Meilenweit
fahren für Naturkost?
Stammt Ihre Frühstücksmilch aus Westfalen, Bayern oder Franken? Zwischen Herstellern, Großhandel und Läden blasen natürlich auch LKW's mit biologischen Lebensmitteln verbrannten Diesel in die Luft. Das Umweltbewußtsein der Naturkosthändler schlägt sich in ökologisch intelligenteren Lösungen und damit in weniger Abgaswolken nieder.
Lebensmittel sollten in einer Region sowohl erzeugt als auch verbraucht werden. Das verkürzt Transportwege und senkt den Treibstoffverbrauch. In Berlin reduzierte der Großhändler Terra Frisch nach dem Mauerfall den Anfahrtsweg von der Molkerei nach Berlin um bis zu 300 Kilometer. "Wir wollen als Naturköstler schließlich ökologisch arbeiten", begründet Geschäftsführer Meinrad Schmitt die Initiative.
Transporte vermeiden mit Produkten aus der Region
Seit 1996 versorgen seine Fahrer die Naturköstler von der Spree jährlich mit 1,2 Mio. Liter demeter-Milch aus der Molkerei des Öko-Dorfs Brodowin nördlich Berlin. Bis dahin füllten Milchflaschen von Andechs in Bayern oder von Söbbeke in Westfalen die Kühlregale der Berliner Bioläden.
Viele gesundheitsbewußte Verbraucher aus der ganzen Bundesrepublik essen den Andechser Joghurt vom bayerischen Ammersee. Die LKW-Flotte von dennree befördert vom Großhändler das Sauermilchprodukt vom Zentrallager bei Hof zu jedem Naturkostladen Deutschlands. Schließlich verlangen Kunden und Ladner von Großhändlern, daß sie jederzeit Markenprodukte anliefern können. So gelangen auch die Joghurts und Milchflaschen der Molkereien Söbbeke in Westfalen und Schrozberg aus Franken über hunderte Kilometer in Läden zwischen Nordsee und Alpen.
Technischer Umweltschutz reduziert Rußwolken
Wenn dennree Joghurt, Quark und Milch über 550 Kilometer nach Hamburg liefert, hinterläßt ein Lastzug zwischen Thüringen und Niedersachsen 250 Liter verbrannten Diesel. Umweltschonendere Motoren können den Jahresverbrauch bei dennree von 1,3 Millionen Liter weiter senken. Den modernsten Lastern reichen bis Hamburg 200 Liter. Rußschleudern haben im Fuhrpark des Großhandels keinen Platz.
Dank "Euro-Norm 2"-Motoren blasen auch weniger Schadstoffe aus den Auspuffen der LKW's. Die neuesten Modelle können auf die noch umweltschonendere "Euro-Norm 3" umgerüstet werden, sobald die LKW-Hersteller die nötigen Maschinenteile liefern.
Bio-Diesel-Brummis könnten die Öko-Bilanz der weitgereisten Naturprodukte verbessern. Aber Tankstellen für den Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen gibt es selten. Die A+D Ökologistik aus Neustadt an der Weinstraße gab es auf, eigene Zapfsäulen zu kaufen. Sie fand kein Partnerunternehmen im Raum Mannheim, das sie mitgenutzt und -finanziert hätte. Die kleine Spedition war allein überfordert.
Trotz aller Technik: Abgasfreie Brummis gibt es nicht. Da könnte man auf die gute alte Bahn hoffen. Schließlich verbrauchen Züge pro Tonne und Kilometer weniger -Energie aus Diesel und Kohlestrom als LKW's.
Transport auf der Schiene ist unflexibel
Fuhrparkleiter Klaus Staltmair von dennree kann sich eine Verlagerung von Tonnage auf die Schiene nicht vorstellen. Die Bahn sei für die Anforderungen der Läden und Kunden zu langsam, zu teuer und zu unflexibel. Auch die Spediteure von A+D Ökologistik finden nur wenige gute Worte für den "Kombiverkehr": Bahntransporte seien zu fehlerhaft: In Hamburg warteten die umweltbewußten Fuhrunternehmer vor zwei Jahren vergeblich auf einen Kühlwagen voll kontrolliert-biologischer Milch - er stand nämlich in München auf dem Bahnhof. Der Irrläufer erreichte erst nach drei Tagen die Hansestadt. Nicht nur die Milch, sondern auch Kunden und Ladner waren sauer.
