Deos


Die Parfümierung des Schweißes

Klassische Deosprays sind out, zumindest bei umweltbewußten Verbrauchern. Die kaufen lieber Pumpzerstäuber, Roller oder Stifte, ohne FCKW. Doch was die Umwelt entlastet, bekommt der Haut nicht in jedem Fall. Selbst bei der sanften Alternative Deo-Kristall ist Vorsicht angesagt.

"Hilfe, mein Deo hat versagt". Wer kennt ihn nicht, den cleveren Werbespot, der den lauernden Transpirationsteufel an die Wand malt. Etwas Schlimmeres kann man im Büroleben angeblich nicht tun, als mit Mundgeruch und Achselschweiß die Kollegen zu belästigen. So groß scheint inzwischen die Furcht vor naserümpfenden Mitmenschen, daß 58 Prozent der Frauen und 43 Prozent der Männer täglich zum Deo greifen, um ihre körpereigenen Ausdünstungen zu überdecken. Diese sollen früher an europäischen Königshöfen in der Tat bestialisch gewesen sein, nicht auszuhalten ohne große Mengen Parfum. Doch das erlauchte Stinken hatte einen einfachen Grund: es galt als verpönt, sich zu waschen.

Erst Bakterien sorgen für den üblen Geruch

Heute wird die sogenannte Hygiene eher übertrieben. Obwohl Wasser und Seife im Grunde völlig ausreichen, setzen Millionen im Duftkrieg gegen ihren Organismus auch schärfere Waffen ein. Dabei ist der knappe Liter Schweiß, den drei Millionen Spezialdrüsen pro Tag produzieren, an sich geruchlos. Erst wenn die Bakterien an der Hautoberfläche anfangen, die aus Wasser, Salz und Stoffwechselresten (zum Beispiel Harnsäure) bestehende Flüssigkeit zu zersetzen, ist es mit dem Wohlgeruch vorbei. Streß, falsche Ernährung mit viel tierischem Eiweiß und chronische Krankheiten verändern die Zusammensetzung des Schweißes zusätzlich ins Negative. Auch das Quantum kann beträchtlich schwanken, bis zu zehn Litern scheidet mancher Körper in Extremfällen aus. Kinder haben übrigens noch kein besonderes Transpirationsproblem, weil die großen Duftdrüsen in der Achselhöhle und im Genitalbereich von den Sexualhormonen gesteuert werden. Die Bakterien können ihre Zersetzungsarbeit am ungestörtesten in kleinen Hautfalten verrichten, wo sie sich in nur einer Stunde millionenfach vermehren. Wer synthetische Kleidung trägt, schafft dafür ein ideales Milieu.

Hautärzte warnen vor den "Antiperspirantien"

Über Jahrhunderte hinweg waren pflanzliche Parfums die einzigen Deos, die meisten Hersteller setzen heute dagegen auf Chemie. Man kann grob unterscheiden zwischen "Deodorantien", die lediglich das Wachstum der Bakterien hemmen, und "Antitranspirantien", die mittels adstringierender (zusammenziehender) Stoffe die Produktion der Schweißdrüsen direkt beeinflussen. Letztere sind wesentlich stärker und greifen das Hauteiweiß an, das anschwillt, so daß sich die Ausgänge der Schweißdrüsen verengen. Diese massive Störung des natürlichen Hautstoffwechsels ruft nicht selten Rötungen, Ekzeme und juckende Ausschläge hervor. Selbst Hautärzte raten deshalb vom Einsatz der auch als Antiperspirantien bezeichneten Schweißblocker ab. Für den Verbraucher ist es schwierig zu erkennen, um welche Art von Deo es sich handelt, da Aufmachung und Werbung für beide nahezu identisch sind.

