Schokolade


Die zarte Versuchung

Wenn Sie gerade Ihrem Schoko-Weihnachtsmann in die braune Mütze beißen, befinden Sie sich in bester Gesellschaft. Besonders im Winter überkommt viele die Lust auf Süßes. Auch überzeugte Vollwertköstler werden dann schon mal schwach. Sind die Hormone schuld?

Als Roald Amundsens Bestellung für seine Antarktis-Expedition im Handelskontor einging, schüttelte der Kaufmann dort verwundert den Kopf: Auf die lange Proviantliste hatte der norwegische Polarforscher Schokolade setzen lassen. Das Naschwerk war gerade in Mode in begüterten Kreisen - eine Tafel kostete damals soviel wie 20 Brötchen. Aber als Ersatznahrung für gestandene Männer in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde - das war schon höchst ungewöhnlich. Doch Amundsen war überzeugt von den edlen Kakaotafeln. Mitte Dezember im Jahre 1911 erreichte er als erster den Südpol - 34 Tage vor seinem Kontrahenten, dem Briten Robert Scott. "Wir haben die Strapazen nur überlebt, weil wir genug Schokolade dabei hatten", berichtete er später.

Schlechte Laune,

trübes Wetter, und wir greifen häufiger zu Schokolade

Heute ist Schokolade nicht mehr nur auf gesellschaftlichen Empfängen und Expeditionen gegenwärtig. Die Tafeln - ob lila oder andersfarbig - sind so billig, daß sie sich in den Industrieländern beinahe jeder zu jeder Zeit leisten kann. Und häufig genug auch leistet. Der Schokoladenhunger bei uns ist immens: Rund sieben Kilo nascht jeder Bundesbürger im Jahr, nur noch übertroffen von Briten, Norwegern und Schweizern (zehn Kilo jährlich). Das Geheimnis der zarten Versuchung liegt gewiß nicht in ihrem Kaloriengehalt, wofür sie der Polarforscher Amundsen so schätzte. Die 2.311 Kilojoule (550 Kilokalorien) pro 100 Gramm sorgen bei den Naschkatzen eher für das schlechte Gewissen danach. Warum viele dennoch immer wieder zu Schokolade greifen, liegt möglicherweise unter anderem an den Inhaltsstoffen und deren Wirkung auf unseren Organismus.

Im Winter sind die Tage kürzer, wir halten uns seltener im Freien auf als während des Sommers - mit dem Ergebnis, daß wir weniger Tageslicht abbekommen. Dadurch wird in unserem Gehirn der "Gute-Laune-Stoff", das Serotonin, rascher abgebaut. Mit dem Griff zur Schokolade sorgen wir angeblich dafür, daß der Serotoninspiegel und damit unsere Stimmung wieder steigen: Der Zucker (in den meisten Naturkosttafeln sind rund 32 bis 37 Prozent Rohrrohzucker enthalten) ruft einen raschen Insulinausstoß hervor. Dieser wiederum regt die Bildung von Serotonin an. Die Kakaobutter in der Schokolade unterstützt den Effekt. Die Insulin- und Serotoninmenge bleibt für mehrere Stunden auf dem erhöhten Niveau.

Doch Zucker und Fett sind es nicht allein. Kakao und damit die geliebten Tafeln und Schoko-Nikoläuse enthalten Phenylethylamin - einen Stoff mit aufputschender Wirkung. Die Substanz ist ähnlich aufgebaut wie die körpereigenen Muntermacher Dopamin und Adrenalin. Sie steigern die Pulsfrequenz, erhöhen den Blutdruck und den Blutzuckerspiegel; sie bereiten den Körper damit auf Aktivität vor. Ähnlich anregend wirkt das Koffein, das sich auch in Schokolade versteckt: Dunkle Sorten enthalten 75 bis 90 Milligramm je Tafel; bei Milchschokolade sind es zwischen fünf und 36 Milligramm. Zum Vergleich: In einer Tasse Kaffee sind 100 Milligramm Koffein.

Auf solche vergleichsweise geringen Mengen verweisen Wissenschaftler auch in bezug auf Serotonin und Phenylethylamin. In einer Tafel Schokolade wurden maximal 2,7 Milligramm Serotonin und 0,7 Milligramm Phenylethylamin gefunden. Bei Milchschokolade lagen die Werte für Phenylethylamin gar unter der Nachweisgrenze. "Die Meinungen darüber gehen weit auseinander, ob die Substanzen überhaupt eine nennenswerte Wirkung auf den Organismus haben", erklärt ein Sprecher des Kölner Lebensmittelchemischen Instituts (LCI). Die Spuren, die in Schokolade enthalten seien, könnten jedenfalls keine objektive Wirkung hervorrufen - es sei denn, jemand sei besonders empfänglich dafür. Wie auch immer: Serotonin, Phenylethylamin und Koffein allein machen nicht glücklich. Für die Lust auf Schokolade gibt es noch andere Erklärungen, erinnern Psychologen. Auch der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) in Gießen geht davon aus, daß die positive Wirkung von Schokolade auf die Stimmung einiger Menschen vermutlich andere Ursachen hat als die enthaltenen psychoaktiven Substanzen. Viele Verbraucher empfinden die zarte Tafel als kleinen Luxus im Alltag, den man sich gönnen darf - man hat es sich schließlich verdient. Marktforscher haben beobachtet, daß gerade in konjunkturschwachen Zeiten die Verkaufszahlen für Schokolade nach oben tendieren. Das Geld für die kleine Entschädigung zwischendurch scheint locker zu sitzen. Häufig wird Süßes aus einem Impuls heraus gekauft, vielleicht weil der Job mal wieder anstengend war oder der Einkauf so stressig. Denn viele haben schon in jungen Jahren gelernt: Wenn du fleißig oder artig bist, bekommst du ein Stück Schokolade. Der Belohnungsmechanismus läuft im Erwachsenenalter immer noch unbewußt ab.

