Hildegard von Bingen
Naturheilkunde als "Geschenk Gottes"
Vom "Hildegard-Jahr" 1998 ist derzeit viel
die Rede. Gefeiert wird eine außergewöhnliche
Frau, die im Mittelalter Geschichte schrieb wie nur
wenige ihrer ZeitgenossInnen. Lange vergessen und verdrängt,
erleben ihre Entdeckungen heute eine verblüffende
Renaissance. Während die Visionen der religiösen
Mystikerin nur wenige Gläubige überzeugen,
scheint das Wirken der "Ärztin" und
"Apothekerin" für viele Menschen von
Interesse. Das ganzheitliche Weltbild der "ersten
deutschen Naturforscherin" ist 900 Jahre nach
ihrem Geburtstag aktueller denn je.
Sie selbst bezeichnete sich gerne als "ungebildete
Frau", die nur mit "schwachem Posaunenton"
verkünde, was Gott ihr eingebe. Angesichts der
Lobeshymnen ihrer ZeitgenossInnen wirkt die Bescheidenheit
der Hildegard von Bingen (1098-1179) fast schon kokett.
Die Liste der ihr zugedachten Ehrentitel ist eindrucksvoll:
Ärztin, Künstlerin, Prophetin, Heilige und
Genie, die Aufzählung ließe sich problemlos
fortsetzen. Mit vielen bekannten Persönlichkeiten
des 12. Jahrhunderts hat sie korrespondiert, in ihrer
unerschrockenen Art las sie Fürsten und Bischöfen,
ja sogar dem Kaiser Barbarossa (Friedrich I.) die Leviten.
Schon zu Lebzeiten war sie so etwas wie ein "Star",
der auf ausgedehnten Predigtreisen die Massen in seinen
Bann zog. Vom einfachen Volk geliebt und von ihren
Mitschwestern geachtet, verschaffte sich Hildegard
auch bei den Mächtigen in Kirche und Staat Respekt.
Ihr Rat war allseits gefragt. Nach ihrem Tod wurde
es stiller um die tapfere Nonne, und obwohl man überall
Hildegardfeste feierte und ihr Bild viele Heiligenkalender
schmückte, schlugen Versuche zu einer offiziellen
Heiligsprechung mehrfach fehl. "Die Inhalte von
Hildegards Botschaft haben die Menschen lange Zeit
nicht sonderlich interessiert - aber die Wunderkraft
der angeblichen Zauberärztin brachte immer neue
Legenden hervor", schreibt der Fachjournalist
Christian Feldmann in seinem Buch "Hildegard von
Bingen - Nonne und Genie".
Natur- und heilkundliche "Visionen"
Hildegards "Naturkunde" (Physica), wohl die
erste in deutscher Sprache, enthält differenzierte
Angaben über Wesen und Wirken von mehr als 500
Pflanzen und Tieren, Edelsteinen und Metallen. Exakte
Beschreibung geht Hand in Hand mit ehrfürchtigem
Staunen, in Hildegards Kosmos ist alles mit allem verbunden
und in jeder Kreatürlichkeit ist "Gottes
Liebe" gegenwärtig.
Dies gilt auch für die "Heilkunde" (Causae
et Curae), wo Hildegard viele praktische Behandlungsratschläge
erteilt. Sie lobt z.B. die Kraft von Wels und Hecht.
Schweinefleisch dagegen "ist nicht gesund (...)
und von jedem Hautkranken zu meiden". Auf gichtbefallene
Körperstellen legt sie Edelsteine (Jaspis), starken
Monatsblutungen kommt sie mit Sellerie-Umschlägen
bei. Ihr ganzheitlicher Ansatz umfaßt neben unzähligen
Heilmitteln (Kräuter, Edelsteine, Lebensmittel)
als weitere wichtige Säulen: die Diät, die
Ausleitung von krankmachenden Stoffen und das Fasten.
Die Überzeugung, daß Krankheit und Leiden
auf ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Körper,
Seele und Geist und nicht zuletzt auf falsche Lebensführung
zurückgehen, wurde selten so anschaulich und eindringlich
formuliert. Aus welcher Quelle Hildegard ihre Kenntnisse
bezog, ist allerdings heftig umstritten. Die einen
sehen in ihnen von Gott inspirierte, visionäre
Eingebungen, die weit über den damaligen Wissensstand
hinausgehen, die anderen glauben sie primär verankert
in der Tradition mittelalterlicher Kloster- und Volksmedizin
und den Überlieferungen antiker Heilkunst. Tatsache
ist, daß intensive Naturbeobachtung, Arbeit im
Kräutergarten und medizinische Krankenpflege zum
Klosteralltag gehörten und nicht nur für
Hildegard einen reichen Erfahrungsschatz bereitstellten.
