Wenn die Gene sich selbst zerstören

"Terminator"-Technik soll Wiederaussaat eines Teils der Ernte verhindern

Pflanzen, die Selbstmord begehen: Für Gentech-Kritiker ist dies die pervertierte Konsequenz der agrarindustriellen Logik. Die "Life-Science"-Konzerne dagegen sehen in dem eingebauten Patentschutz einen Quantensprung zur Sicherung ihrer milliardenschweren Forschung. Bereits mehr als drei Dutzend solcher "Saatgut-Killer" sind in der Entwicklung, ein Patent ist seit März 1998 vergeben.

"Terminator"-Technologie - diesen Namen verpaßte die kanadische Menschenrechtsorganisation RAFI (Rural Advancement Foundation International) der Erfindung des Saatgutriesen Delta & Pine Land Company, der mittlerweile vom Gentech-Vorreiter Monsanto übernommen wurde. Die Formulierung läßt etwas von dem Entsetzen spüren, das die Aktivisten umtreibt. Erstmals in der Geschichte der Menschheit sollen Samen - die Quelle des Lebens - derart programmiert werden, daß sie sich selbst abtöten. Praktisch sieht das so aus: Nach der ersten Aussaat entwickelt sich die Pflanze ganz normal, produziert also neue Samen. Diese sind jedoch zum Absterben verurteilt. Denn sie setzen ein Gift frei, das die Synthese lebenswichtiger Eiweiße verhindert. Dabei arbeiten die Gen-Manipulateure mit einem Verzögerungseffekt. Der Selbstmord ist zwar im Erbgut angelegt, wird jedoch in der ersten Generation blockiert.

Die Erfindung hat handfeste wirtschaftliche Hintergründe. Seit Jahren ist die Wiederaussaat eines Teils der Ernte den Monsanto-Leuten ein Dorn im Auge. Beim Kauf des genmanipulierten Roundup Ready-Sojasaatguts werden die Farmer verpflichtet, jedes Jahr neue Samen zu kaufen. Nicht alle halten sich daran. Laut US-Presseberichten wurden Landwirte bereits zu Strafen von bis zu 35.000 Dollar verurteilt, weil sie Saatgut aufbewahrt hatten. Zur Überwachung setze Monsanto Privatdetektive ein, heißt es. Laut den Berichten beschäftigt sich die Justiz bereits mit 475 Fällen von angeblicher "Saatgutpiraterie".

Dennoch dürfte es dem Konzern kaum gelingen, seine Interessen auf diesem Wege durchzusetzen. Immerhin war die Wiederaussaat eines Teils der Ernte bei 25 Prozent der amerikanischen Soja-Bauern vor der Einführung genveränderter Bohnen gängige Praxis, wie Gentech-Expertin Dr. Beatrix Tappeser vom Freiburger Öko-Institut berichtet. Die Erfindung eines "eingebauten Patentschutzes" kommt also wie gerufen.

Noch stärker sind die Bauern in den Entwicklungsländern auf das sogenannte "Landwirtschaftsprivileg" der Wiederaussaat angewiesen. Für sie stellt die Terminator-Technologie eine existentielle Bedrohung dar. So schätzt die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO, daß weltweit 1,4 Milliarden Menschen ohne die Eigenversorgung mit Saatgut aufgeben müßten. Für sie wäre der teure jährliche Saatgutkauf wirtschaftlich nicht zu verkraften.

Welches Konfliktpotential sich da zusammenbraut, zeigt sich in Indien. "Verbrennt Monsanto" lautet die Parole des Bauernverbandes KRRS, einer Bewegung von zehn Millionen Landwirten im südindischen Bundesstaat Karnataka. Weil die Firma ohne Wissen der Beteiligten Versuche mit transgener Baumwolle durchführte, fackelten mehrere Landbesitzer ihre eigenen Felder ab. Die Aktionen, die in der Tradition von Gandhi strikt gewaltfrei ablaufen sollen, entzünden sich zwar nicht unmittelbar an der Terminator-Technologie. Denn die dürfte nach Einschätzung von Monsanto-Sprecher Helmut Wagner erst in fünf bis sieben Jahren marktreif sein. Doch goß die Nachricht von dem Patent neues Öl ins Feuer.

Für Gentech-Kritiker besteht an der weltweiten Strategie der Multis kein Zweifel: Die "Life-Science"-Konzerne kaufen eine Saatgutfirma nach der anderen, um Samen, Agrochemikalien sowie neueste gentechnische "Errungenschaften" aus einer Hand bieten zu können. In Indien war der Protest unter anderem deswegen so heftig, weil Monsanto den größten einheimischen Saatguthersteller übernommen hatte. "Wehret den Anfängen", heißt die Parole. Denn "Leibeigene sein auf dem eigenen Land", wie es ein US-Farmer gegenüber der Washington Post formulierte - das wollen die Bauern auf keinen Fall, die indischen sowenig wie die Amerikaner.

Die massiven Proteste führten freilich auch zu firmeninternen Diskussionen. "Wir werden die Technik nicht einsetzen, wenn es keinen Konsens mit den Betroffenen gibt", versichert Monsanto-Sprecher Wagner. Geplant ist, mit der amerikanischen Dachorganisation InterAction Terminator-Technik in einen Diskussionsprozeß einzutreten. Hier seien 160 Entwicklungs- Hilfs- und Umweltorganisationen zusammengeschlossen.

