So gehts wie geschmiert
Der richtige Sport bei Gelenkproblemen
"Wer rastet, der rostet, weiß der Volksmund. Das gilt auch, wenn die Gelenke schon Funktionsschäden aufweisen. Aber keinesfalls mit beinharter Beanspruchung bei zusammengebissenen Zähnen lassen sich die Beschwerden lindern, sondern nur durch regelmäßiges und wohl dosiertes Training.
Mitten im Fortissimo des Schluss-Satzes von Beethovens
Appassionata krachte der Klavierschemel zusammen, dem Publikum
stockte der Atem. Doch der alte Herr tat, als sei nichts
geschehen: Halb auf den Trümmern sitzend, halb in der
Hocke kniend, brachte er das schwierige Stück zu Ende,
ohne Fehler und Pause. Arthur Rubinstein war 81 Jahre alt,
als ihm dieses Malheur passierte. Hinterher haben sich viele
gefragt: Welche Leistung war höher zu bewerten, die
künstlerische oder die sportliche? Rubinstein auf die
Frage nach dem Geheimnis beider Leistungen: Üben, üben,
üben!
Regelmäßige Bewegung ist das einzig wirksame
Mittel, die Leistungsfähigkeit des Organismus möglichst
lange zu erhalten und die negativen Folgen des Alterns zu
mildern. Das gilt vor allem auch für die Gelenke, die
gerade im Alter vielen Menschen durch Entzündung und
Verschleiß erhebliche Schmerzen bereiten.Ein Gelenkverschleiß
beziehungsweise eine Arthrose kann verschiedene Ursachen
haben:
- mechanische Überlastungen, etwa durch erhebliches
Übergewicht, einseitige oder übermäßige
Beanspruchung im Beruf oder auch durch permanente sportliche
Überanstrengungen
- Verletzungen oder angeborene Fehler in der Gelenkform,
(beispielsweise X- oder O-Beine)
- hormonelle Vorgänge, Wachstums- und Altersprozesse
- falsche Ernährung Um es gar nicht erst zu einem Verschleiß kommen zu lassen oder um ihn zu bremsen, empfiehlt die moderne Medizin eine ganze Reihe von Gegenmaßnahmen. In jedem Fall müssen extreme Belastungen der Gelenke, sei es im Alltag, Beruf oder Sport, vermieden werden. Aber auch eine ausgewogene Ernährung mit hohem Obst- und Gemüseanteil und einer richtigen Mischung aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fetten sowie die Reduktion eines eventuellen Übergewichts sind wichtig.
Bei Gelenkproblemen sind Walken und Radfahren besser
als Joggen
Die Vermeidung extremer Belastungen bedeutet nicht die völlige
Ruhigstellung des Gelenks. Diese früher oft geäußerte
Empfehlung gilt heute nicht mehr. Im Gegenteil, Ärzte
warnen davor, denn die übertriebene Schonung der Gelenke
kann zu einer Versteifung führen. Notwendig ist eine
regelmäßige und richtig dosierte Bewegung, die
die Stoffwechselaktivität der Knochen, Knorpel und
Bänder fördert. Dadurch wird die Produktion der
für das Funktionieren der Gelenke so wichtigen Gelenkschmiere
angeregt und aufrechterhalten.
Neben der richtigen Dosierung der sportlichen Belastung
kommt es darauf an, die richtige Sportart auszuwählen.
Wer Schwierigkeiten mit der Wirbelsäule, den Hüft-,
Knie- und Fußgelenken hat, sollte möglichst nicht
laufen oder joggen, denn der Aufprall beim Aufsetzen der
Füße entspricht dabei jeweils dem 2 1/2 -fachen
Körpergewicht und stellt eine starke Belastung dar.
Jogging ist nur bei gesunden Gelenken, mit gut gedämpften
Schuhen und auf weichem Wald- oder Rasenboden zu empfehlen.
Als Sportarten, die die Gelenke strapazieren und auf Dauer
schädigen, gelten auch Hoch- und Weitsprung, Fußball,
Handball, Basketball und Tennis. Vor allem mit zunehmendem
Alter sollte man sie vermeiden. Sinnvolle, weil gelenkschonende
Alternativen sind: Walking, Wandern, Radfahren, Skilanglauf,
das Training auf geeigneten Fitnessgeräten und Schwimmen.
Allerdings nicht Brustschwimmen, weil dabei die Wirbelsäule
durchhängt oder überdehnt wird. Außerdem
kann das heftige Beingrätschen Knie- und Hüftgelenke
überlasten. Empfehlenswert sind dagegen Rückenschwimmen
oder Brustkraulen, weil bei diesen Schwimmstilen die Gelenke
durch den Auftrieb im Wasser optimal entlastet werden. Gehen
bzw. Walking ist deshalb günstig , weil - im Unterschied
zum Joggen - ein Fuß immer auf dem Boden bleibt und
die Gelenke nur mit dem einfachen Körpergewicht belastet
werden. Beim Radfahren werden die Gelenke geschont weil
das Gewicht vom Sattel getragen wird. Und Skilanglauf schließlich
gilt deshalb als ideales Gelenktraining, weil das rhythmische
Gleiten im Schnee geradezu wie eine Wirbelsäulengymnastik
wirkt.
Das Prinzip eines sanften, gelenkschonenden Gleitens anstelle
des harten Aufsetzens der Beine, machen sich auch neuere
Fitnessgeräte wie der Skilanglauf-Hometrainer oder
der Ellipse-Crosstrainer zunutze, die vor allem in der grauen
Jahreszeit für das Indoor-Training zu empfehlen sind.
Egal welche Sportart: Regelmäßigkeit bringt
mehr Erfolg
Denn auch für das Bewegungstraining zur Erhaltung und
Verbesserung der Geschmeidigkeit gilt: Regelmäßigkeit
ist Trumpf. Nur wer seine Gelenke häufig - am besten
täglich - dosiert mit der richtigen Bewegung beansprucht,
sorgt dafür, dass genügend Gelenkschmiere entsteht,
die Knorpel ausreichend ernährt werden und die stabilisierenden
Muskeln funktionstüchtig bleiben. In jedem Fall ist
dosierte Bewegung für die Lebensdauer und Funktionstüchtigkeit
unserer Gelenke besser als gar keine, denn das Sprichwort
"Wer rastet, der rostet", gilt gerade für
unseren Gelenkapparat. Wer aber Zweifel hat, ob er sich
eine bestimmte Sportart zumuten kann, sollte einen kompetenten
Orthopäden aufsuchen.
Hans. A. Bloss
Der Autor ist Professor für Sportwissenschaft an der
Pädagogischen Hochschule Karlsruhe sowie Lehrbeauftragter
der Universität des SaarlandesLiteratur:
Cotta, Horst: Der Mensch ist so gesund wie
seine Gelenke, Piper- Verlag, München 1994, DM 19,90.
ISBN 3-492-12114-4
Gehrke Thorsten: Sport-Anatomie, Rowohlth-Verlag,
Reinbeck 1998, DM 24,80. ISBN 3-499-19449-x
Hillebrecht, Natascha u. Martin: Übungsprogramme
zur Dehn- und Kräftigungsgymnastik, Meyer&Meyer
Verlag (4. Aufl.), Aachen 1998, DM 24,80. ISBN 3-89124-525-4
Oettinger, Barbara und Thomas: Funktionelle
Gymnastik, Hofmann-Verlag (2. Aufl.), Schorndorf 1998. DM
37,-. ISBN 3-7780-3022-1
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