Kaffee mit Anspruch

öko und fair

Kaffeegenuß gehört für viele Menschen zum alltäglichen Muß. Der schwarze Trank ist Antreiber und Entspanner zugleich - und Gedanken dazu kreisen meistens nur um das rechte Maß. Immer mehr VerbraucherInnen legen inzwischen jedoch Wert auf die ökologische und ethische Qualität dieses Produktes. Sie finden im Naturkostladen kontrolliert biologisch erzeugte Kaffeebohnen, die auch dem Fair-Trade-Anspruch gerecht werden. Vor Ort konnte sich Christiane Schmitt für Schrot & Korn - Das Naturkostmagazin davon überzeugen, wie Ökologie und soziales Engament ineinandergreifen.

Bio-Anbau unter schwierigsten Bedingungen
Unter der tropischen Sonne leuchten die roten Kaffeekirschen. Dem Bio-Inspektor steht beim Ausfüllen der Kontrollbögen der Schweiß auf der Stirn. Im heißen Osten Boliviens leben Hunderte von Familien vom ökologischen Kaffee-Anbau - obwohl ihnen weite Transportwege und empfindliche Böden das Leben nicht einfach machen. Sie erzeugen Kaffee, der in deutschen Naturkostläden verkauft wird.
Der Landrover heizt über die rote Sandpiste. Bis zum Horizont nichts als Buschwerk und Wald, hier und da unterbrochen von Rinderweiden und kleinen Seen. Die Schlaglöcher schütteln die Insassen kräftig durch. "Bei diesen Wellblechpisten darf man nicht zu langsam fahren", ruft mir Manfred Bienert vom Fahrersitz erklärend zu, "sonst ruckelt es noch mehr." Angesichts des Motorenlärms nicke ich nur. Der Agraringenieur, der für den Deutschen Entwicklungsdienst (ded) bei der Kaffeekooperative MINGA arbeitet, muß es wissen. Schließlich ist er schon seit zwei Jahren Entwicklungshelfer hier im bolivianischen Osten, in der Chiquitanía.
Wir passieren zwei kleine Dörfer, biegen ab. Die Straße wird schmaler. Und noch holpriger. "Aquí, aquí!" - "Hier, hier!" rufen die MINGA-Mitarbeiter, die im Fond des Wagens sitzen. Aufgeregt deuten sie auf eine unscheinbare Lücke im Gestrüpp am Wegesrand - der Zugang zur ersten Kaffeeplantage, die wir heute besuchen wollen. Der Bauer wartet schon auf uns. Rückt seinen Hut zurecht. Die kleine Machete an seinem Gürtel blitzt.
Heute beginnt die jährliche Inspektion der MINGA-Produzenten. Raúl Aguirre macht sich gleich an die Arbeit. Der Forstingenieur, der in Costa Rica eine Zusatzausbildung für biologische Anbauweise absolviert hat, kommt von der unabhängigen Organisation BOLICERT. Eigentlich müßte er bei dieser externen Kontrolle die Arbeit von 33 Prozent der Ökokaffee-Bauern in Augenschein nehmen. "Tatsächlich ist das kaum zu schaffen", schätzt Manfred Bienert nüchtern. Die Wege seien zum Teil einfach zu weit - selbst bei guten Wetterbedingungen. Die 701 Kaffeeproduzenten von MINGA leben in einem dünn besiedelten Gebiet von der Größe Bayerns mit nicht einer einzigen Asphaltstraße. Aguirre und seine Kollegen bemühen sich trotz solch ' ' widriger Voraussetzungen um einen korrekten Ablauf der Zertifikation, nicht zuletzt weil ihnen auch ausländische Anbau-Organisationen wie Naturland auf die Finger schauen.
Juan Pasabare, der uns empfangen hat, führt uns auf die Plantage. Er bearbeitet mit sieben weiteren Kaffeeproduzenten 3,5 Hektar. Diese Gemeinschaftsarbeit sei typisch für die Region, erzählt Manfred Bienert. Im Chiquitano, der hiesigen indianischen Sprache, wird sie "Minga" genannt und stand Pate, als vor 15 Jahren ein Name gesucht wurde für die neu gegründete Kaffeekooperative.
Die Plantage steht gut da: Zwischen den Kaffeesträuchern, aus denen die roten Kirschen leuchten, wachsen Bananenstauden und Baumwollbüsche für den Eigenbedarf. Nur mit den Schattenbäumen ist Raúl Aguirre nicht zufrieden. Die Kaffeepflanzen bräuchten viel mehr Schutz, rügt er. Es war ohnehin ein Wagnis, als - mit deutscher Unterstützung - in den 80er Jahren der Anbau von Arabica-Kaffee in der Chiquitanía begann. Nicht nur, weil die Bauern mit der ihnen fremden Kultur keine Erfahrung hatten und die Böden relativ nährstoffarm sind. "Die Lage ist für Arabica eigentlich zu niedrig", Manfred Bienert kann ein leichtes Kopfschütteln über die damaligen deutschen Pläne nicht unterdrücken, "wir befinden uns ja nur auf knapp 400 Meter über dem Meeresspiegel - für Hochlandkaffee etwas dürftig." Auf der Motorhaube trägt Raúl Aguirre seine Beobachtungen in den Kontrollbogen ein und geht mit dem Bauern nochmals die Punkte durch, die verbessert werden sollen.