Vom Gelegenheitsnascher zum "Chocoholic"

Im Extremfall kann der Griff zur Schokolade zwanghaft werden. Es gibt Berichte über Patienten, die täglich Schokolade und Süßigkeiten im Wert von 200 Mark in sich hineinstopfen - und wieder ausspeien. Doch nicht jeder, der sich für schokosüchtig hält, ist es tatsächlich. Schokolade ist nun mal ein kleiner Sündenfall: Wenn sich nach dem Biß in die knackige Schokorippe der zarte Schmelz allmählich über die Zunge legt, empfinden das die meisten als äußerst angenehm. Gleichzeitig wissen sie aber, daß Schokolade ungesund ist. Sie enthält Zucker, kann Karies verursachen und dick machen. Der Kopf sagt daher "Nein", und prompt reizt das verbotene Objekt der Begierde noch mehr.

Gerade überzeugte Naturköstler geraten ob dieser Gelüste mit sich ins Hadern. Sie wissen nur zu gut: Schokolade hat in der Vollwerternährung eigentlich nichts zu suchen. Schließlich ordnen die Ernährungsexperten Männle, Koerber, Leitzmann, Hoffmann und von Hollen Süßigkeiten der "Wertstufe IV - Nicht empfehlenswert" zu. Als die erste Bioschokolade vor Jahren auf den Markt kam war das Aufatmen groß: Jetzt gab es die süße Verführung wenigstens in ökologischer Qualität.

Auf kontrolliert biologischen Kakaoplantagen wird auf chemische Dünger und Agrargifte verzichtet, die Kakaobäume werden regelmäßig geschnitten, die Arbeiter lesen die Schädlinge mit der Hand ab. Gesunde Setzlinge erneuern von Zeit zu Zeit den Pflanzenbestand. Hülsenfrüchtler, die unter den Kakaobäumen gedeihen, verbessern auf natürliche Weise die Bodenqualität. Um anfällige Monokulturen zu umgehen, wird der Bio-Kakao in Mischwirtschaft angebaut, beispielsweise zusammen mit Yucca, Mais und Bananen. Kontrolleure - wie die vom Verband schweizerischer Bio-Landbau-Organisationen (VSBLO) - überprüfen direkt auf den Plantagen, ob die Vorgaben eingehalten werden.

Die Umstellung auf den Öko-Anbau ist sehr arbeitsintensiv, die Ernteerträge sinken zunächst. Das bedeutet Einkommensverluste, die für viele Bauern in den Erzeugerländern - das sind vor allem die Elfenbeinküste, Brasilien und Ghana - nur schwer zu verkraften sind. Voraussetzung für den ökologischen Anbau sind daher faire Handelsbedingungen mit festen Abnahmeverträgen und gerechten Preisen.

Der Kakaopreis gilt als einer der instabilsten auf den internationalen Rohstoffmärkten. Daran konnten auch mehrere internationale Kakaoabkommen zwischen Erzeuger- und Konsumentenländern nichts ändern. Nach einem kurzen Zwischenhoch Ende der 70er Jahre sackte der Preis Anfang dieses Jahrzehnts auf das Niveau von 1950. Entsprechend unsicher und mager ist der Verdienst der Bauern in den Ländern des Südens. Das hat vor fünf Jahren die Schweizer Importgenossenschaft OS3 bewogen, die erste fair gehandelte Schokolade in die Läden zu bringen. Ihre hiesige Schwesterorganisation, die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (gepa) brachte "Mascao" schließlich nach Deutschland. Mittlerweile bieten auch andere Firmen Fair-Trade-Tafeln an.

Dennoch: Aus ökologischer Sicht bleibt auch kbA-Schokolade aus fairem Handel problematisch. Sowohl der Rohrzucker als natürlich auch die Kakaobohnen legen weite Strecken zurück, um beispielsweise aus Brasilien zu uns zu kommen, verarbeitet und verkauft zu werden. Immerhin haben einige Firmen eine Alternative zur Innenverpackung aus Aluminium gefunden: Herstellung und Entsorgung von Orientiertem Polypropylen (OPP) verschlingen laut Vergleichsuntersuchungen deutlich weniger Energie als das Silberpapier.

Christiane Schmitt

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PRO:

CONTRA:

FAZIT:

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