Die Verbraucherzentrale Hamburg prüfte im Auftrag der Zeitschrift "Natürlich" (4/96) 225 Deos in Form von Stiften, Rollern und Pumpzerstäubern, über die Hälfte davon waren nicht empfehlenwert. Die immer noch beliebten Sprays hatte man wegen der Ozon-Problematik erst gar nicht berücksichtigt. Die von Herstellern eingesetzten - keineswegs unbedenklichen - FCKW-Ersatzstoffe sowie das wertvolle Dosenmaterial Aluminium machen Sprays für umweltbewußte Kunden inakzeptabel. Aber auch die Deos ohne Treibgas bieten noch genügend Grund zur Beanstandung. Obwohl seltener geworden, findet der Bakterienhemmer Triclosan vor allem bei teuren Produkten immer noch Verwendung. Triclosan war in der Vergangenheit häufig mit krebserregenden Dioxinen verunreinigt. Er kann durch die Haut in den Körper gelangen und die Leber schädigen. Immer mehr konventionelle Hersteller weichen auf das deutlich mildere, aber ebenso synthetische Farnesol aus, das dem Duft der Lindenblüten nachempfunden ist. Es wirkt sehr viel selektiver als Triclosan und gilt nicht zuletzt deswegen als harmloser. Auf dem Rückzug befinden sich die allergenen Farbstoffe, die aber überdurchschnittlich oft in hochpreisigen Kosmetikserien auftauchen. Hautreizende Aluminiumsalze werden noch fast jedem fünften Deo untergejubelt, und selbst formaldehydabspaltende Konservierungsstoffe brachte die Analyse zweimal ans Licht. Äußerst nebulös ist die Lage bei den zahlreichen Duftstoffen, die kaum exakt zu identifieren sind, da auch die ab 1998 geltende INCI-Liste nur Sammelbegriffe wie "Parfum" oder "Fragrance" vorschreibt.

Naturkosmetik-Branche bietet mehr Transparenz

Die Deklaration läßt zu wünschen übrig, viele Firmen üben sich in Geheimniskrämerei. Nur wenige waren wie die Naturkosmetikhersteller bereits vor Jahren vorgeprescht und hatten den für die USA gültigen strengen CTFA-Index freiwillig übernommen. Die im Bioladen angebotenen Deos von Lavera, Logona, Walter Rau und Weleda gehörten allesamt zur obersten Testkategorie "empfehlenswert". Immer populärer werden in der Branche die Pumpzerstäuber, die in punkto Hautverträglichkeit meist vorn liegen. Den angestrebten bakteriziden Effekt erzielt man mit Alkohol und ätherischen Ölen wie Thymian, Gewürznelke und Minze, bisweilen auch mit Triethylcitrat, einem Zitronensäureester, der den pH-Wert an der Hautoberfläche senkt und so die Aktivität der Mikroorganismen einschränkt. Daß auch pflanzliche Substanzen nicht jenseits von gut und böse sind, zeigt das Beispiel Salbei. Seine schweißhemmende Wirkung ist klinisch belegt und wird sogar für standardisierte Arzneimittel genutzt. Ob solche Manipulationen natürlicher Körperfunktionen als wünschenswert gelten sollen, ist jedoch die Frage.

Deo-Kristall: Nichts als reine Natur?

