Bio-Margarine
Eine gesunde Alternative?
Margarine-Herstellung ist die Kunst, aus flüssigen
Ölen streichfähige Fette zu machen. Erfunden
wurde die Margarine 1869 vom französischen Chemiker
Hippolyte Mèges-Mouriès, der dafür
einen Preis von der Regierung erhielt. Damals hatte
man eine billige Alternative zur Butter gesucht. Von
pflanzlichen Rohstoffen war jedoch noch nicht die Rede,
denn Mèges-Mouriès' Entdeckung basierte
im wesentlichen auf einer Mischung aus Rindertalg
und Magermilch.
Auch heute sind längst nicht alle Margarinen rein
pflanzlicher Herkunft, sondern nur schätzungsweise
60 Prozent. Tierische Fette wie Fischöl, Rindertalg
und Schweineschmalz spielen nach wie vor eine gewisse
Rolle. Analytisch gesehen handelt es sich bei Margarine
um eine Fett-Wasser-Emulsion mit einem durchschnittlichen
Mischungsverhältnis von 80 zu 20. Standard-Margarine
hat einen Fettgehalt von mindestens 80 Prozent, fettreduzierte
Sorten wie Dreiviertelfett- (60-62 Prozent Fett) und
Halbfett-Margarine (40-42 Prozent Fett) liegen deutlich
darunter. Da der Wassergehalt zum Beispiel bei Halbfett-Margarine
bis zu 60 Prozent betragen darf, wird die elegant verpackte
Flüssigkeit vom Kunden mehr als teuer bezahlt.
Bei Pflanzenmargarine muß das Fett zu 97 Prozent
pflanzlicher Herkunft sein und 15 Prozent Linolsäure
enthalten. Ab 30 Prozent Linolsäure ist das Prädikat
"linolsäurereich" zulässig.
Als pflanzliche Öle finden bevorzugt Soja-, Sonnenblumen-,
Erdnuß-, Baumwollsamen- und Maiskeimöl bei
der Margarine-Herstellung Verwendung. Dazu kommen Fette
aus Kokosnüssen und der Ölpalmfrucht. Bei
der großen Masse der konventionellen Margarinen
werden die eingesetzten Öle/Fette raffiniert,
gehärtet und umgeestert. Dies hat zwar produktionstechnische
Vorteile, bringt aber auch eine Reihe von ernährungsphysiologischen
Nachteilen mit sich. Auf die Raffination, eine Art
"chemischer Reinigung", folgt das Härten
mit Hilfe von Nickelkatalysatoren. Hierbei werden die
ungesättigten Bindungen der Fettsäuren geknackt
und in gesättigte überführt. Bei der
Härtung und vor allem bei der Teilhärtung,
entstehen zahlreiche neue Verbindungen, deren gesundheitliche
Bedeutung zum Teil noch unerforscht ist. Im Blickpunkt
der Diskussion stehen die ebenfalls bei der Fetthärtung
entstehenden trans-Fettsäuren: sie sollen das
Herzinfarkt-Risiko erhöhen, sich negativ auf den
Zellstoffwechsel auswirken, dieÜ
Ü Bildung wichtiger Gewebshormone (Prostaglandine)
hemmen und an der Entstehung von Morbus Crohn (entzündliche
Darmerkrankung) beteiligt sein. Außerdem gelten
trans-Fettsäuren als krebserregend.
Ein Retortenfett - schlimmer als ein ungeprüftes
Medikament?
In manchen Margarinen erreicht ihr Anteil 20 Prozent,
was Ärzte schon vor zwei Jahrzehnten kritisch
kommentierten: "Ein vergleichsweise an Menschen
so wenig geprüftes Medikament hätte heute
keine Chance, von den zuständigen Kommissionen
die Freigabe zu erhalten". Mehrfach hatten Verbraucherschützer
in der Vergangenheit eine Kennzeichnungspflicht für
trans-Fettsäuren gefordert - bisher jedoch ohne
Erfolg.
Durch den nächsten Verarbeitungsschritt bei der
Margarine-Herstellung - die Umesterung (mit Natriumalkoholat)
und/oder Fraktionierung (Kälte-/Lösungsmitteleinsatz)
- wird aus der Fett-Wasser-Emulsion ein Produkt, dessen
Konsistenz und Schmelzverhalten sich problemlos dem
jeweiligen Zweck anpassen läßt. "Jetzt
schlägt die Stunde des Food-Designers", umschreibt
der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer ironisch den letzten
Schritt der industriellen Margarine-Fertigung - die
"Rekombination": Die Zugabe von Emulgatoren
(Lecithin, Mono- und Diglyceride) garantiert eine
streichfähige Mixtur, die beim Braten nicht
spritzt. Der Farbstoff Carotin gibt der Margarine den
goldgelben Teint der Butter, und Aromastoffe (diese
sind meist synthetisch hergestellt) peppen den Geschmack
auf. Eiweißzusätze (Casein, Lactose) besorgen
das gewünschte Bräunen in der Pfanne, und
Antioxidantien (Vitamin E, A) oder auch Konservierungsmittel
verlängern die Haltbarkeit. Gesetzlich vorgeschrieben
ist die Beigabe von 0,2 bis 0,3 Prozent Stärke,
um eine analytische Unterscheidung von der Butter
zu ermöglichen. Sorbinsäure, Glucosesirup
und Kochsalz - die Liste erlaubter Zutaten ist lang
und ein weiterer Grund dafür, daß Skeptiker
zum Unwillen der Margarine-Industrie häufig vom
Verzehr der "Retortenfette" abraten.
