Slow Food

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

McDonald's, Burger King, Systemgastronomie, Tiefkühlpizza und Tütensuppen: die Stichworte verdeutlichen, wie sich Fast bzw. Convenience Food in den letzten beiden Jahrzehnten in alle Bereiche der Ernährung "eingeschlichen" und festgesetzt haben. Im Gegensatz dazu steht "Slow Food" - eine Bewegung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, der Standardisierung des Geschmacks Paroli zu bieten und den Genuß in den Vordergrund zu stellen.

Die Bewegung ist italienischen Ursprungs. 1986 hatte der Soziologe und Journalist Carlo Petrini einen Protest gegen die Eröffnung einer neuen McDonald's-Filiale mitten in Rom organisiert: Zusammen mit Gleichgesinnten, mit denen er bereits in der Weinbruderschaft "Freundeskreis des Barolo" aktiv war, baute er vor dem Eingang von McDonald's eine große Tafel auf, an der gekocht, gegessen und getrunken wurde.

Viele Teilnehmer dieses sinnlichen Erlebnisses wollten es nicht bei einer einmaligen Aktion belassen - so gründete man die "Slow-Food"-Bewegung, um sowohl der Industrialisierung der Eßkultur als auch dem "fast life" entgegenzuwirken. Neben der Absicht, der "McDonaldisierung" eine liebenswürdige und wohlmundende Alternative "ohne Hast, Hektik und Nervosität" entgegenzusetzen, ist ein weiteres Ziel, regionale Märkte und Produkte zu fördern.

Seit ihrer Gründung hat sich die Organisation, die die Schnecke als Wappentier gewählt hat, in 35 Ländern verbreitet und weist inzwischen mehr als 60.000 Anhänger auf.

Die meisten von ihnen, etwa ein Viertel, kommen aus Italien. Der weltweit zweitgrößte Verband, Slow Food Deutschland e.V. mit Sitz in Münster, stellt nach Angabe seines stellvertretenden Vorsitzenden Andrea Arcais rund 2000 Mitglieder. Slow Food Deutschland gliedert sich derzeit bundesweit in ca. 40 Convivien. Der lateinische Begriff "Convivium" bedeutet "Tafelrunde" und bezeichnet das, was andere Organisationen "Untergruppe" oder "Ortsverein" nennen. Anfang 1997 lag ihre Zahl in der Bundesrepublik noch bei bescheidenen 18, mit damals etwa 1000 Mitgliedern. Im sechsten Jahr seines Bestehens hat der Verein also kräftig expandiert.

Die Convivien sind ziemlich heterogene Zusammenschlüsse: unterschiedlich groß und relativ autonom, definieren sie ihr Verständnis von "Slow Food" weitestgehend selbst: es liegt in ihrem Ermessen, wie und wann sie sich zusammenfinden und welche Aktivitäten sie wo planen und durchführen.

So gibt es Convivien, die sich zu festgelegten Terminen immer in bestimmten Restaurants treffen, aber auch andere, bei denen die Zusammenkünfte abwechselnd in den Wohnungen der einzelnen Mitglieder stattfinden und wo dann gemeinsam gekocht wird.

Ein Blick in die "Schneckenpost", der Zeitung von "Slow Food", zeigt das weite Spektrum der von den einzelnen Convivien organisierten Aktivitäten: das Convivium Hamburg veranstaltet die Norddeutsche Käsemesse mit vielen Ausstellern aus dem Bio-Bereich, in Münster plant man unter anderem den "Besuch einer Schlachterei in Ahaus. Selber wursten und am Abend selbiges grillen" und das Convivium Freiburg/Breisgau bietet an "Thematischer Spaziergang und Picknick am kühlen Bach mit Speck, Gewürztraminer, Gugelhupf...".

Das publizistische Organ des internationalen Dachverbandes ist "slow". Es ist aufwendig produziert und erscheint alle drei Monate in fünf Sprachen. Verantwortlich für die deutsche Ausgabe ist der ehemalige taz-Redakteur Luigi Wanner.

