Artgerechte Tierhaltung

Ethos und Qualitätsmerkmal

Schweinepest, BSE, Hormone im Fleisch und giftige Rückstände im Tierfutter - die Skandale um das "Stück Lebenskraft" reißen nicht ab. Bei soviel Mißständen kann niemand mehr die Augen verschließen: Das System der Massentierproduktion ist krank. "Artgerechte Tierhaltung" lautet die Alternative, die für ökologisch wirtschaftende Bauern schon immer eine Selbstverständlichkeit war. Nicht zuletzt aus Gründen des Tierschutzes.

Waren die Vertreter des ökologischen Landbaus über Jahre die Rufer in der Wüste, finden ihre Programme heute in der konventionellen Landwirtschaft Nachahmer. Der Ruck, der durch die skandalgebeutelte Fleischindustrie geht, schlägt sich in aufwendigen Marketingkonzepten und Markenfleischprogrammen nieder. Damit soll das Vertrauen von König Kunde wiedergewonnen werden. Gefordert wird "Qualität statt Quantität". Dabei wird oft mit "tiergerechter oder artgerechter Haltung" geworben.

Bei der überwiegenden Mehrzahl der Markenfleischprogramme ist "artgerechte Tierhaltung" jedoch reine Verbrauchertäuschung, wie die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in ihrer Studie "Überregionale Markenfleisch- und Gütesiegelprogramme für Schweine- und Rindfleisch" enthüllte.

Anders die ökologischen Anbauverbände: Sie schneiden bei der AgV-Studie in Sachen artgerechte Tierhaltung sehr gut ab.

Trotzdem: Im ökologischen Anbau kommt es nicht nur auf abstrakte Zahlen an. Deshalb reagieren - ganz unabhängig von der AgV-Studie - viele Biobauern auf dezidierte Fragen nach Quadratmeter-Liegeflächen pro Rind und Größe der Auslaufflächen mit Unverständnis und Kopfschütteln. Das bedeutet nicht, daß es solche Vorschriften nicht gäbe. So muß die Liegefläche bei jungen Rindern mindestens 1,4 Quadratmeter und bei mehr als 600 Kilogramm schweren Bullen 6,5 Quadratmeter betragen. Außerdem orientiert man sich am "Tiergerechtheitsindex" der Gesellschaft für ökologische Tierhaltung (GÖT). Hier werden für verschiedene Aspekte (Bewegung, Sozialkontakt, Boden, Stallklima und Betreuungsintensität) Punkte vergeben. Danach wird exakt die Gesamtpunktzahl für den Index ausgerechnet.

Dennoch liegt in solchem Zahlenspiel nach Ansicht vieler Ökologen nicht das Wesen der artgerechten Tierhaltung. Schließlich haben Anbauverbände wie Demeter, Bioland oder Naturland diesen Begriff nicht eigens erfunden - die Praxis, die damit gemeint ist, war bis zum Aufkommen der Massentierhaltung immer schon ethischer Anspruch bei der Nutztierhaltung.

Wer im ökologischen Landbau arbeitet, urteilt nicht allein aufgrund meßbarer "realer" Zahlenwerte, sondern denkt globaler. So ist die Art und Weise, wie die Tiere gehalten werden, immer Teil des Gesamtkonzeptes, das in der Kurzform lautet: gesunder Boden, gesundes Futter, gesunde Tiere, gesunder Mensch.

Richtlinien lassen individuellen Spielraum

Wenn man die Richtlinien der Verbände im einzelnen betrachtet, fallen besonders viele unscharfe Formulierungen wie "soll", "kann" oder "darf" auf. So schreibt Demeter beispielsweise: "Den Kühen sollte die Möglichkeit gegeben werden, in Bewegung zu Kalben. Das Einrichten einer Abkalbebox ist anzustreben." Formulierungen wie diese lassen den Bauern viel individuellen Spielraum. Genau das ist vielen Tierschützern ein Dorn im Auge. Der Vorwurf: Die Richtlinien seien zu schwammig. Dazu Gabriele Maier-Spohler vom Ressort Öffentlichkeitsarbeit bei Bioland "Wichtig ist uns, daß Richtlinien immer mit und durch die Praxis verändert werden müssen. Wenn wir die Latte zu hoch legen, gibt es keine Anreize für einen Betrieb umzustellen, weil er davon ausgehen muß, daß er die Anforderungen ohnehin nicht erfüllen kann."