Wenn schon die zuverlässigeren Brummis durch ganz Deutschland rollen, dann sollte ihr Laderaum optimal ausgenutzt werden. Bio-Großhändler und Speditionen planen die Straßenfracht mit Blick auf die Natur. Das spart Geld - Ökonomie und Ökologie sind verbunden.
Ökologisch und ökonomisch: Volle Ladeflächen
A+D Ökologistik und der Großhandel Phönix aus Rosbach bei Frankfurt verbinden An- und Auslieferung. Auf dem Weg aus der Rheinebene fährt der Neustädter Kleinlaster bei Bio-Produzenten vorbei. Von Runge in Biblis zum Beispiel lädt er Knäckebrot zu. Wenn der Laderaum voll ist, steuert der Fahrer das Phönix-Lager an. Nach dem Ent- wird der 7,5-Tonner gleich wieder Beladen: mit Rollwagen für Naturkostläden zwischen Frankfurt und Mannheim. Auf der Rücktour fährt der Laster deshalb keine überflüssigen Leerkilometer.
Auch die Importeure vom Markenartikler Lebensbaum streben optimal ausgenutzten Frachtraum an. Gewürze und Teekisten, die keinen ganzen Container füllen, lagern zunächst im Hafen. Erst wenn ein LKW-Auflieger vollgestapelt ist, startet ein 20-Tonner zum Lebensbaum-Lager in Diepholz.
Der Berliner Großhandel Ökotopia spart seit 1993 einen Teil des Transportwegs seiner Tees aus Bremen ein. Früher gingen sie zuerst zum Verpacken nach Köln. Heute fahren die LKW's vom Hafen ohne Umweg vor die Tore Berlins. Der Tee kommt jetzt an der Spree in Tüten.
Nicht im Seehafen, sondern auf dem Flughafen kommen Litschis oder Mangos aus Bolivien oder Trauben aus Australien in Deutschland an. Langstreckenflieger verbrennen Kerosin in großen Höhen. Das plagt unsere ohnehin mit FCKW belastete Atmosphäre.
Exoten: ökologische Entwicklung contra Luftverschmutzung
Der Generalsekretär der IFOAM, dem internationalen Zusammenschluß ökologischer Landbauverbände, ist für die Aufnahme überseeischer Früchte in die Sortimente unserer Bio-Läden. Bernward Geier argumentiert: "In der sogenannten Dritten Welt finden Bauern und Landarbeiter für ihre kontrolliert-biologischer Ware keine Kunden. Sie sind deshalb auf den Export angewiesen. Und: Der Anbau von Exoten befördert in den benachteiligten Ländern eine ökologische Entwicklung."
Importeure wählen das Flugzeug, um die leicht verderblichen Früchte so schnell wie möglich in deutsche Küchen zu bringen. Auf dem Seeweg entstehen jedoch weniger Umweltschäden. Allerdings überstehen nur Bananen die lange Schiffsfahrt, ohne schlecht zu werden.
"Irgendwo ist es schon hirnrissig, ein Bio-Produkt durch die ganze Welt zu fliegen", meint Richard Sieder vom dennree-Großhandel. Doch von der Naturkost-Branche werde eben mehr und mehr dasselbe Angebot wie von Edeka- oder real-Märkten erwartet. Und wenn der Naturkostladen keine Mangos anbiete, kaufe so mancher das saftige Obst eben im Supermarkt.
Dieses Obstangebot versteht Richard Sieder "eher als Service am Kunden." Mit "Perishables" - schnell verderblichen Waren aus Übersee - könne man wenig Geld verdienen. Verderb, viele Reklamationen und teuere Lufttransfers verkürzen die Handelsspanne der weitgereisten Exoten.