Fruchtfleischreste sind wertvoller Dünger
Die Fahrt im Landrover geht weiter. San Josema heißt die nächste Station, die wir nach einer guten Stunde erreichen. Durch einen Stacheldrahtzaun gelangen wir auf einen Trampelpfad, der zu einem überdachten Unterstand führt. Ein beißend-vergorener Gestank steigt uns in die Nase. Wir stehen vor dem Entpulper von Ciro Soriocó, dem nächsten Bauern auf Raúls Liste. Hier wird nach ' ' der Ernte das Fruchtfleisch - die Pulpe - von der Kaffeekirsche entfernt; erst dann kommen die Kerne mit dem Samen, der eigentlichen Kaffebohne, zum Vorschein.
Raúl Aguirre schlägt in seinen Unterlagen nach: Schon im vergangenen Jahr hatte er Señor Soriocó eingeschärft, daß er die Fruchtfleischreste nicht einfach vor dem Entpulper verrotten lassen darf. "Die Pulpe könnte einen wunderbaren Biodünger abgeben, stattdessen ist sie hier nur Nährboden für Ungeziefer und droht, den Dorfteich zu verseuchen", erklärt mir der Kontrolleur mit leichtem Unverständnis in der Stimme und deutet auf das Gewässer nebenan. Eine Frau wäscht dort gerade am Ufer ihre Wäsche, Kinder planschen laut juchzend im seichten Wasser.
Der Pfad führt weiter zum Haus der Familie Soriocó. Ein schwarzes Hausschwein begrüßt uns mit einem Grunzen, ein paar Hühner nehmen flatternd Reißaus. Der Bauer kommt uns entgegen. Handschlag und obligatorisches Schulterklopfen. Seine Frau verschwindet in der Lehmhütte. Im dunklen Innern lassen sich nur ein paar Hängematten und ein einfaches Holzschränkchen ausmachen. Sie sucht nach der Mappe mit dem Vertrag und den Normvorgaben, die ihr Mann dieses Jahr von MINGA erhalten hat, und bringt sie der Gruppe. Die hat mittlerweile ein schattiges Plätzchen vor dem Eingang der Hütte gefunden. Raúl Aguirre spricht in ruhigem, aber bestimmten Ton über die Lage beim Entpulper und über die hygienischen Gefahren.
Manfred Bienert nimmt mich zur Seite und zeigt mir den Trog, in dem die Kerne nach dem Entpulpen über Nacht fermentiert werden. Bei dem Gärungsprozeß helfen Bakterien, letzte Fruchtfleischreste abzulösen. Nachdem die Kaffeebohnen gewaschen sind, kommen sie auf die Trockenfläche. Dann kann das relativ feuchte Wetter in der Region, das den Bauern die Bewässerung der Kaffeepflanzen erspart, schnell zum Nachteil werden. "Dieses Jahr hat es leider während des Trocknens schon geregnet", berichtet Manfred Bienert, "dann müssen die Bauern rasch die Trockenflächen räumen." Sind die Bohnen erst naß geworden, fermentieren sie weiter und sind nicht mehr erste Wahl. Mit einer leichten Kopfbewegung deutet Bienert auf ein paar Säcke, die an der Hauswand lehnen. "So abgefüllt kommen die getrockneten Bohnen dann zu uns zur MINGA nach San Ignacio de Velasco."
Der kleine Ort, einst von Jesuiten als Missionsstation gegründet, ist Sitz der Kooperative. Dort laufen die Fäden für die Vermarktung des Kaffees zusammen. Als ich ein paar Tage später das windschiefe Firmentor passiere, sagt mir der herbe Duft von frisch geröstetem Kaffee, daß ich hier richtig bin. Ein Taxi ist gerade vorgefahren. Eine Frau und ein Mann laden Kaffeesäcke vom Rücksitz und aus dem Kofferraum aus. Der Aufkäufer von MINGA entnimmt eine Probe und überprüft mit einem kleinen Gerät den Feuchtigkeitsgehalt der Bohnen. Die Lieferung muß zum Nachtrocknen, bedeutet er.
Mit einem holzbefeuerten Ofen werden die Bohnen auf fünf Prozent Restfeuchte heruntergetrocknet; bis zum Export klettert der Wert wieder auf zehn Prozent. - "Wenn es ideal läuft", schränkt Harald Ort ein. Er ist der zweite Mann vom ded, der bei MINGA arbeitet. Seit einem Jahr ist er für die kaufmännische Seite verantwortlich und steht in Kontakt mit Abnehmern in Deutschland, Japan und den Niederlanden.
Doch ehe der Kaffee die weite Reise antreten kann, muß er mehrere Verarbeitungs- und Auswahlstufen durchlaufen. In der Fabrikhalle steht eine große Maschine. Mit ohrenbetäubendem Lärm schluckt sie die fertig getrocknete Ware und spuckt hinten nach Normgröße und -gewicht sortierte Bohnen wieder aus. Ein überdimensionaler Fleischwolf hat dann die Kerne bereits geschält und das Silberhäutchen von den Kaffeebohnen poliert, Schmutzpartikel wurden herausgesiebt.