Das meint auch Richtlinienexperte Dr. Jochen Leopold vom Demeter-Forschungsring: "Wenn wir den ökologischen Landbau in größerem Umfang fördern wollen, müssen wir möglichst vielen Bauern die Möglichkeit geben, auf ihrem Betrieb ökologisch zu arbeiten." Kompromisse müßten gemacht und Spielräume gelassen werden. Die Gründe liegen seiner Ansicht nach in den vorgegebenen Strukturen der Höfe, insbesondere im süddeutschen Raum. "Dort müssen die Bauern auf räumlich sehr begrenzten Arealen wirtschaften. Die meisten Höfe liegen mitten im Dorf, Aussiedlerhöfe sind nicht die Regel" berichtet Leopold. "Diese beengte Lage begrenzt die Möglichkeiten für den Auslauf, so daß Auslauf nicht auf allen Betrieben in optimalem Umfang realisiert werden kann."

Viele dieser Verbandsbauern haben früher konventionell gewirtschaftet. Einen Um- oder Neubau des Viehstalls können die meisten nicht auf einen Schlag finanzieren. Deshalb werden mehrjährige Übergangsfristen akzeptiert.

Regelmäßige Kontrollen und klare Verbote

Auch wenn die Richtlinien allgemein gehalten sind - sie sichern den Tieren das Ausleben ihrer Verhaltensgewohnheiten zu. Darauf achtet die Arbeitsgemeischaft ökologischer Landbau (AGÖL), die als Dachverband die Rahmenrichtlinien für neun anerkannte Anbauverbände vorgibt. Wichtig sind unter anderem folgende Punkte: '

Über allgemeine Bestimmungen hinaus gibt es von den Anbauverbänden für die verschiedenen Nutztiere spezielle Regelungen. Dabei setzt man sich insbesondere mit dem arteigenen Verhaltensrepertoire und den Haltungsformen auseinander. Eindeutige Verbote gibt es beispielsweise für das in der konventionellen Landwirtschaft übliche Zähneabkneifen und Schwänzekupieren bei Ferkeln sowie das Schnäbelkürzen bei Küken.

Verbot des Enthornens kannzu Problemen führen

Wie differenziert sich die Tierhaltungsverordnungen betrachten lassen, zeigt das Beispiel Enthornung von Rindern". Demeter verbietet als einziger Anbauverband ausdrücklich das Enthornen der Rinder. Dazu schreibt der Verband in den Richtlinien: "Die Hörner haben bei den Wiederkäuern eine Bedeutung für den Aufbau der Lebenskräfte. Sie sind Teil der Ganzheit des Kuhwesens."

Was Tierschützer freut, kann in der Praxis zu Problemen führen. So benehmen sich sehr dominante Kühe im Laufstall zuweilen so tyrannisch, daß ihre Hörner zur Waffe werden. "Die können ihre Artgenossen schwer verletzen", weiß Leopold. Hat ein Bio-Bauer einen solchen Haudegen in der Herde, kann er beim Verband eine Ausnahmeregelung fürs Enthornen beantragen oder die Tiere anbinden.

Die Anbindepraxis weckt bei vielen Menschen spontan eine Abwehrhaltung. "Vollkommener Unsinn" kommentiert Leopold. "Das kommt immer auf den Einzelfall an." Durch die Anbindehaltung im Stall komme Ruhe in die Herde. Rangniedere Tiere müßten nicht fürchten, von Platz und Futter vertrieben zu werden, Verletzungen würden vermieden. Außerdem könnten die Tiere individuell besser betreut werden.