Zu einer pauschalen Verurteilung der Margarine besteht
allerdings nach Meinung von Fachleuten kein Anlaß.
In den Pflanzenmargarinen aus Naturkostläden sieht
auch der Verband Unabhängiger Gesundheitsberater
(UGB) eine echte Alternative, und nennt "gravierende
Unterschiede": Die Bio-Margarinen sind rein pflanzlich
und werden nicht gehärtet oder umgeestert, so
daß trans-Fettsäuren nicht oder allenfalls
in Spuren vorkommen. Diese potentiell toxischen Substanzen
werden auch im Magen von Kühen gebildet und finden
sich somit natürlicherweise in Butter, Käse
und Milch. Die Gefahr, die von ihnen ausgehen kann,
wird nach bisherigen Erkenntnissen durch die Anwesenheit
ungesättigter Fettsäuren merklich entschärft.
Die Alternative: Ungehärtete, nicht umgeesterte
Fette
Wer auf die Qualität seiner Nahrungsfette achtet,
muß daher nicht überängstlich sein
und kann bewußt gegensteuern. Durch den hohen
Anteil an unraffinierten, nativen Ölen liefern
die Naturkost-Margarinen reichlich Linolsäure
und wertvolle Fettbegleitstoffe wie die biologisch
wirksamen Glykolipide, die das Immunsystem beeinflussen.
Außer Sojalecithin als Emulgator, Zitronensaft
zur Steuerung des pH-Wertes und Karottensaft als Farbgeber
sind keine weiteren Inhaltsstoffe notwendig. Und, die
Zutaten der Streichfette aus dem Bioladen stammen inzwischen
zu mehr als 95 Prozent aus kontrolliert biologischem
Anbau. Dennoch müssen die Hersteller Kompromisse
eingehen: Um die freien Fettsäuren zu begrenzen
und unangenehme Färbungen zu vermeiden wird bei
Palmkern- und Kokosfett auf die Raffination zurückgegriffen.
Nicht-raffiniert sind die beiden festen Fette nur schwer
erhältlich. Um die Mindesthaltbarkeit gewährleisten
zu können, wird flüssiges Pflanzenöl
einer schonenden Wasserdampfbehandlung bei maximal
140 Grad unterzogen.
Die im Naturkostladen angebotenen Margarinen sind zweifellos
gesünder als konventionelle Ware, aber dennoch
zum Teil verbesserungswürdig. Den für die
Fett-Wasser-Verbindung unverzichtbaren Emulgator Sojalecithin
beziehen noch nicht alle Firmen in kbA-Qualität.
Nicht zuletzt wegen drohender Genmanipulation besteht
hier Handlungsbedarf. Der Zusatz von Vitaminen ist
zwar eher selten, doch sind auch synthetische Stoffe
noch nicht gänzlich tabu. In einem Fall (ALSAN-S)
enthält das zugesetzte künstliche Vitamin
D außerdem Lanolin, das aus dem Wollwachs von
Schafen gewonnen wurde. Die betreffende Margarine ist
also nicht hundertprozentig vegan.
Noch nicht sicher geklärt ist die Frage, ob Margarine
zum Braten geeignet ist. Manche Hersteller halten sie
für geeignet, wenn nur kurzzeitig auf rund 180
Grad erhitzt wird. Andere Stimmen empfehlen, Margarine
nicht über 150 Grad (Butter nicht über 110
Grad) zu erhitzen, denn aufgrund des hohen Wassergehalts
sei der Rauchpunkt eher niedrig und Braten demnach
ungünstig. Die Einschränkung gilt nicht für
das Dünsten, Kochen und Backen, denn hier werden
Temperaturen von 100 Grad selten überschritten.
Vom Braten als Garmethode rät der UBG im Rahmen
der Vollwert-Ernährung ohnehin tendenziell ab,
da die dabei benötigten Fettmengen zu einer beträchtlichen
Erhöhung der Gesamtfettzufuhr beitragen.
Margarine oder Butter: Eine Frage des Geschmacks?
Wer tierische Produkte vermeiden will und gerne Fett
auf's Brot schmiert, tut mit den meisten Margarinen
aus dem Bioladen einen guten Griff. Die Frage, ob Butter
nicht grundsätzlich gesünder ist, bleibt
davon unberührt. Nicht selten gerät der Streit
um "Butter oder Margarine" zum Glaubenskrieg,
in dem sich ernährungswissenschaftliche Fakten
und wirtschaftliche Interessen auf kaum zu entwirrende
Weise vermischen. Cholesterin allein taugt nicht als
Argument gegen die Butter, die wegen ihrer vielseitigen
Fettsäuremuster in einigen Kliniken bei Stoffwechselkrankheiten
bevorzugt wird. Andererseits sollten gesättigte
Fette nur sparsam verwendet werden - ein Argument für
die Margarine. Die vom Naturkosthandel verkauften Sorten
sind von guter Qualität. Auf viele der sonst üblichen
Verarbeitungsschritte wird verzichtet und der technische
Aufwand ist niedriger als oft unterstellt. Für
Veganer fallen zudem ethische Gründe positiv für
das Pflanzenfett ins Gewicht. Bei so viel Für
und Wider in beiden Richtungen wird die Kontroverse
ums richtige Streichfett letztendlich zu einer Frage
des persönlichen Geschmacks.
Hans Krautstein
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