Der Ausschuß landet auf dem lokalen Markt
Die Feinarbeit wird schließlich von Hand gemacht. An acht langen Tischen sitzen Sortiererinnen. Sie müssen darauf achten, daß keine ungleichmäßig gefärbten oder geformten Bohnen in den Export kommen. Wieso so viele Kinder an den Sortiertischen sitzen? Das sei eine Ausnahme, erklärt Harald Ort, heute streikten die Lehrer, da hätten die Mütter kurzerhand die Kinder mit zur Arbeitsstelle gebracht. Etwa 20 Bolivianos - rund sieben Mark - verdient eine Frau pro Tag.
"Das, was sie aussortieren, ist für den lokalen Markt - da sind die Vorgaben bei weitem nicht so streng." Die Männer vom ded trinken trotzdem den hiesigen Café MINGA gern. Der wird auf dem Gelände auch geröstet und fertig gemahlen. Die Exportbohnen liefert MINGA ungeröstet. Für hundert "libras de café", rund 45 Kilo, garantiert der Fair-Handels-Partner aus Deutschland TransFair einen Mindestpreis von 121 Dollar. Davon sind die Entwicklungs- und Bioprämien, zusammen 15 Dollar, ausdrücklich für Gemeinschaftsaufgaben der MINGA bestimmt. Unter anderem für Schulungen, in denen beispielsweise der Kaffeeproduzent Ciro Soriocó alles über Biodünger aus Pulpe erfahren kann.
Christiane Schmitt



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