Die Ursache für die sehr emotional geführte Diskussion von Tierschützern in solchen Fragen sieht der Demeter-Mann in "der Vermenschlichung der Nutztiere". Leopold: "In den vergangenen Jahrhunderten lebte der Mensch zusammen mit Kuh und Schwein unter einem Dach. Aber heute stellen sich für die Nutztierhaltung andere Bedingungen".

Das eigentliche Problem sei die Massentierhaltung, so der Experte. Und die gibt es bei Bio-Bauern nicht. In den Richtlinien wird der Tierbesatz an die Betriebsfläche gebunden, um so über Tierfutter und Dünger eine organische Kreislaufwirtschaft zu gewährleisten. Dadurch ist die Zahl der Tiere von vornherein beschränkt. "Circa 90 Prozent unserer Mastbetriebe halten nur bis zu 20 Mastschweine", berichtet Leopold.

Konventionelle Siegel sind meist Verbrauchertäuschung

Daß die Massentierhaltung langfristig in die Sackgasse führt, haben ansatzweise auch kon- ventionelle Fleischvermarkter entdeckt. Ihre Antwort sind Markenfleisch- und Gütesiegelprogramme. Viele von ihnen werben mit dem Schlagwort "Artgerechte Tierhaltung".

Wie ernst es die konventionellen Produzenten mit ihren Versprechen meinen, prüfte die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in ihrer bundesweiten Untersuchung. Beurteilt wurden 24 überregionale Programme für die Schweinefleischerzeugung sowie 20 für die Rinderfleischproduktion, darunter jeweils sechs anerkannte ökologische Anbauverbände.

Das Ergebnis: Von 18 konventionellen Schweinefleisch-Anbietern konnten gerade mal vier die Anforderungen erfüllen. Die ökologischen Anbauverbände bekamen dagegen sämtlich die volle Punktzahl. Ähnlich das Resultat bei der Rinderhaltung: Von 14 konventionellen Gütesiegeln sorgen sich lediglich drei um das Tierwohl. Den Öko-Verbänden jedoch wurde eine vorbildliche Tierhaltung bescheinigt.

EU-Entwurf bedroht Existenz von Bio-Bauern in Deutschland

Trotz der eindeutigen Verdienste der ökologischen Landwirtschaft, die auch in der AgV-Studie zum Ausdruck kommt, orientiert sich der Entwurf für die geplante Bio-Verordnung der EU für tierische Lebensmittel eher an den Bedürfnissen der Massenproduzenten. So wurde die Forderung nach Anreizen für eine Bio-Umstellung des gesamten Betriebs von den Beamten bislang überhaupt nicht berücksichtigt. Und beim Futtermittelzukauf sind die Vorschläge der EU viel lascher als die Bestimmungen der AGÖL-Verbände. Andererseits nimmt der Entwurf auf die kleinen Öko-Betriebe kaum Rücksicht, gerade für die Verhältnisse in Süddeutschland sind die geplanten Vorschriften und Übergangsregelungen teilweise zu eng. So soll die Anbindehaltung grundsätzlich verboten werden, auch in Kombination mit Sommerweidegang. Sollten diese Vorschläge tatsächlich festgeschrieben werden, würde das für mehr als die Hälfte aller Demeter- und Bioland-Vertragsbauern die Betriebsstillegung bedeuten. Besonders betroffen davon wäre der süddeutsche Raum, denn für den notwendigen Umbau der Ställe sind die geplanten Fristen zu kurz.

Für Demeter-Experte Leopold ist diese Entwicklung ein Schlag ins Gesicht: "Wir haben die Entwicklungsarbeit geleistet und bekommen jetzt eine Ohrfeige". Einziger Lichtblick: Die deutschen Behörden stehen voll hinter den deutschen Anbauverbänden. Vertreter des Bundesministeriums für Landwirtschaft kämpfen jetzt in Brüssel für möglichst lange Übergangsfristen und die Gewährung von Ausnahmemöglichkeiten, damit die Bauern eine Chance bekommen.

Astrid Wahrenberg

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