Gelegentlich wird die "Slow-Food"-Bewegung dem politisch linken Lager zugeordnet. Immerhin war Gründer Petrini jahrelang Mitarbeiter der kommunistischen Zeitung "Il Manifesto", Wanner bei der taz und der Gründer des Hamburger Conviviums gibt an, daß viele Mitglieder "eigenartigerweise aus einem linksliberalen oder linksintellektuellen Umfeld kommen". Auf der Basis der Aktivitäten der Convivien in der Bundesrepublik fällt es jedoch schwer, politische Inhalte zu identifizieren.

Die Unterschiedlichkeit und Offenheit der Convivien mache deren Charme aus, heißt es. Gleichzeitig birgt diese Vielfalt aber auch die Gefahr von Unstimmigkeiten. In Widerspruch zum Vereinsziel, regionale Produkte und Erzeuger fördern zu wollen, stand beispielsweise das Vorgehen eines finnischen Conviviums, das "Känguruh vom Grill" sowie japanische und peruanische Spezialitäten kredenzte.

Auch Slow Food Deutschland blieb nicht von Zwistigkeiten verschont: der ehemalige Vorsitzende, der, wie der übrige Vorstand auch, auf der Jahreshauptversammlung 1996 nicht zur Wiederwahl antrat, hatte sich den Begriff "Slow Food" beim Deutschen Patentamt auf seinen eigenen Namen eintragen lassen und dieses Recht später an einen Dritten verkauft.

Diese Auseinandersetzung findet gegenwärtig vor Gericht statt. Sie hat der "Slow-Food"-Bewegung, die sich vor jeder Vereinsmeierei schützen wollte, vermutlich geschadet. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen hat sich Slow Food Deutschland nach der Jahreshauptversammmlung 1996 neu orientiert. Dies sei nach Ansicht des neuen Vorstandes auch erfolgreich geglückt. Der Verein habe sich stärker als das profilieren können, was er sein möchte: "Kein elitärer Gourmet-Club mit Honoratiorencharakter, wo es als Auszeichnung gilt, Mitglied zu sein, sondern eine Bewegung, die sich für breitere Bevölkerungsschichten öffnet und viele Interessen und Neigungen fördert".

Dazu gehöre es auch, Veranstaltungen zu organisieren, die eine große Zahl von Menschen ansprechen. Dies geschieht neuerdings mit den jährlich stattfindenden, sogenannten "Slow-Food-Festivals". Für das Festival 1998, das in Frankfurt ausgerichtet und in das auch ein "Markt des Geschmacks" integriert wurde, hatte man gezielt Produzenten gewinnen können.

Die positive Einschätzung des Erreichten wird nicht allseits geteilt. So wurden Stimmen laut, das Frankfurter Festival sei zu "wein- und käselastig" gewesen. Kann dieser Vorwurf noch mit dem Hinweis auf die fehlende Kooperationsbereitschaft von Herstellern anderer Produkte gekontert werden, ist dies schon schwieriger, wenn es heißt, "Slow Food" müsse "noch zeigen, daß man sich als gesellschaftliche und politische Kraft auch wirklich einmischen will". Moniert wurde auch, daß "der Aspekt der Geldbeutelverträglichkeit getilgt zu sein scheint".

Auf letzteres hat es "Slow Food" aber auch nicht explizit abgesehen. Zwar heißt es, es gehe weniger darum, abgehobene Tafelfreuden zu befriedigen, man ziele vielmehr auf die einfachen Genüsse. Daß diese "einfachen Genüsse" aber auch ihren Preis haben, sagt "Slow-Food"-Gründer Petrini bereits im selben Atemzug: "Wir müssen in Europa einen Markt für die regionalen Produkte erhalten und neu schaffen. Nur so bekommen wir Qualität. Aber wir müssen die Qualität auch bezahlen. Das ist eine Herausforderung an die Käufer. Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist in den Industriestaaten für Nahrungsmittel so wenig Geld ausgegeben worden wie heute. Es wird mehr für Klamotten, Fernseher und Reisen bezahlt. Man gibt sogar für absurde Diäten mehr Geld aus als für gute Nahrungsmittel."

Für die Zukunft hat Slow Food Deutschland zwei - zumindest im weitesten Sinne - gesellschaftspolitische Ziele formuliert:

Ob das Credo Carlo Petrinis "Sanftmut kann stärker sein als Powerpolitik" zutrifft, bleibt abzuwarten.

Detlef Ullenboom

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