Tropenholz - nicht mehr tabu
Jetzt aus nachhaltiger Forstwirtschaft mit Ökosiegel
El Ceibo - aufmerksame Etikettenleser kennen diesen Firmennamen vielleicht von ihrer Naturkost-Schokolade. Doch die Kooperative in den Yungas, den schwül-heißen Andentälern Boliviens, hat außer Kakao demnächst noch anderes zu vermarkten: Tropenholz aus nachhaltiger Bewirtschaftung.
Lange Zeit waren die edlen Hölzer aus dem Regenwald für alle Umweltbewußten tabu. Die Mahagoni-Kommode hatte Kratzer abbekommen: Tropenholz bedeutet kahl gehauene Regenwälder, die Vertreibung der Urbevölkerung sowie das Aus für vielerlei Pflanzen und seltene Tiere - so lautete die grüne Gleichung. Ganz zu schweigen von den fatalen Auswirkungen auf das Klima weltweit. Die Umweltschutzverbände riefen zum Boykott auf.
Und jetzt kommen Kooperativen wie El Ceibo, die sich dem ökologischen Anbau verschrieben haben, und bieten Tropenholz an. Ein plötzlicher Gesinnungswandel? "Nein, wir wollen den Regenwald zwar nutzen, aber ganz behutsam", erklärt Winfried Steiner, Entwicklungshelfer bei El Ceibo. Ein Kriterienkatalog gibt vor, was in nachhaltig bewirtschafteten Parzellen erlaubt ist. Dazu gehört zum Beispiel, lediglich ausgewachsene Bäume zu schlagen, und zwar nur so viele, daß das ökologische Gleichgewicht des Waldes nicht gefährdet wird. Die Eingriffe werden überwacht; Kontrolleure verleihen nach einer Übergangszeit das Sello Verde, das "Grüne Siegel". Das Zertifikat steht für Tropenholz aus ökologischer, sozialverträglicher und wirtschaftlich tragfähiger Forstwirtschaft. Es wird unter anderem vom Weltforstrat Forest Stewardship Council unterstützt, einer vom World Wide Fund for Nature (WWF) mitgegründeten Organisation.
Noch ist es bei El Ceibo nicht soweit: Frühestens in drei Jahren kann Holz von der Kooperative das Gütesiegel Sello Verde tragen. Steiner rechnet damit, daß ein zertifizierter Stamm 25 Prozent mehr Gewinn abwerfen wird als Holz ohne Öko-Label. Eine wichtige Einnahmequelle also.
Darauf sind auch die Mosetenes angewiesen, ein Indianerstamm in der Nachbarschaft von El Ceibo. Die 50 Familien aus dem Dorf Santa Ana besitzen ein Waldstück von 8 000 Hektar. Don Dario, ehemaliger Häuptling der Dorfgemeinschaft, sieht den Zusatzverdienst als Chance, daß die Menschen von Santa Ana bald nicht mehr nur zum Jagen und Früchtesammeln in den Wald gehen: "Wir wollen auch das Holz nutzen." Daß das in einer Weise geschehen soll, die den Wald für künftige Generationen intakt hält, entspricht der traditionellen Denkweise der Mosetenes.
Doch bei so manchem regt sich die Sorge, daß das neue Nutzungskonzept für den tropischen Regenwald Geschäftemachern nur als grünes Deckmäntelchen dienen könnte. "Wir befürchten, daß mit den Siegeln für Nachhaltigkeit die Zerstörung der Wälder und dadurch auch unseres Lebens legitimiert wird", warnt José Luis Gonzalez von der COICA, einem Dachverband der Indianerorganisationen im Amazonasbecken.
Heidi Feldt von der Europäischen Geschäftsstelle des Klima-Bündnisses in Frankfurt am Main, hat ähnliche Bedenken. Sie beobachte, daß allein die Diskussion über eine Zertifizierung Tropenholz wieder salonfähig, mache. Aber ein Boykottaufruf reiche eben nicht aus, um die Zerstörung der Wälder zu verhindern.
Entscheidend wird nach Auffassung von Ökologen sein, daß Kriterien und Kontrolle dubiosen Scheinsiegeln keine Chance lassen. Eine Inflation der Labels würde die Kunden hierzulande nur verwirren und eine bewußte Kaufentscheidung unmöglich machen. Das wäre ein erheblicher Nachteil für kontrollierbar nachhaltige Ansätze wie die von El Ceibo. Entwicklungshelfer Steiner hofft jedenfalls, mit dem Gütesiegel Sello Verde das Vertrauen der Käufer in Europa zu gewinnen. Und damit den unkontrollierten Raubbau am Regenwald wirtschaftlich uninteressant zu machen.
Text und Fotos: Christiane Schmitt
Völliger Boykott fördert Brandrodungen
Trotz weltweiter Bemühungen um eine nachhaltige Forstwirtschaft ist die Zerstörung der tropischen Regenwälder keineswegs gestoppt. Im Gegenteil: Wie die brasilianische Regierung erst jetzt mitteilte, hat der Verlust im Jahr 1995 ungeahnte Ausmaße erreicht. Mit 2,9 Millionen Hektar Wald wurde allein in Brasilien eine Fläche vernichtet, die doppelt so groß ist wie im Jahr zuvor.Die Aufrufe zum Boykott von Tropenholz haben den Wald nicht gerettet. Teilweise sind sie sogar Ursache für Brandrodungen, denn die Bevölkerung in Südamerika muß sich dadurch andere Erwerbsquellen suchen, zum Beispiel die Viehzucht. "Quantifizieren kann man diesen Anteil am Waldverlust nicht, aber der Effekt ist da", bestätigt Heiko Liedecker, der für den WWF (World Wide Fund for Nature) das Thema Holzsiegel betreut. Ökologisch verträgliches Tropenholz gewinnt deshalb zunehmend an Bedeutung. Sogar Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger (CSU) rief kürzlich dazu auf, nur Produkte mit einem Siegel zu kaufen, das vom Weltforstrat FSC (Forest Stewardship Council) vergeben und kontrolliert wird. Diese Institution mit Sitz in Mexiko wurde 1993 gegründet.
Ihr gehören der WWF und Greenpeace, aber auch Vertreter der Holzindustrie an. Auf nationaler Ebene werden die Aktivitäten des Weltforstrats von großen Händlern und Verarbeitern unterstützt. In Deutschland hat sich zu diesem Zweck die "Gruppe 98" gebildet. Hier mischen unter anderem der Otto-Versand, die Baumarktketten Obi, Hagebau und Götzen sowie zwei Bertelsmann-Großdruckereien mit.
"Hierbei werden nicht nur Produktion und Verarbeitung vor Ort, sondern der komplette Warenfluß kontrolliert", betont Heike Axmann von der Firma Skal, die beim FSC als Zertifizierer akkreditiert ist. Damit Händler und Verbraucher Sicherheit haben, daß die Erzeugnisse tatsächlich aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern nach FSC-Kriterien stammen, überprüft die internationale Kontrollstelle Skal unter anderem die Mengen und die Produktionsprozesse während des gesamten Warenflusses.
Bislang wurden laut einem Bericht des Magazins Globus drei Millionen Hektar Wald vom Weltforstrat FSC zertifiziert. Bis zum Jahr 2005 sollen es 200 Millionen Hektar sein. Zum Vergleich: In den Jahren 1978 bis 1996 wurden im brasilianischen Amazonasgebiet 50 Millionen Hektar vernichtet, das sind 12,5 Prozent des dortigen Regenwaldes.
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