Dennoch: Selbst wenn es keinen Konsens gäbe, dürfte das Thema kaum vom Tisch sein. Denn Monsanto ist längst nicht der einzige Konzern, der an dem eingebauten Patentschutz arbeitet. Langfristig, so die Menschenrechtsorganisation RAFI , handele es sich um den Versuch einer Handvoll Konzerne, die gesamte Nahrungsmittelproduktion der Erde unter Kontrolle zu bringen. Nach den Erkenntnissen von RAFI haben Novartis, Astra-Zeneca und Monsanto die Technologie bereits in der Tasche. Andere Unternehmen wie Rhone Poulenc und DuPont besäßen Verfahren, die leicht in Terminatoren umgewandelt werden könnten.

Für die Bauern in derDritten Welt stehtdie Existenz auf dem Spiel

Für den Hunger in der Welt hat dies nach Auffassung kritischer Wissenschaftler gravierende Folgen. Die meisten Bauern, so Beatrix Tappeser, könnten die neuen Sorten nicht bezahlen. Gleichzeitig bringe die Beschränkung auf wenige patentgeschützte Nutzpflanzen die biologische Vielfalt in einem bisher nicht gekannten Tempo zum Verschwinden - mit gravierenden Folgen für die unabhängige Eigenversorgung: "Das Hungerproblem wird sich deutlich verschärfen", warnt Tappeser.

Völlig ungeklärt sind darüber hinaus die ökologischen und rechtlichen Probleme. Durch Pollenflug werden bis zu 20 Prozent der Nachbarfelder beeinträchtigt, schätzt das Öko-Institut. Wenn auf diese Weise konventionelle Pflanzen mit dem Selbstmordprogramm infiziert würden, drohten erhebliche Ernteausfälle. Ganz zu schweigen von den ökologischen Langzeitwirkungen. Selbst wenn die Terminator-Gene beim Auskreuzen die "befallenen" Pflanzen zum Absterben bringen, würden die wilden Verwandten der heutigen Kulturpflanzen sozusagen unter Dauerbeschuß geraten, wenn sich die Technik weltweit durchsetzen würde. Immerhin hat Monsanto bereits Patente in mehr als 40 Ländern beantragt.

Während die Kampagne gegen den "Terminator" auf Hochtouren läuft, drohen bereits neue Gefahren. Nach Informationen der RAFI-Menschenrechtler möchte Monsanto-Konkurrent Zeneca ein Patent anmelden, für das die Menschenrechtler den Begriff "Verminator" geprägt haben. Beängstigend, so RAFI-Geschäftsführer Pat Mooney, ist daran vor allem die Flexibilität der technischen Fortentwicklung. Hierbei geht es vor allem um die Frage, wie das Selbstmordprogramm in Gang gesetzt wird. Denn eines ist klar: Würde man in die Gene nicht eine Art Schalter einbauen, der den verzögerten Suizid nach Belieben in Gang setzt, wären Terminator und Verminator rasch ausgestorben: Die Firmen könnten die Samen nicht einmal selbst nachziehen. Beim Terminator wird dieses Problem durch eine Antibiotika-Behandlung des Saatguts gelöst. Bevor das Saatgut an die Bauern ausgeliefert wird, knipst der antibakterielle Stoff sozusagen den tödlichen Schalter an. Unbehandeltes Saatgut dagegen dient der Firma zur Vermehrung. Während dieser "schläft" das Terminator-Gen quasi.

Das Neue am Verminator sind nun die vielfältigen "Weck"mechanismen. Das Anknipsen des Schalters funktioniert hier auch durch Pestizide - und sogar im Umkehrschluß: Wird nicht gespritzt, sterben die Pflanzen ab. So läßt sich der gesamte Anbauprozeß in einem bislang ungeahnten Maße kontrollieren, der Landwirt wird vollends zum bloßen Anhängsel der Agro-Industrie "Wenn die Technologie einmal perfektioniert ist", fürchtet Pat Mooney, "könnten die Konzerne eine ganze Reihe von genetischen Pflanzeneigenschaften kontrollieren, die mit chemischen Mitteln ein- und ausgeschaltet werden". Eine "schöne neue Welt", die den indischen Bauern schon längst als Horrorvision vorkommt.

Peter Gutting


Kampagne im Internet

Gegen die Zulassung der Terminator-Technologie hat die kanadische Menschenrechtsorganisation RAFI eine E-Mail-Kampagne gestartet. Die Protestschreiben richten sich an das US-Landwirtschaftsministerium, das gemeinsam mit der Monsanto-Tochter Delta & Pine Land Company das US-Patent hält. Jetzt geht es darum, die weitere Erprobung dieser Technologie zu verhindern und das Landwirtschaftsministerium dazu zu bringen, von diesem Patent keinen Gebrauch zu machen. Der Protestbrief ist unter der Internet-Adresse www.rafi.org/usda.html in englischer Sprache vorformuliert. Zu sämtlichen Pressemitteilungen von RAFI sowie zu Hintergrundberichten gelangt man über die Startseite: www.rafi.org.

 

 

Leserbrief schreiben Seite empfehlen
powered by
Impressum
Newsletter
Forum
Anfragen