Balsamico - Der König unter den Essigen
Dem Balsamessig eilt ein großer Ruf voraus. Vollmundig, aromatisch und leicht süß soll er schmecken. Doch nicht überall, wo Balsamico drauf steht, ist auch höchste Qualität drin.
Worauf man achten sollte, wird in dieser Warenkunde erklärt.
Er gilt als König unter den Essigen und wird seit Jahrhunderten
in Norditalien hergestellt: "Aceto Balsamico Tradizionale
di Modena, eine erlesene Spezialität, die nach
dem Urteil von Feinschmeckern mit gewöhnlichem Essig
ungefähr so viel gemein hat wie ein Rolls Royce mit
einem Traktor. Nur wenige Tausend 100-Milliliter-Fläschchen
gelangen jährlich in den Handel und werden als seltene
Luxusartikel zu Preisen von weit über 100 Mark an Liebhaber
verkauft.
Der echte "Tradizionale stammt aus den Provinzen
Modena oder Reggio Emilia und wird nach alten Rezepten aus
dem eingekochten Most der weißen Trebbiano-Traube
gewonnen, die auf den Weinbergen des Apennin wächst.
Inzwischen sind auch andere Rebsorten erlaubt. Durch das
kurze Erhitzen steigt der natürliche Zuckergehalt des
Mostes auf über 30 Prozent. Mindestens zwölf Jahre
lang muss die Flüssigkeit dann in Holzfässern
reifen, die man vorher mit Essigbakterien imprägniert.
Der "Extra Veccio hat sogar ein Vierteljahrhundert
Zeit, sich zu entwickeln. Während der Reifung wird
der Essig in immer kleinere Fässer aus unterschiedlichsten
Edelhölzern umgefüllt und so nach und nach eingedickt.
Durch diese Prozedur erhält er sein charakteristisches
Aroma, die sirupartige Konsistenz und den leicht süßlichen
Geschmack. Einen kontrolliert biologischen "Tradizionale
wird man im Naturkostladen momentan nicht finden, denn die
Anfänge der Essigherstellung aus Öko-Zutaten liegen
noch keine zwölf Jahre zurück. Der Aceto Balsamico
di Modena, der dort verkauft wird, muss ohne die Bezeichnung
"Tradizionale auskommen, die ist nämlich
gesetzlich geschützt.
Auf die Bezeichnung Balsamico trifft dies nicht zu. Auch
ob er in Modena abgefüllt wurde oder anderswo, wird
nicht kontrolliert. Längst ist in Italien eine florierende
Balsamico-Industrie entstanden, die sich manchmal sehr weit
vom hoch geschätzten Original entfernt. Die meisten
der "Kopien sollte man "Aceto doleificato
(gesüßter Essig) nennen, meinen Kritiker. Damit
berühren sie in der Tat einen wunden Punkt. Seine dunkle
Farbe verdankt der Aceto Balsamico di Modena in erster Linie
dem Zusatz von Zuckercouleur. Kein italienischer Produzent
wolle auf diesen kleinen Eingriff verzichten, sagen Insider,
sonst würde der Balsamico so hell, dass ihn viele Verbraucher
nicht mehr akzeptieren.
Was in Italien niemanden zu stören scheint, weil es
alle machen, kann der Naturkost-Szene kaum recht sein. Wahrscheinlich
war in früheren Balsamico-Chargen, die Bioläden
aus Italien bezogen, Zuckercouleur enthalten, ohne dass
die deutschen Händler davon wussten. Folglich war Zuckercouleur
auch nicht deklariert. Synthetische Zuckercouleur, die auf
chemischem Wege mittels Ammoniak und Sulfit aus Industriezucker
hergestellt wird, ist in der Bio-Branche jedoch verboten.
Die Substanz steht in Verdacht, Immunschäden zu verursachen.
Man kann Zuckercouleur aber auch auf natürliche Weise
gewinnen, durch Erhitzen (Karamelisierung) von weißem
Zucker. Weil auf der Zutatenliste meist nur die E-Nummer
150 angegeben ist, sieht der Verbraucher dem Endprodukt
die Herstellungsart aber nicht an.
Erst durch hartnäckiges Nachfragen bei den ausländischen
Erzeugern wurde der Zusatz von Zuckercouleur bei Bio-Balsamico
überhaupt publik. Es werde nur Karamelzucker verwendet,
so die Entwarnung. Gegenwärtig ist der Naturkosthandel
um Aufklärung und Qualitätssicherung bemüht.
