Abenteuer in der Küche: Kefir
Wer will nicht gerne gesund bleiben und lange leben?
Manche Kaukasier schaffen's angeblich bis zu einem gesegneten
Alter von 120 Jahren - weil sie täglich ihren Kefir
trinken. Nichts leichter als das. Dachte ich. Überall
hab ich nach einem Kefirpilz gefragt. "Gibt's
nicht." Ich war am Verzweifeln. Wie sollte ich an mein
Lebensverlängerungselexier kommen? So etwas kriegen
Sie nur unter der Hand, war eine weitere Auskunft.
Mancherorts - beispielsweise in Apotheken - wurde mir ein
Pulver angeboten, aus dem sich eine Kefirknolle entwickeln
sollte. Ich war schon kurz davor, damit das Experiment zu
wagen, da erreichte mich der Hilferuf einer Freundin. Ebenfalls
verzweifelt. Kannst du vielleicht auf meinen Kunibert
aufpassen, solange ich in Urlaub bin?
Das war meine Rettung. Denn Kunibert ist nicht etwa ein
possierliches Katzentier, Kunibert ist ein Kefirpilz. Ich
nahm ihn dankbar in Pflege. Warum der Kefir Kunibert heißt?
Weil er (liebes)bedürftig wie ein Haustier ist. Er
mag's nicht zu heiß und nicht zu kalt - Zimmertemperatur
ist ihm am liebsten. Er verkriecht sich gerne in einem dunklen
Eck, muss regelmäßig gefüttert werden und
möchte einmal pro Woche in handwarmen Wasser baden.
Und er ist ein Sensibelchen. Man darf ihn nicht vernachlässigen,
sonst wird er buchstäblich muffig. Wenn's schlimm kommt,
kann er krank werden oder sogar sterben. Dann wird er wirkungslos
und zerbröselt. Aber so weit möchte ich es natürlich
nicht kommen lassen. Kunibert hat einen Ehrenplatz im Lebensmittelschrank
- eingelegt in Milch.
Bevor ich meinen ersten eigenen Kefir ansetze, gieße
ich die Milch ab und fange den Pilz in einem Sieb auf. Kunibert
hat extra ein Plastiksieb bekommen, auf Metall reagiert
das Kerl-chen allergisch. Da liegt er also: ein walnussgroßes
Gebilde - das reicht für einen Viertelliter Milch.
Er sieht aus wie leicht durchsichtiger Milchreis, hält
aber seine Kügelchen so fest zusammen wie ein Schwamm.
Ich lege ihn in ein Glas und gebe ihm Futter, genauer gesagt
Milch, die möglichst wenig Keime enthält, also
abgekocht und auf höchstens 20 Grad abgekühlt
wurde. Nach 12 Stunden ein erster Geschmackstest: ich bin
riesig gespannt auf meinen ersten selbst gezogenen Kefir.
Der sieht im Glas ganz ähnlich aus wie die Sauermilch,
die meine Mutter früher zubereitet hat. Damals, als
die Milch noch keiner Sonderbehandlung unterworfen wurde
und deswegen ab und zu im Sommer wunderbar sauer wurde -
nicht etwa faulig.
Ich rühre die durchsichtig-gelbliche Flüssigkeit
unter die dicke weiße Milchschicht, bis alles richtig
sämig wird. Jetzt hätte ich eigentlich Zitronensaft
und Zucker beimengen können, so wie's meine Freundin
mir empfohlen hatte. Aber erst einmal will ich den Kefir
so probieren - mmh, er schmeckt ganz ähnlich wie die
Sauermilch früher: mild-säuerlich, aber mit der
fernen Ahnung eines moussierenden Prickelns und hinten,
ganz hinten ein dezent käsiger Abgang. Ich lasse alle
Geschmackszutaten weg und trinke in einem Zug. Guut. Aber
das Prickeln war mehr Einbildung als Erlebnis. Dabei soll
gerade der selbst gezogene Kefir doch Kohlensäure enthalten
- geringe Mengen Alkohol übrigens auch. Also, noch
einmal im Kefir-Buch nachgelesen. Tatsächlich: Ich
hätte das Glas mit Kefirpilz und Milch ganz dicht verschlossen
halten müssen, damit die Kohlensäure nicht entweicht.
Und, Schande über mein Haupt, ich habe Kunibert vernachlässigt:
Ab und zu mag er im Glas ein bisschen geschaukelt werden.
Ich gelobe Besserung, setzte den nächsten Kefir an
und gebe ihm etwas mehr Zeit: bis zu 48 Stunden Gärzeit
kann man dem Kerlchen gönnen. Im Sommer, wenn die Zimmertemperaturen
auf über 20 Grad steigen, arbeitet der Pilz schneller.
Aber im Moment ist es noch kühl. Ich gebe meinem kleinen
Freund drei Anläufe und achte jedes Mal darauf, dass
der Deckel fest verschlossen ist. Und tatsächlich:
Es ertönte ein leises Knistern, als ich das Kefirglas
schüttele. Dann, beim Öffnen, diesmal nach drei
Tagen, ein leises Plopp. Jetzt schäumt
er, mein Kunibert. Verzeihung. Der meiner Freundin. Und
er prickelt wirklich.
Übrigens: Das gibt's tatsächlich, einen Champagner-Kefir.
Der entsteht, wenn man einen 24 Stunden jungen Kefir ohne
Pilz in eine Sektflasche füllt. Ein knapper Viertelliter
sollte es sein, der dann wiederum mit abgekochter Milch
aufgefüllt wird, aber nicht bis zum Rand. Der Korken
muss fest sitzen, damit's nicht vorzeitig knallt. Ganz wie
bei der Champagnerherstellung ist regelmäßiges
stündliches Rütteln das Geheimrezept,
das bewirkt, dass das Getränk nach zwei Tagen perlend
und spritzig ist wie Sekt.
Ich habe das aber selbst nicht ausprobiert. Keine Experimente,
hab ich mir gesagt. Schließlich ist Kunibert nur mein
Gast. Was die Aufbewahrung des Kefirpilzes bei längerer
Abwesenheit angeht, habe ich mich schon gar nicht an Versuche
herangewagt. Aber mir im Nachhinein sagen lassen, man solle
den Guten einfach mitnehmen. Na ja. Oder in Pflege geben.
Gut. Oder mit Milch bedeckt in einen kühlen Raum oder
nicht zu kalten Kühlschrank stellen (keine Null Grad).
So soll er sich eine Woche halten.
Ausprobiert habe ich freilich, was sich mit Kefir so alles
zubereiten lässt. Der Saft von Zitronen, Orangen, Limetten
passt gut zu ihm. Ebenso pürierte Himbeeren und ein
bisschen brauner Zucker. Man kann ihn auch wie saure Sahne
verwenden: für Salatdressing beispielsweise oder an
die Tomatensuppe. Aber, ehrlich gesagt: Am liebsten ist
er mir einfach so, wie er ist.
Das schöne an Kunibert ist: Er wächst und wächst
und wächst. Innerhalb von vier bis sechs Wochen wird
er sich verdoppelt haben. Wenn meine Freundin aus ihrem
Urlaub zu-rückkommt, darf ich mir einen halben Kunibert
abzweigen. Der bleibt dann bei mir. Und im nächsten
Sommer be sorge ich ihm alkoholisch-prickelnde Gesellschaft:
eine waschechte Wasserkefir-Kunigunde.
Gudrun Ambros
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