeugte Lebensmittel, wenn es als solches deklariert in den Handel gebracht werden soll, der Weg vom Erzeuger bis in das Geschäft nachvollziehbar sein.
Welche Aussagekraft haben Analyse-ergebnisse für die VerbraucherInnen? Woran sollen sich die KundInnen im Bioladen orientieren? Können Sie -gesundheits- und umweltbewußten Menschen einen konkreten Rat geben?
Die Aussagekraft von Analyseergebnissen muß meines Erachtens immer im Zu-sammenhang mit den positiven Eigenschaften des Lebensmittels betrachtet werden. Es kann durchaus sinnvoll sein, gegebenenfalls etwas belastete Lebensmittel zu verzehren, wenn damit auch wich-tige Nährstoffe oder Vitamine aufge-nommen werden. Denken Sie zum Beispiel an die Muttermilch; heute ist die Mehrzahl der Wissenschaftler der Meinung, daß das Vorhandensein geringer Gehalte an Chlorpestiziden bei weitem nicht die positiven Eigenschaften der Mittermilch aufwiegen.
Nach einer Studie aus Baden-Württemberg war die "Belastungssituation" 1992 und 1993 bei Lebensmitteln aus ökologischem Anbau deutlich besser als bei den konventionell erzeugten. Insofern läßt sich dem gesundheits- und umweltbewußten Verbraucher schon raten, bestimmte Lebensmittel zu kaufen, wobei ein Augenmerk auf die Anbauverbände - also wer hat den Erzeugerbetrieb kontrolliert? - gelegt werden sollte.
Neben der Suche nach Rückständen werden Nachweisverfahren für umstrittene oder schädigende Produktionsverfahren immer wichtiger. Gibt es da Entwicklungen, die für Naturkost bedeutend sind, beispielsweise bei gentechnologischen Manipulationen?
Es gibt sicherlich Entwicklungen in der Nahrungsmittelerzeugung, die umstritten sind; jedoch nicht nur im Naturkostbereich sondern generell. Als Beispiel wären die Bestrahlung von Lebensmitteln als kon-servierende Behandlung oder gentechnologische Veränderungen hinsichtlich der -Resistenz gegen bestimmte Herbizide zu nennen.
Zum Schluß noch zwei eher private Fragen: Schmeckt Ihnen Ihr Essen noch angesichts des Wissens und der wohl täglichen Konfrontation mit Umweltgiften?
Mein Essen schmeckt mir noch immer trotz des Wissens um die Umweltgefahren. Ich bin der Meinung, daß der Mensch in der heutigen Zeit, wie aber auch schon immer, diversen Gefahren ausgesetzt ist, die von überall herkommen können. Der Verbraucher sollte sich um eine ausgewogene Ernährung bemühen und auch das essen, was von Beratern vielleicht nicht immer als empfehlenswert beurteilt wird, wenn er denn darauf Appetit hat. Eine grundsätzlich positive Lebenseinstellung ist häufig der beste Arzt.
Sie haben den Umweltschutz zum Firmenziel erklärt. Das wird nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen, die für Naturkost und Naturwaren stehen, verwirklicht. Durch Ihre Arbeit blicken Sie häufig hinter die Kulissen. Sind Sie dabei schon enttäuscht, getäuscht worden? Wenn ja, wodurch und mit welchen Konsequenzen?
Nein, enttäuscht wurde ich bisher nicht. Ich wünsche mir jedoch für die Zukunft ein noch besseres Zusammenarbeiten der "Großen" im Naturkostbereich zum Wohle der gesamten Bewegung.
Die Fragen stellte Renée Herrnkind
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