Bei Naturata sieht Dorothea Seiler keinen Grund, an den
Angaben ihres Lieferanten zu zweifeln, dass auf den Zusatz
von Zuckercouleur verzichtet wird. Auch eine Laboruntersuchung
auf Fremdzucker habe keinen Hinweis auf irgendwelche Manipulationen
ergeben. "Durch ein natürliches Verfahren ist
es möglich, den Balsamico zu dieser dunklen Farbe reifen
zu lassen. Zudem wird als Essig ein Rotweinessig zugegeben,
der ebenfalls die Farbe beeinflusst, erklärt
Dorothea Seiler
Mitbewerber Byodo geht einen anderen Weg. "Wie in jedem
Balsamico ist Zuckercouleur zugesetzt, schreiben die
Mühldorfer über ihren Balsamessig. Um ein "100%-Bio-Produkt
zu erhalten, hat Byodo als erster Hersteller Zuckercouleur
aus kbA-Rübenzucker entwickelt. Um Missverständnisse
oder Verwechslungen mit chemischer Zuckercouleur zu vermeiden,
ist er als "Karamelzucker ausgewiesen. Damit,
so betont Andrea Sonnberger, ziehe man die Konsequenz aus
einer unbefriedigenden Situation. Auf die Tatsache, dass
jede Art von Zuckercouleur den Essig nur dunkler, aber "keine
Spur süßer macht, weist Sonnberger besonders
hin. Viele Verbraucher hätten hier falsche Vorstellungen,
der süßliche Geschmack komme aber primär
vom Most. Dass natürlicher Karamelzucker ziemlich bitter
sein kann, bestätigt auch Barbara Steigerwald von Rapunzel.
Bei mehreren Mustern, die man getestet habe, schmeckte der
Balsamico am Ende viel zu herb. Wenn das neue Muster, das
jetzt in Italien geprüft wird, befriedigende Ergebnisse
liefert, wird auch Rapunzel bald biologischen Karamelzucker
listen. Als Rohstoff dient kbA-Weißzucker, mit den
mineralstoffreicheren Voll- und Roh-Rohrzuckern bekam man
ein für den Balsamico taugliches, dezentes Aroma bisher
nicht hin.
Das Reizthema Zuckercouleur darf nicht zu dem Schluss verleiten,
Bio-Balsamico sei also auch nicht besser als der konventionelle
Essig. Denn während Supermarktware meist den chemisch
gewonnenen Farbstoff E 150 (d) und die Antioxidationsmittel
E 220 (Schwefeldioxid) oder E 224 (Kaliumdisulfit) enthält,
bleiben diese Substanzen bei Naturkost außen vor.
Bei konventionellen Produkten kann zudem nicht ausgeschlossen
werden, dass die Zuckercouleur aus gentechnisch verändertem
Mais gewonnen wurde. In Bio-Waren ist der Einsatz genmanipulierter
Produkten hingegen verboten. Ein weiterer Pluspunkt für
Bio-Balsamessig: die Zutaten stammen aus kontrolliert biologischem
Anbau.
Das vielleicht wichtigste Qualitätskriterium beim Balsamico
ist das Verhältnis der beiden Hauptbestandteile Weinessig
und Traubenmost. Der Mostanteil sollte mindestens 50 Prozent
betragen, je höher er ist, desto hochwertiger wird
der Essig. Während die Bio-Branche den Mostanteil hoch
hält, besteht billiger Balsamico im schlechtesten Falle
aus einfachem Weinessig und ein paar Spritzern Most.
Da Balsamico gewöhnlich aus Most und Weinessig verschiedener
Reifegrade gemischt wird, kann man das Alter nicht exakt
berechnen. Auf Zahlenangaben wird daher in der Regel verzichtet.
Einen Billig-Balsamico kann man binnen weniger Stunden in
Großtanks zusammenrühren, ein guter Balsamessig
reift meist mehrere Jahre.
Die Bio-Firmen gehen hier jeweils eigene Wege, doch gibt
man dem Aceto wenigstens ein Jahr Zeit. Beim Abfüllen
muss er laut Gesetz mindestens sechs Prozent Säure
aufweisen, ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht vorgeschrieben.
Balsamico sollte vollmundig und aromatisch, aber nicht zu
süß schmecken und in der Küche sparsam verwendet
werden. Der kräftige Essig passt zu Salaten, Fleischspeisen,
Eintöpfen, aber auch zu manchen Desserts. Kenner träufeln
ihn auf frische Erdbeeren oder Kirschen, denn Balsamico
steigert das Aroma säurearmer Früchte und gibt
ihnen so den letzten Pfiff.
Hans Krautstein
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