Dennoch verwundern ihr ungeheures Detailwissen und
ihre intuitive Gesamtschau .
Stand früher die religiöse Mystikerin im Zentrum
der Hildegard-Verehrung, so prägt in jüngster
Zeit eine Flut von Veröffentlichungen über
die "Ärztin und Apothekerin" Hildegard
das Bild. Oftmals ist es gewaltig verzerrt, viele suchen
die gottesfürchtige Benediktinerin zu vereinnahmen.
Der moderne Kult treibt abstruse Blüten und pendelt
zwischen naiv-esoterischer Verklärung und knallhartem
Geschäft. Auch hält nicht alles, was die
Nonne geäußert hat, heute einer kritischen
Überprüfung stand. Die Stiftung Warentest
ging sogar so weit, vor einer unbefragten Übernahme
Hildegard'scher Therapien zu warnen.
Die Ideen der Hildegard von Bingen sind trotz aller
Hellsichtigkeit ihrer Zeit verhaftet. So empfahl sie
Schröpfen und Aderlaß zur Ausleitung "schädlicher
Säfte", freilich nicht so blindwütig
wie noch viele Ärzte-Generationen nach ihr, sondern
immer mit Maß. "In ihren gynäkologischen
Rezepten", so der Schulmediziner Claus Schulte-Uebbing,
"steht auch viel Unsinn drin". Der Autor
zweier Hildegard-Bücher sucht für seine Praxis
aus Hildegards Natur- und Erfahrungsheilkunde nur das
heraus, "was sich bewährt hat", doch
dies scheint nicht gerade wenig zu sein. "Ich
denke, daß Hildegard einem Tumor-Patienten ganz
viel zu sagen hat, was die Seele und Psyche anbelangt."
Wertvolle Käutertips und Absage an die Rohkost
Naturheilkundler finden bei der Äbtissin wertvolle
Informationen über die Wirkungen von Heilkräutern
und zahlreiche Ernährungsempfehlungen. Salbeiauflagen
z.B. sollen den Hormonhaushalt regulieren und die Empfängnisbereitschaft
fördern, sie seien außerdem angezeigt bei
Regelstörungen und Inkontinenz (Blasenschwäche).
Aloe soll im Verein mit Myrrhe und Mohnöl halbseitigen
Kopfschmerz lindern. Lavendel wird eingesetzt gegen
Brustbeschwerden der Frau, und Eschenblätter für
den ungehinderten Stuhlgang. Andere Kräuter wie
Galgant, Bertram oder Quendel können auch als
Gewürze verwendet werden. (Sie werden heute als
"Hildegard-Kräuter" u.a. in Naturkostläden
angeboten.)
Besonders Hildegards Loblied auf den Dinkel ist längst
wissenschaftlich erklärbar, und viele Naturkostfreunde
stimmen darin überein. Gottfried Hertzka, der
mit seinen Publikationen die Renaissance der Hildegard-Medizin
einleitete, stellt das "Wundergetreide" sogar
auf ein sehr hohes Podest: "Im Falle einer Krebskrankheit
würde ich mich mit einem Sack voll Dinkel auf
eine Alm zurückziehen, um dann zu sehen, wer stärker
ist, der Krebs oder der Dinkel." Im Gegensatz
zu vielen anderen ist Hertzka davon überzeugt,
daß "Hildegards Wissen aus der Weisheit
Gottes stammt". Er folgt ihr auch in der skeptischen
Beurteilung ungekochter Nahrung: "Die natürliche
Darmflora wird durch Rohkost geschädigt, geht
in Fäulnis und sogar in Pilzinfektionen über,
worunter speziell das Abwehrsystem leidet. Man wird
also gut daran tun, in der Hildegard-Küche alles
zu kochen, zu dünsten bzw. mit Beizen oder sogenannten
Dressings vorher anzumachen und zu entgiften."
Manchen mögen diese Ausführungen befremden,
so auch Hildegards Bemerkungen über weitere Lebensmittel.