Rainer Plum von Tautropfen antwortet hierauf mit einem klaren "Nein". Weil er "nicht mit Alkohol arbeiten" will, der die Haut austrocknet und jedwede "Parfumierung des Schweißes" ablehnt, hat er überhaupt kein Deo im Sortiment. Zunehmend, so Plum, tauchten in vermeintlichen Naturkosmetika Substanzen aus der Petrochemie auf, "Industrieprodukte mit grünem Marketing". Auch wenn dies kritische Urteil nicht auf die Deos der Konkurrenz gemünzt ist, sind diese oft weniger harmlos, als naive Kunden annehmen. Seit einiger Zeit sind Deo-Kristalle oder Mineral-Deos der Renner, besonders für Allergiker und Personen mit empfindlicher Haut. Ob sich die hohen Erwartungen in der Praxis erfüllen, hängt aber stark vom jeweiligen Herstellungsverfahren ab. Die durch geschickte Bildwerbung mit schroffen Gebirgen und klaren Seen erzeugte Vorstellung von unverfälschter Natur ist blanke Illusion. Zwar hat man früher den Alaun-Kristall in der Türkei und in Italien aus Alaunschiefer gebrochen, doch ist solch handwerkliche Gewinnung schon längst nicht mehr gewinnbringend und zeitgemäß. Alaun ist ein Doppelsalz aus Kalium- und Aluminiumsulfat, das sich theoretisch problemlos mit jedem Chemie-Baukasten zusammensetzen läßt. Werden beide Stoffe in Wasser gelöst und die Flüssigkeit übersättigt, kistallisiert sie mehr oder weniger aus. Größe und Struktur des Kristallwachstums werden unter anderem durch die Temperaturen und Prozeßdauer beeinflußt. Als Faustregel kann gelten: je klarer der Kristall, desto aufwendiger seine Entstehung. Die vieleckigen Gebilde sammeln sich an Fäden, die man in die Bottiche mit der gesättigten Lösung taucht. Erst der abschließende Schliff macht die Kristalle gebrauchs- und verkaufsfertig.

Alle Deosteine werden auf derart triviale Weise gewonnen, meist in Übersee. Dort kommt es häufiger vor, daß man in großen Bleiwannen herumrührt und sich am Ende problematische Verunreinigungen in den Kristallen finden. Der ahnungslose Verbraucher merkt es erst dann, wenn seine Haut empfindlich reagiert. Werden billige Import-Alaune aus einfach kristallisiertem technischem Kalium-Aluminium-Alaun gefertigt, sind die lästigen Hautreaktionen durchaus mit denen von herkömmlichen Deos vergleichbar. Entzündungen der Schweißdrüsen kann niemand ausschließen. Vielfach kristallisierter Ammon-Alaun ist nicht nur nach Meinung der Verbraucherschützer besser verträglich. Deo-Kristalle können die Vermehrung der schweißzersetzenden Bakterien stoppen, sollten aber nicht zusammen mit Syndets verwendet werden. Besser ist Seife, weil so der pH-Wert stabil und der natürliche Säureschutzmantel der Haut erhalten bleibt.

Positiv aus dem Rahmen fällt Holzlehners Original Deo-Kristall, bei dem alle Herstellungschritte im eigenen Betrieb in Hannover erfolgen. Im Gegensatz zum überwiegend großtechnisch erzeugten Import-Alaun, der eigentlich primär für die Papierproduktion und Wasseraufbereitung gedacht ist, wird er nicht nur einfach, sondern vielfach, mindestens zwölf Mal, kristallisiert. Dadurch bekommt er eine gleichbleibende Struktur ohne Hohlräume und Bruchlinien. Das Verfahren ist nach Aussage von Firmenchef Holzlehner einmalig.

Oft ist Vorbeugung besser als sprühen

Ein vielfach vernachlässigter Aspekt ist das Thema Verpackung. Besonders bei konventioneller Ware steckt der Teufel nicht selten im Detail. Überflüssige Umkartons und Cellophanhüllen sind ärgerlich, Nachfüllflaschen bei Pumpzerstäubern bisher noch die Ausnahme. Der Öko-Test wurde schon vor Jahren an verborgenerer Stelle fündig: Etiketten, Metallic-Schriftzüge sowie Farb- und Klebstoffe enthielten chlorierte Kunststoffe wie PVC oder PVDC.

Für viele gehört das Deo zu jeder Morgentoilette, bei Frauen oft selbstverständlich in die Handtasche. Vor gedankenlosem Einsatz ist jedoch zu warnen. Bewußtes Essen, Streßabbau und bequeme, atmungsaktive Kleidung können helfen. Der Griff zum Deo ist bequem, aber kein Ersatz für gesunde Körperfunktionen.

Hans Krautstein

 

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