"Gemüse an Erdölsoße?!"
Francois Meienberg von Greenpeace Schweiz übertreibt: "Stellen Sie sich vor, Sie essen ein Pfund frischen Spargel, und plötzlich erscheint Ihnen ein Umweltengel und gießt fast zwei Liter Erdöl darüber." So viel verbrauche der Flugzeugtransport aus dem sonnigen Kalifornien ins regnerische Europa. Derartige Energieverschwendung sei umweltschädlicher "Transportunsinn". Zwar gibt es im Naturkosthandel keinen kalifornischen Spargel, aber gelegentlich finden Äpfel und Feigen aus dem Sonnenstaat den weiten Weg in deutsche Bio-Regale.
Kenner der Szene erheben da Einspruch: Nur wenige Exoten wie Ananas und Kokosnüsse sollten in die Läden kommen, meint Kai Kreuzer, Autor im BLATTgrün Buchversand. Er plädiert dafür, Trockenfrüchte einzukaufen. Die seien haltbar und kämen umweltschonend per Schiff hierher.
Exoten ja, aber schnell
Der Import von Ananas, Papayas, Guaven, Litschis und Mangos aus ökologischem Anbau nimmt ständig zu. Zwei Drittel davon fliegen Huckepack in Passagiermaschinen und verbrauchen wenig zusätzlichen Treibstoff. Deshalb tragen exotische Früchte zur Senkung des Kerosinverbrauchs bei, meint der Bundesverband Deutscher Fruchthandelsunternehmen.
Die Lobby-Organisation berechnete die Treibstoffmenge, die jährlich pro Bundesbürger für importierte Exoten in den oberen Schichten unserer Atmosphäre verbrannt wird. Es sind 0,61 Liter - etwa soviel Sprit, die man für eine Autofahrt zum Supermarkt verbraucht.
"Die Frage ist nicht nur, ob die Verbraucher hierzulande auf exotische Fürchte verzichten könnten, sondern auch, was das für die Menschen in den Erzeugerländern bedeutet", gibt Michael Krebs von dem Verband der Fruchthändler zu bedenken. In Entwicklungsländern schaffe der Öko-Anbau Arbeitsplätze.
Ideen statt Vollgas!
Von 1950 bis 1990 verzehnfachte sich der Güterverkehr auf bundesdeutschen Straßen. Die Güter werden über immer größere Entfernungen transportiert. Wirtschaftswissenschaftler rechnen damit, daß der Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2010 zunimmt. Dann wird der Güterfernverkehr voraussichtlich die Hauptquelle für Stickoxide in unserer Luft sein.
Für unser "täglich Brot" lassen wir Tonnen kreuz und quer durchs Land fahren. Verbraucher können mit dem Portemonnaie Verantwortung übernehmen: Ökologisch rücksichtsvolle Kaufentscheidungen schützen Naherholungsgebiete, Meere und unsere Luft.
In Ihrem Naturkostladen können Sie selbst zur Verkehrsvermeidung beitragen: Fragen Sie Ihren Händler nach Produkten aus regionaler Erzeugung. Wählen Sie Gemüse und Obst der Saison.
Jens Wittneben
Wer mehr wissen will:
"Mobilitätsmanagement in Betrieb und Verwaltung. Dokumentation vorbildlicher Beispiele für Berufsverkehr, Geschäfts- / Dienstreisen und Transport in Deutschland." Gegen fünf Mark in Briefmarken oder als Schein anfordern beim Verkehrsclub Deutschland (VCD), Stichwort Mobilitätsmanagement, PF 170 160, 53027 Bonn
"Faktor vier. Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. Der neue Bericht an den Club of Rome." Ernst U. von Weizsäcker, Amory B. Lovins u.a.; Droemer 1995, 352 S., 45 Mark
"Umweltstandort Deutschland. -Argumente gegen die -Phantasielosigkeit"
Hrsg. von Ernst U. von Weizsäcker; Birkhäuser 1194; 344 S.;
24,80 Mark
| Leserbrief schreiben | Seite empfehlen | |

