Bio-Saatgut "Das Brot von morgen"

Saatgutwerkstatt Bingenheim:
Kampf gegen Gentechnologie vor der eigenen Haustür

  • siehe auch: "Ferme de Sainte Marthe:
    Grüner Medienstar als Streiter für Bio und gegen Gentechnik" (SUK 3/98)

    Biologisches Saatgut ist im Gemüseanbau nach wie vor Mangelware. Wer deshalb nach konventioneller Ware greift, gerät schnell in die Fänge der Multis. Die setzen auf Hybriden und zunehmend auch auf Gentechnik. Höchste Zeit für die Bio-Betriebe, eigene Züchtungswege auszubauen. Die deutsche Saatgutwerkstatt Bingenheim und die französische Ferme de Sainte Marthe gehen mit gutem Beispiel voran.

    Nur 15 bis 20 Prozent des von BioGärtnern ausgestreuten Saatguts kontrolliert ökologischer Herkunft. Weil das Angebot der Nachfrage hinterher hinkt, dürfen sich die Mitgliedsbetriebe der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau (AGÖL) auf dem konventionellen Markt bedienen. Dort jedoch geben wenige große Konzerne den Ton an. Sie forcieren die Züchtung homogener Hybridsorten (Inzuchtlinien) und öffnen den Genmanipulateuren bereitwillig ihre Tore. Bio-Betrieben dagegen ist der Einsatz gentechnisch veränderter Sorten ebenso wie die Verwendung von chemisch-synthetischen Beizmitteln untersagt. Während Landwirte einen Großteil ihrer benötigten Samen (Getreide, Kartoffeln) selbst nachbauen oder auf zertifizierte Ware zurückgreifen können, kommt es bei den Gemüsegärtnern häufig zu Engpässen. Um die zu überwinden, suchen kleinere Erzeuger verstärkt die Kooperation. Ihre gemeinsame Überzeugung: Nur mit eigenen Herstellungs- und Vermarktungsschienen im Saatgutbereich kann die Bio-Branche ihre hohen Qualitätsstandards halten und ihre Unabhängigkeit bewahren.

    Knapp 80 Gemüsebauern aus dem In- und Ausland haben sich im Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau zusammengefunden, der die Kräfte vieler Einzelbetriebe zu bündeln versucht. Die meisten von ihnen sind bei Demeter, aber auch Bioland- und Naturland-Gärtner gehören der losen Vereinigung an. Ihr Herzstück ist die Saatgutwerkstatt in Bingenheim (Wetterau), wo Mitarbeiter der dort ansässigen heilpädagogischen Lebensgemeinschaft alle notwendigen Schritte von der Aufbereitung bis zur Vermarktung des angelieferten Saatguts organisieren. Anfangs genügte hierfür ein umgebauter Stall, inzwischen sind so viele Arbeiten hinzugekommen, daß auch die 1995 eingeweihte neue Saatgutwerkstatt fast an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Hier werden die Samen nicht nur getrocknet, gereinigt, sortiert, gewogen und abgepackt. Von zentraler Bedeutung ist auch die Prüfung auf Keimfähigkeit im hauseigenen Labor. Solche und andere Untersuchungen (auf Reinheit, Feuchtigkeitsgehalt, Sortenechtheit) schreibt das Saatgutverkehrs- und Sortenschutzgesetz vor. Diverse Forschungen sowie Zuchtmaßnahmen und Sortenversuche finden in der Bingenheimer Gärtnerei und verschiedenen anderen Betrieben des Initiativkreises statt.

    Die Saatgut-Produktion läuft also. Die Vertriebsfirma Allerleirauh GmbH übernimmt den Saatgut-Versand an den Endverbraucher und an Wiederverkäufer. Karin Heinze, eine der drei Geschäftsführerinnen, ist froh, seit kurzem attraktive Verkaufsständer (Displays) anbieten zu können, die auch in Naturkostläden Platz finden und Hobbygärtner von der Qualität des Bio-Saatguts überzeugen sollen. Bisher kommt die Mehrzahl der Kunden aus den Reihen der Berufsgärtner, die im neuen '98er Katalog eine reichhaltige Auswahl antreffen: 188 Gemüsesorten (53 Arten) sowie die Samen von 32 verschiedenen Kräutern und 69 Blumen und Heilpflanzen.

    Bewußter Verzicht auf Hybriden

    Hybriden sucht man in der Liste des Initiativkreises nach wie vor vergeblich. Die durch wiederholte Selbstbestäubung entstandenen Inzuchtlinien gelten als genetisch ärmer und bilden - nach einem kurzen Zwischenhoch - ziemlich bald schwache Kümmerformen aus. Für die von Bio-Anbauern bevorzugte Erhaltungszüchtung am Standort (in situ) sind Hybriden daher ungeeignet. Trotzdem scheinen sie in der Szene nicht grundsätzlich tabu. Die oft genannten Gründe: Vorteile in punkto Vermarktungssicherheit, Schädlingsresistenz und Ertrag. Allerleirauh geht einen anderen Weg und nimmt dafür gewisse Nachteile in Kauf. Weil es kaum alte, samenfeste Broccoli-Sorten mehr gibt, hat man das Gemüse überhaupt nicht im Sortiment.