Das Olivenöl "taugt nicht sehr viel, weil
es Brechreiz hervorruft (...). Aber es nützt für
sehr viele Medikamente." Von Leinöl und Leinsaat
rät Hildegard ab, ebenso von Linsen, Kohl, Erdbeeren,
Pflaumen, Ingwer und besonders von Lauch. "Dem
Menschen macht er ruheloseste Sinnengier. Roh ist er
(...) so widerlich und schlecht zu essen wie eine nutzlose
Giftpflanze." Wer Lauch trotzdem verspeisen wolle,
solle ihn in gesalzenem Wein oder Essig beizen. Auf
ein striktes Verbot oder Schwarzweißmalerei trifft
man bei Hildegard jedoch kaum. "Das Maß
des Nutzens und Schadens im einzelnen abzuwägen
kennzeichnet in unübertrefflicher Weise die Hildegard-Küche"
(Hertzka). Entscheidend für die "Bewertung"
der Lebensmittel wie auch der gesamten belebten und
unbelebten Natur ist für Hildegard die jeweilige
Arteigenheit, die "Subtilität". Das
heißt, Pflanzen, Steine, Tiere und Menschen lassen
sich nicht auf grobstoffliche Analysewerte reduzieren.
- Meßmethoden der modernen Wissenschaft (zum
Beispiel die Biophotonenmessung nach Popp) kommen dieser
von Hildegard erahnten Tatsache allmählich auf
die Spur.
Wer morgens gerne wie ein Kaiser tafelt, dem wird Hildegards
Rat kaum gefallen, bis gegen Mittag auf ein Frühstück
zu verzichten. Auch soll man "Obst und alles andere
Saftige und Flüssigkeitshaltige wie Grünzeug
bei der ersten Mahlzeit meiden, weil solches einen
Faulstoff und Verschleimung (...) hineinbringt."
Warme Speisen sollten den Auftakt bilden, damit die
Verdauung "angeheizt" wird und der Magen
nicht unterkühlt.
Streitbare Empfehlungen zum Thema Trinken
Völlig konträr zu gängigen Ernährungslehren
liegt auch Hildegards Umgang mit dem Thema Trinken.
Die Rangordnung der Getränke, die Hertzka anführt,
überrascht: "Wein, Bier, Met, Tee (Wasser)."
"Ohne durch Krankheiten (Rheuma) gezwungen zu
sein, sollte kein Mensch nüchtern trinken",
schreibt Hildegard. Während Bier "die Fleischpartien
des Menschen wachsen läßt und wegen der
Stärke und Güte dieses Getreidesaftes ihm
eine schöne Färbung seines Gesichtes macht",
besitzt das Wasser "Mängel und keine große
Wertigkeit." Vor allem bei der Diät von Lungenkranken
sei Bier Wasser und Wein vorzuziehen, "weil Bier
etwas Gekochtes ist".
Die Beispiele sind nicht gewählt worden, um Hildegard
Irrtümer nachzuweisen, sie zeigen aber, wie notwendig
eine differenzierte Betrachtung ist und wie wenig hilfreich
ein Pauschalurteil. Brauchbares und Fragwürdiges
stehen oft nebeneinander, wer unnötige Risiken
vermeiden will, sollte die alten Rezepturen eingehend
prüfen.
Viele Ärzte und Heilpraktiker haben in den vergangenen
Jahren im Sinne Hildegards erfolgreich therapiert.
In Allensbach arbeitet der Naturwissenschaftler und
Heilpraktiker Wighard Strehlow seit über zehn
Jahren fast ausschließlich mit Hildegard-Arzneien,
die er gelegentlich durch Homöopathika ergänzt.
Strehlow hat die Praxis von "Altmeister"
Hertzka übernommen, der von der Schulmedizin
kam, sich aber bald der Heilkunde nach Hildegard zuwandte.
Deren Einsatzgebiet sieht Strehlow nicht auf wenige
Spezial-Indikationen oder akute Bagatellerkrankungen
beschränkt. Vielmehr könne man damit die
ganze Bandbreite naturmedizinischer Behandlung bis
hin zu chronischen Leiden abdecken.
Überzeugt von Hildegard-Heilmitteln ist auch
die Münchner Apothekerin Lydia Meinhold, die hier
eine echte Alternative sieht zum "Wahnsinn der
chemischen Industrie". Meinholds Max-Emanuel-Apotheke
hat eine Fülle von Hildegard-Arzneien im Sortiment.
