Gentechnik:
Brot - ein heißes ThemaDer Schuß ging in den Ofen. "Die deutschen Bäcker werden in zwei bis drei Jahren nur noch Brot im Angebot haben, das mit gentechnisch veränderten Zutaten hergestellt worden ist." Mit dieser Ankündigung löste Hans Bolten, Präsident des Zentralverbandes des deutschen Bäckerhandwerks, eine Welle der Empörung aus. Nicht nur die Bio-Bäcker reagierten prompt. Auch in den konventionellen Bäckereien rumorte es. Verbraucher und Hersteller wurden durch die Schlagzeilen geradezu elektrisiert. Das Ergebnis: Viele Bäcker wollen auf Gentechnik verzichten und verlangen von ihren Lieferanten inzwischen "saubere" Ware. Doch das ist gar nicht so einfach.
Bundesweit mußten sich im vergangenen Herbst die Verkäuferinnen kritischen Fragen stellen. "Die Empörung war unbeschreiblich", erinnert sich Ute Sagebiel-Hannich, Geschäftsführerin der Bäckerinnung Mannheim. Nach ihrer Einschätzung ist es für die Bäcker "fast überlebensnotwendig, sauber zu bleiben". Denn Brot ist kein Produkt wie jedes andere. Ähnlich wie bei Bier oder Milch erwartet der Kunde die Einhaltung des "Reinheitsgebots". Dementsprechend mußten die Innungen Hilfestellung für das Verkaufspersonal leisten, Aufklärungsmaterial wurde gedruckt. Einige Bäckereien stellten sogar Plakatständer vor ihr Geschäft. Auf großen Lettern wurde der Kundschaft zugesichert, daß das Getreide nicht gentechnisch verändert sei.
Gleichzeitig wandten sich die Innungen an zahlreiche staatliche Stellen sowie an sämtliche Zulieferer. Der klare Wunsch: garantiert gentechfreie Ware zu bekommen - nicht nur beim Getreide, sondern bei sämtlichen Zutaten und Hilfsmitteln. Doch das ist im konventionellen Bereich gar nicht so einfach. "Bei dieser Diskussion wurde vieles durcheinandergeworfen", klagt Armin Werner, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Backmittel- und Backgrundstoffhersteller e.V.
Um die Spreu vom Weizen zu trennen, muß man zunächst das Mehl selbst betrachten. Im Gegensatz zu Soja und Mais steckt die Manipulation von Weizen noch in der Versuchsphase. Bislang gibt es laut Transgen, dem Internet-Angebot der Verbraucher-Initiative (www. transgen.de) keinen Antrag auf Marktzulassung. Die Zahl der Freisetzungsexperimente beträgt in den USA 51, in der EU sind es zehn, keines davon in Deutschland. Bei der wichtigsten Nahrungspflanze der Welt, so Transgen, "bestehen noch große Schwierigkeiten, einzelne Gene gezielt in das Erbgut des Weizens einzuschleusen und dort dauerhaft einzubauen". Gearbeitet wird an Resistenzen gegen Pilze, aber auch an ertragsreicheren Sorten.
Genweizen wird frühestens in drei bis vier Jahren in Europa angebaut
Wann der erste Gen-Weizen angebaut wird, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Marktführer Monsanto möchte im Jahr 2000 in den USA eine Zulassung erhalten, die Verbraucher-Initiative rechnet mit einem kommerziellen Anbau in Europa "frühestens in drei bis vier Jahren". Noch vorsichtiger ist Rainer Gassen, Justitiar und Geschäftsführer des Zentralverbandes des deutschen Bäckerhandwerks. Nach seiner Einschätzung wird es bei den Getreidearten noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis Genfood auf den Tisch kommt.
Alles also nur ein Sturm im Wasserglas? Ein unerklärlicher Fauxpas des Verbandspräsidenten, der einen schlechten Tag hatte oder der Argumentation von Nestlé auf den Leim ging? Das Problem mit dem Getreide jedenfalls konnten die konventionellen Bäcker locker wieder aus der Welt schaffen. Aber damit ist das gentechfreie Brot noch lange nicht gebacken.
Nehmen wir zum Beispiel Mais und Soja. In der Tat wird Sojamehl wegen seiner günstigen technologischen Eigenschaften in vielen Backmischungen eingesetzt, in geringerem Umfang gilt dies auch für Maismehl. Auf solche transgenen Bestandteile läßt sich derzeit vergleichsweise einfach verzichten, denn aufgrund der Kennzeichnungsverordnung vom 1. September 1998 kann man manipulierte Ware von konventioneller gut unterscheiden. Ob die Verbrauchermacht jedoch ausreicht, auch für die Zukunft gentechfreie Ware in ausreichender Menge zu erzwingen, muß sich erst erweisen. Nach Angaben der Backmittelhersteller wird die Sojaernte des Jahres 1999 weltweit zu 80 Prozent genmanipuliert sein.
