Ferme de Sainte Marthe:
Grüner Medienstar als Streiter für Bio und gegen Gentechnik

Mehrere hundert Kilometer weiter südwestlich in der wald- und seenreichen Landschaft der Sologne verfolgt ein französischer Bio-Gärtner ein ähnliches Ziel. Das äußere Erscheinungsbild könnte freilich kaum gegensätzlicher sein. Philippe Desbrosses ist in seiner Heimat ein grüner Medienstar, den man gerne in der Öffentlichkeit herumreicht. Wer anders als er, so fragen Freunde, könnte es fertigbringen, zur besten Sendezeit im Fernsehen biologische Kürbisse zu präsentieren? Desbrosses ist (Ex)-Musiker, Schriftsteller, Politiker und Landwirt in einem, ein begnadeter Selbstdarsteller und dennoch oder gerade deswegen ein idealer Sympathieträger für die Bio-Szene. Vor gut zwanzig Jahren kehrte er dem schillernden Show-Biz endgültig den Rücken und übernahm den landwirtschaftlichen Hof seiner Eltern, die seit 1967 ökologisch betriebene Ferme de Sainte Marthe in Millancay. Der Titel eines seiner erfolgreichsten Bücher war dabei Programm: "Wir werden wieder Bauern sein".

Der 56-jährige Desbrosses, Doktor der Umweltwissenschaften, Berater des Europa-Parlamentes und der IFOAM (International Federation of Organic Agricultural Movements), nutzt seine früher geknüpften Medienkontakte weidlich zur Werbung für den biologischen Landbau. Die Produktion von Saatgut ist auf der 160 Hektar großen Ferme (inklusive Wald und Wasser) ein wesentlicher, aber nicht der einzige Betriebszweig. Im Pariser Raum werden die Bio-Abteilungen von circa 100 Supermärkten von Desbrosses mit Gemüse beliefert. Landesweit versorgt die Ferme mittlerweile rund 30.000 Kunden mit biologischem Saatgut.

Ausgefallene Spezialitäten nicht nur für Hobbygärtner
Für die verblüffende Vielfalt an Tomaten (200 Sorten) und Kürbissen (60 Sorten) ist die Ferme überall bekannt. Ansonsten schlägt Desbrosses' Herz für vergessene Raritäten, die er aus der ganzen Welt zusammenträgt und in Folienhäusern akklimatisiert. Später werden sie nachgebaut, im Freiland erprobt und landen bei Eignung im Saatgutkatalog. Der liegt nun zum zweiten Mal in deutscher Sprache vor, auch für's Auge des Betrachters ein echter Genuß. Die über 200 Sämereien stammen ausnahmslos aus eigenem Anbau, sind zertifiziert durch die französische Kontrollorganisation ECOCERT und sollen vor allem die Aufmerksamkeit des ambitionierten Hobbygärtners wecken. Hybridzüchtungen und Gentechnik haben auch bei Philippe Desbrosses keine Chance. Darauf angesprochen, hält er ein leidenschaftliches Plädoyer für die Pflanzenvielfalt und weist auf mögliche Gefahren durch allergische Reaktionen hin.

Weil Ulla Grall von der Qualität der Ferme-Produkte überzeugt ist, hat sie die Werbung und Vermarktung in Deutschland übernommen. Über 60 Läden wurden in relativ kurzer Zeit als Kunden gewonnen, die Zahl der Interessenten steigt. Dennoch ist Saatgut im Naturkostladen anders als in Supermärkten hierzulande bisher eine Seltenheit. Dort werden die Ständer mit den bunten Tütchen in jedem Frühjahr rechtzeitig herausgestellt. Während die grundlegende Bedeutung von Bio-Saatgut vielen Ladnern und privaten Kleingärtnern verborgen bleibt, haben konventionelle Branchenführer längst reagiert und eigene Bio-Linien im Programm.

"Saatgut ist das Gedächtnis der Natur, es enthält das Erbe der Menschheit und ist eines unserer kostbarsten Güter, unverzichtbar für das Überleben der Arten", schreibt Philippe Desbrosses im Vorwort seines neuen Katalogs. Und Ulla Grall nennt die oft winzigen, aber voller Vitalität steckenden Samen respektvoll "das Brot von morgen".
Hans Krautstein

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