Spezialisiert auf Naturheilmittel nach den Vorschriften
der Hildegard von Bingen ist außerdem die Firma
JURA in Konstanz.
"Was uns die mittelalterliche Medizin voraushat,
ist die enge Verbindung von Heilkunst und Lebenskunde",
stellt der Journalist Christian Feldmann fest. Hier
liegt unbestritten Hildegards Verdienst. Auf ihre Weise
war die Klosterfrau eine frühe Wegbereiterin der
modernen Naturheilkunde und der psychosomatischen Medizin.
Hans Krautstein
-
Keine Revolutionärin, aber eine charakterstarke
Frau
Was in Hildegards Biografien Dichtung ist und was Wahrheit, läßt sich im Nachhinein oft schwer trennen. Jeder historische Rückblick wandert auf solch schmalem Grat. Doch obwohl die biographischen Fakten spärlich und nur wenige Originalhandschriften erhalten sind, zeichnen die vorliegenden Zeugnisse ohne Zweifel das Bild einer ungewöhnlichen Frau. Als zehntes und letztes Kind einer Adelsfamilie 1098 in Bermersheim bei Alzey (Rheinhessen) geboren, wurde Hildegard schon im Alter von acht Jahren in die zum Mönchskloster Disibodenberg gehörende Nonnenklause eingeführt, wo sie später ihre Gelübde als Benediktinerin ablegte. Nach dem Tod ihrer Lehrmeisterin Jutta von Spanheim wurde Hildegard 1136 einstimmig zur neuen Äbtissin ihres Klosters gewählt. Zwar hatte sie nach eigener Aussage bereits seit dem dritten Lebensjahr Visionen, doch erst 1141 erschien der 42-Jährigen ein "himmliches Gesicht", das ihr Leben veränderte: "Gebrechlicher Mensch, (...) sage und schreibe, was du siehst und hörst!" Die unsichere Hildegard soll sich zunächst gesträubt und in Krankheit geflüchtet haben. Dann suchte sie Halt beim damals schon legendären Bernhard von Clairvaux. Innere Ruhe aber fand sie erst, als Papst Eugen III. ihre Sehergaben bestätigt, sie noch ermuntert und die förmliche Erlaubnis zum Schreiben erteilt.
Zahlreiche Arbeiten der umtriebigen Nonne liegen uns heute in Abschriften vor, dazu ein umfangreicher Briefwechsel. Das theologische Hauptwerk "Scivias" ("Wisse die Wege") machte Hildegard mit einem Schlag im ganzen Land bekannt, ihre natur- und heilkundlichen Betrachtungen sind in den Büchern "Physica" und "Causae et Curae" niedergelegt. Es ist allerdings gut möglich, daß einzelne Textteile nicht von der Äbtissin stammen, manche Fachleute zweifeln sogar an der Urheberschaft des Gesamtwerks.
Hildegards weltliches Engagement ist keineswegs über jeden Zweifel erhaben. Anders als manche ihrer Zeitgenossen war sie politisch konservativ und sprach sich entschieden gegen die Aufnahme von Nichtadligen ins Kloster aus, gleichzeitig war sie für die fromm verbrämte Schlächterei der Kreuzzüge und für den Krieg gegen die als Ketzer geltenden Katharer. Eine Revolutionärin war sie gewiß nicht, die Ständegesellschaft erschien ihr als gottgegeben und sie wollte diese "natürliche" Ordnung zu keiner Zeit sprengen. Trotzdem hat sie es gewagt, der Obrigkeit zu trotzen, auch noch kurz vor ihrem Tode. Die Weisung des Mainzer Prälaten, die Leiche eines mit Kirchenbann belegten jungen Verbrechers zu exhumieren, führte zum Konflikt. Hildegard hatte dem reuigen Sünder seinen letzten Wunsch erfüllt und nahm in Kauf, daß man ihrem Rupertsberger Kloster die Ausübung von Gottesdienst, Psalmengesang und Kommunion untersagte. Das Interdikt wurde nach einigen Monaten wieder aufgehoben, doch viel Zeit war der Äbtissin nicht mehr vergönnt. Am 17. September 1179 starb sie, über die genaue Todesursache ist nichts bekannt.
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