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Unter dem Begriff "gentechfrei" verstehen Verbraucher und Gesetzgeber keineswegs nur den Verzicht auf Soja- und Maismehl. Vielmehr erwarten sie, daß "sauberes" Brot auch keine manipulierten Zusatzstoffe enthält. Hier müssen die konventionellen Bäcker jedoch passen. "Eine Garantieerklärung im Sinne der Verordnung 'ohne Gentechnik' ist nicht möglich", erklärt Armin Werner illusionslos mit Blick auf die zahlreichen kleinen Helfer in den Backmischungen.
Die kleinen Helfer machen die größten Probleme
Zum Beispiel Ascorbinsäure (Vitamin C). Das Konservierungs- und Backhilfsmittel steckt laut Werner in 99 Prozent aller Backmischungen. Inzwischen stammen aber 50 Prozent der Ascorbinsäure aus gentechnischer Produktion. Selbstverständlich wäre es denkbar, die Rezepturen umzustellen. Doch dies ginge nach Ansicht von Werner auf Kosten der Qualität. Zudem bereiten weitere Zusätze Probleme. So stammen die Hilfsstoffe, die Stärke verzuckern, in vielen Fällen aus Genlabors.
Weitere Manipulationen drohen bei Hefe und beim Enzym Amylase, das größeres Volumen und längere Haltbarkeit verspricht. Gentechnisch veränderte Hefe, so Werner, werde nach Auskunft der Industrie in Deutschland derzeit (noch) nicht eingesetzt. Ähnlich steht es mit Amylase, selbst wenn in anderen Ländern (etwa Frankreich) bereits Genprodukte den Teig aufblähen. "Mit Rücksicht auf den Verbraucher", so Werner, lassen die deutschen Hersteller aber noch die Finger davon.
Ähnliches berichtet Barbara Kamradt von Greenpeace, freilich aus anderer Perspektive. Für sie ist es ein klarer Erfolg der Gentechgegner, daß die Hersteller von Backmischungen das "Reinheitsgebot" beim Brot ernst nehmen. Der Sojaanteil sei leicht zu ersetzen, die gentechfreie Amylase funktioniere gut und für konventionelles Sojalecithin gebe es ebenfalls gesicherte Bezugsquellen. Selbst ohne formelle Garantieerklärungen geht Barbara Kamradt davon aus, daß die Bäckereien derzeit kein Gentech-Brot anbieten. Eine Greenpeace-Stichprobe in mehreren Städten und Großbäckereien von April 1998 untermauert diese Einschätzung. Sämtliche Proben waren gentechfrei. Greenpeace ermuntert deshalb die Verbraucher, weiterhin ihre Ablehnung zum Ausdruck zu bringen. Die Hersteller würden vor allem schriftliche Äußerungen sehr ernst nehmen. Denn: Hinter jedem, der einen Brief formuliert, stehen laut Marketing-Experten zehn andere, die sich abwenden und eine Alternative suchen.
Eine solche bieten derzeit nur die Bio-Bäcker. Nicht nur, daß Gentechnik nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus verboten ist. Hinzu kommt, daß Öko-Betriebe auf jene Vielzahl von Enzymen, Säuren und Emulgatoren verzichten, die gerade beim Brot das Einfallstor für die Gentechnik bilden. Immerhin beliefert die Backmittelindustrie laut offiziellen Angaben 95 Prozent der 20.000 deutschen Bäcker. Nein danke, sagen die Bio-Betriebe zu dieser Art technologischen "Fortschritts". Statt dessen setzen sie auf natürliche Alternativen und bemühen sich, so weit wie möglich von konventionellen Hilfsmitteln loszukommen. Mit der Entwicklung einer Bio-Hefe, die es seit geraumer Zeit auch für den Hausgebrauch gibt, ist dies bereits gelungen. Darüber hinaus sorgt das neu entwickelte Dokumentationssystem für Klarheit, wo man "saubere" Hilfsstoffe bekommt. Da die Zusätze sowieso auf ein Minimum beschränkt sind, kann Dr. Robert Hermanowski von der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau das Thema ganz gelassen kommentieren: "Wir wissen, was drin ist."
Peter Gutting
| Leserbrief schreiben | Seite empfehlen | |

