Intern
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mensch mit einer Rot-Dominanz und haben sich granatenmäßig über Schrot&Korn geärgert. Sie rufen also bei uns an und geigen dem Erstbesten, den Sie an die Strippe bekommen, Ihre Meinung. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder Sie treffen auf einen Mitarbeiter, der ebenfalls "rot" sieht - es fliegen die Fetzen. Oder Sie haben einen Menschen mit Blau-Dominanz in der Leitung. Der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich cooler bleiben und wenig Lust auf einen Clinch haben. Stattdessen würde er die Sache erst einmal analytisch angehen und sich fragen, wo der Schuh eigentlich drückt. Möglicherweise schnauzen Sie sogar eine dritte Kategorie von Menschen an, die Grün-Dominierten. Die haben ein besonders gutes Gespür für Zwischenmenschliches und würden Ihrem Zorn intuitiv den Wind aus den Segeln nehmen.
Daß sich derselbe Frust je nach Gesprächspartner in völlig verschiedenen Bahnen wiederfindet - das haben wir wohl alle schon erlebt. Aber was sollen die Sprüche von den Rot-, Grün- und Blau-Dominanzen? Hocken wir in der esoterischen Ecke und werfen die Begrifflichkeiten irgendwelcher Farbenlehren durcheinander? Falsch getippt. Das Denkmodell, von dem hier die Rede sein soll, ist streng wissenschaftlich: Es basiert auf den Erkenntnissen der Hirnforschung und wird in Deutschland von Rolf W. Schirm als "Biostruktur-Analyse" unters Volk gebracht.
Nach dieser Theorie wird - vereinfacht gesagt - unser Verhalten von drei verschiedenen "Gehirnen" gesteuert: dem "grünen" Stammhirn, dem "roten" Zwischenhirn und dem "blauen" Großhirn. Dieses Trio kann sich entweder die Arbeit brüderlich teilen - oder es schwingt sich ein Teil der grauen Zellen zum Dominator auf. Dabei macht er sich meist einen anderen Hirnteil zum Assistenten, während der Dritte im Bunde nur eine untergeordnete Rolle spielt. Menschen mit Grün-Dominanz beispielsweise streben nach menschlicher Nähe und sind allseits beliebt. Rot-dominierte fallen dagegen durch Entscheidungsfreude, Dynamik und natürliche Autorität auf. Und ein hoher Anteil von "Blau" bringt schließlich systematisches Denken und durchschlagende Überzeugungskraft ins Spiel.
Und was ist daran so interessant, daß wir von den vielen Seminarprogrammen zur Persönlichkeitsentwicklung gerade dieses ausgesucht haben und sich der komplette Betrieb einen ganzen Tag lang mit diesem "Schlüssel zur Selbsterkenntnis" (so der Untertitel) beschäftigte? Sind wir auf eine perfide Manipulationstechnik hereingefallen? Nein, es ging nur darum, unsere eigene Persönlichkeit einmal im blaurotgrünen Licht zu betrachten. Und herauszufinden, warum der eine mit bestimmten Situationen ganz anders umgeht als sein Schreibtischnachbar. Daß Menschen unterschiedlich gestrickt sind, ist eine alltägliche Erfahrung. Aber welche Gesetzmäßigkeiten dahinter stecken, kriegt man wohl erst durch eine theoriegeleitete Eigen- und Fremdbeobachtung heraus.
Gewiß, nicht alle waren von dem naturwissenschaftlichen Denkmodell angetan. Doch es besteht Einigkeit, daß uns das "Erkenne Dich selbst" viel wichtiger ist als irgendwelche schnellen Rezepte zu einer allseits erfolgreichen Persönlichkeitsstruktur, die uns zu überaus kontaktfreudigen, ebenso dynamischen und gleichzeitig hochintellektuellen eierlegenden Wollmilchsäuen machen wollen.
Und wenn Sie das nächste Mal bei uns anrufen, haben Sie womöglich einen "Roten" in der Leitung, der sich über seine Schwächen und Stärken bewußt ist - und dem drohenden Clinch womöglich ganz elegant aus dem Wege geht.
Peter Gutting
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