Frischer Wind beim Vegetarier-Bund
Das neue Gesicht der Mitgliederzeitschrift ist nur der äußere Ausdruck einer inneren Wandlung: Der altehrwürdige Vegetarier-Bund hat seine Nische verlassen und sucht draußen Verbündete. Faule Kompromisse wird es dabei aber nicht geben. Mit frischem Wind im Rücken und einem neu kreierten Label für vegetarische Produkte streitet man unverändert weiter.
Der vor mehr als hundert Jahren gegründete Vegetarier-Bund
befindet sich im Umbruch. Im achtköpfigen Vorstand
hat erstmals die jüngere Generation das Sagen. Ein
Wechsel, der dem überalterten Verband nur gut tun kann.
Ging es früher vor allem darum, den Mitgliedern eine
Heimat zu bieten und bei Seminaren und Wanderwochen die
Gemeinschaft der Gleichgesinnten zu pflegen, so möchten
sich die neuen Macher mehr als bisher auch nach außen
öffnen.
Notgedrungen, könnte man sagen, denn die Mitgliederzahl
- etwa 1.500 - stagniert. "Wir haben uns gefragt, warum
der allgemeine Aufschwung der vegetarischen Idee bei uns
nicht ankommt", beschreibt der erste Vorsitzende Thomas
Schönberger die Situation. Einer der Gründe war
neben der Selbstbezogenheit womöglich das leicht angestaubte
Image der traditionsreichen Vereinigung. Auch das bekennerhaft
klingende Wort "Vegetarier", so Schönberger,
sei bei den meisten Menschen eher negativ besetzt.
Dabei hätte man - rein statistisch gesehen - beste
Voraussetzungen für die Verbreitung der vegetarischen
Idee. Die letzte Shell-Studie hat ergeben, dass 36 Prozent
der Jugendlichen eine fleischarme Ernährung bevorzugen.
Dieses Potential will man künftig besser nutzen. "Wir
müssen unsere Themen mit mehr Leichtigkeit rüberbringen
und zeigen, wir fühlen uns gut dabei." Am neuen
Layout der monatlich erscheinenden Mitglieder-Zeitschrift
lässt sich die Trendwende ablesen. Die unscheinbare
grüne Postille, "die mancher mit dem Wachturm
verwechselte" (Schönberger), hat man Anfang 1999
durch eine buntbetitelte Zeitschrift im DIN A4-Format ersetzt.
Auch der Name wurde geändert: "natürlich
vegetarisch" heißt das völlig neu gestaltete
Magazin jetzt. Bei der Mehrzahl der Mitglieder stieß
es auf positive Resonanz.
Auch an den Biografien der Führungspersonen wird der
Wandel deutlich. Wie viele seiner Mitstreiter kommt Thomas
Schönberger aus der Ökologie-Bewegung und begreift
Vegetarismus weniger als gesundheitsreformerische Heilslehre
denn als ethisch-gesellschaftspolitisches Engagement. Auch
kritische Themen sollen auf Dauer nicht ausgeklammert werden,
etwa die Auseinandersetzung mit der Haltung des Vegetarier-Bundes
während der Nazizeit. Die genaueren Umstände der
Selbstauflösung im Jahre 1935 sind noch nicht hinreichend
erforscht.
Vor allem im Osten der Republik muss der Vegetarier-Bund
noch kräftig die Reklametrommel rühren. Von den
bundesweit 60 Regionalgruppen und Kontaktstellen befinden
sich nur vier oder fünf in den neuen Bundesländern.
Thomas Schönberger möchte besonders die "Teilzeit-Vegetarier"
ansprechen und nicht mit dogmatischem Entweder-Oder vergraulen.
Mit Maximalismus schafft man sich kaum Freunde, wie die
Erfahrung zeigt. Schönberger: "Wenn jemand seinen
Fleischkonsum reduziert, ist dies ein Schritt in die richtige
Richtung und daher unterstützenswert". Ohne den
Rückgriff auf Verzichtsvokabeln und ideologische Strenge
will Schönberger "das vegetarische Essen als Selbstverständlichkeit
etablieren. Der Rest kommt von alleine".
Weil der Konsument bei verarbeiteten Lebensmitteln nicht
immer erkennen kann, ob ein Produkt Substanzen vom getöteten
Tier enthält, hat man in Zusammenarbeit mit den Verbraucher-Zentralen
ein Prüfzeichen entwickelt, das sogenannte V-Label.
Das Logo, über dessen Vergabe der Vegis-Lizenzvertrieb
in Seevetal bei Hamburg und das Lebensmittellabor alcum
in Rietberg wachen, sollte auch für konventionelle
Hersteller interessant sein. "Wir wollen einen Schritt
aus der Nische heraus machen", sagt Schönberger.
Zwar bevorzugt der Vegetarier-Bund kontrolliert ökologische,
fair gehandelte und gentechnikfreie Nahrung, doch will man
nicht mit den auf diesem Feld aktiven Verbänden konkurrieren.
Das V-Label legt den Schwerpunkt bewusst auf das Stichwort
"vegetarisch", und jeder, der dazu einen Beitrag
leistet, darf sich mit dem Etikett schmücken, sofern
er die Vorgaben erfüllt. Dass alle Ingredienzen deklariert
werden müssen und jede Rezepturänderung anzeigepflichtig
ist, versteht sich von selbst. Produkte, die gentechnisch
veränderte Organismen enthalten und nach der EU-Verordnung
das Positiv-Kennzeichen tragen, werden nicht akzeptiert.
Das Millennium und die EXPO nimmt der Vegetarier-Bund zum
Anlass, vom 16. bis 17. Juni in Hannover einen Kongress
zu veranstalten unter dem Motto "Vegetarisch in das
neue Jahrtausend". Dabei will man den Bogen spannen
vom "Vermächtnis des Pythagoras" bis zur
"Zukunft der vegetarischen Idee". Die Tagung soll
die philosophischen, religiösen und politischen Wurzeln
der vegetarischen und der Tierrechts-Bewegung aufarbeiten
und ihren derzeitigen Stellenwert beleuchten. Der vegetarische
Lebensstil, so glauben die Initiatoren, ist auf dem Weg
zu einer breiteren Akzeptanz. Besonders die Jugend, so heißt
es, beginne sich vom Fleisch als zentralem Lebensmittel
zu emanzipieren. Weil man möglichst viele Menschen
in die eigene Vision einbinden möchte, werden an der
geplanten Podiumsdiskussion wohl auch Firmenvertreter teilnehmen,
"die unserer Idee normalerweise nicht so nahe stehen".
Hans Krautstein
Kontakt
Vegetarier-Bund Deutschlands e.V., Geschäftsstelle,
Blumenstrasse 3, 30159 Hannover, Telefon 0511-3632050, Fax
3632007, e-mail: info@vegetarierbund.de,
Internet: www.vegetarierbund.de
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