    Die Hybridenzüchtung ist auf dem Vormarsch und droht viele bewährte Gemüsesorten zu verdrängen. Gentechnisch verändertes Saatgut, so Heinze, wird diesen Prozeß noch beschleunigen. Weder Landwirte noch Gärtner hätten etwas davon, umso mehr aber die wenigen Monopolisten, die mit den manipulierten Samen gleich die passenden Spritzmittel an den Mann bringen.

    Die langfristige Bedrohung durch Gentechnik sehen viele, doch kaum einer ist ihr schon jetzt so hautnah ausgesetzt wie die Bingenheimer. Nur fünf Kilometer entfernt vom Demeter-Zuchtgarten hat die Hoechst- und Schering-Tochter AgrEvo 1995 in Melbach einen Freisetzungsversuch mit genmanipuliertem Mais und Raps gestartet. Das Robert-Koch-Institut als Genehmigungsbehörde sah in der Nähe des Experimentierfeldes zum anerkannten Vermehrungsbetrieb für biologisches Saatgut keinerlei Problem. Ein Eilantrag der Gentech-Gegner zur Einstellung der Versuchsreihe scheiterte, eine vorläufige Niederlage bescherte auch das Gerichtsverfahren in der ersten Instanz. Die Platzbesetzer von der Bürgerinitiative "Die Wühlmäuse" wurden im letzten Versuchsjahr in einer spektakulären Räumungsaktion von einem großen Polizeiaufgebot vertrieben. Nachdem der Mais im Herbst 1997 geerntet wurde, ist vorläufig Ruhe eingekehrt. Doch die ist trügerisch. Die Firma Monsanto, so Karin Heinze, suche derzeit zwei neue Standorte in Hessen. Und wie es im Nachbarort Melbach weitergeht, sei ungewiß.

    Gen-Transfer zu befürchten

    Falls es zur ursprünglich geplanten Freisetzung genveränderten Rapses komme, seien die Risiken kaum abzuschätzen. Die Tatsache, daß sich Raps im Gegensatz zum Mais leicht auskreuze, mache die Aussaat von Gen-Raps besonders gefährlich. Auf diesen Umstand wies auch das Öko-Institut Freiburg in einem Gutachten hin. So seien die gegen das Total-Herbizid BASTA unempfindlichen Resistenzgene "in Europa anscheinend nicht heimisch" und könnten überall dort, wo BASTA eingesetzt wird, eine "Veränderung des Populations- und Artengefüges der Bodenmikroorgamismen" in bisher unbekanntem Ausmaß bewirken. Der durchaus wahrscheinliche Gen-Transfer von "Viren oder Virus-Satelliten auf ökologisch angebaute Kulturen" stelle eine "Eigentumsverletzung" dar.

    "Wir brauchen kein Gen-Saatgut", sagt Heinze, und spricht dabei nicht nur in eigener Sache. Viele Verbraucher seien zurecht darüber empört, daß sich Gentechnik ungefragt und klammheimlich in ihren Alltag einschleiche. Bei Käse (Lab) und Brot (Hefe) laufe die Unterwanderung bereits auf Hochtouren. Was die manipulierten Gene im Boden anrichten und welche Rolle bei ihrer Übertragung Insekten oder Mikroorganismen spielten, könne heute niemand sagen.

    Angesichts des Damoklesschwertes, das über Bingenheim hängt, wird die Erzeugung biologischen Saatguts nicht nur für die Wetterauer zur Überlebensfrage. Das Nein zu chemischer Keule und zur Gentechnik ist gleichzeitig ein Ja zu alten, vernachlässigten Sorten und zu laufender Verbesserung durch natürliche Auslesezüchtung. Wer gesunde Lebensmittel herstellen wolle, betont Heinze, dürfe nicht nur nach bequemem Handling, Größe und Aussehen schielen. Im Mittelpunkt ganzheitlicher Betrachtung stehen nicht zuletzt Bekömmlichkeit und Geschmack. Die beschriebene Sorgfalt hat notwendigerweise ihren (höheren) Preis. Heinze: "Wenn wir in Zukunft biologisch-dynamisches Saatgut in ausreichenden Mengen haben wollen, muß die Saatgutvermehrung ein sich selbst tragender Betriebszweig werden." '

    Bank unterstützt Öko-Saatgut

    Die GLS Gemeinschaftsbank hat einen Saatgutfonds eingerichtet, der Initiativen fördet, die der Entwicklung und Vermehrung von ökologischem Saatgut dienen. In den zwei Sparten Gemüse und Getreide werden derzeit zehn Gruppen unterstützt. Näheres bei der GLS Gemeinschaftsbank e.G, Postfach 100829, 44708 Bochum, Telefon 0234/307930, Fax 3079333 (Albert Fink, Julian Kühn). Spenden nimmt der Saatgutfonds bei der gemeinnützigen Treuhandstelle e.V. unter der Konto-Nummer 13022710 (BLZ 43060967) entgegen.

    Kontakt- und Bezugsadressen:

    Allerleirauh GmbH, Saatguthandel, Kronstraße 24, 61209 Echzell, Telefon 06035-81216, Fax 81275.

    Dreschflegel Bio-Saatgut, Postfach 1213, 37202 Witzenhausen, Tel: 05542-502744, Fax: 05542-502758, www.dreschflegel-saatgut.de

    Ferme de Sainte Marthe, Ulla Grall, Bäreneck 4 / Efeuhaus, 55288 Armsheim, Telefon 06734-960379, Fax 960014.

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