Dem Gift auf der Spur

Kopfweh, brennende Augen oder chronischer Husten können viele Ursachen haben. Eine davon liegt möglicherweise in der Luft, die wir täglich einatmen. Ob tatsächlich Schadstoffe im Haus einem das Leben schwer machen, kann nur eine Messung zeigen. Dabei gibt es Vieles zu beachten.

Zuerst ging es um das Kinderzimmer des kleinen Jonas. Der leidet an regelmäßig wiederkehrenden Nasenschleimhautschwellungen, die sich aufs Ohr legten und zu Hörproblemen führten. Als ein Kinderarzt sagte, dass die Ursache dieser Symptome auch eine Allergie sein könnte, war für Anke und Theo Plank (Namen von der Redaktion geändert) klar: "Wir lassen messen." Denn auch andere allergische Symptome wie Hautausschläge waren bei Jonas schon mal aufgetreten.

Seit drei Jahren bewohnen die Planks ein gut 30 Jahre altes Holzfertighaus im Süden von München. Beim Kauf hatten sie vorsichtshalber eine Materialprobe auf Holzschutzmittel untersuchen lassen - Ergebnis negativ. Jetzt wollten sie auf Nummer sicher gehen und ausschließen, dass ihr Haus die Ursache der Gesundheitsprobleme sein könnte. In der Zeitung las Theo Plank einen Bericht über das Umweltinstitut München, einen gemeinnützigen Verein, der seit Jahren Wohnraumgifte misst.

Ein kurzes telefonisches Gespräch mit dem Umweltinstitut - und einige Tage später steht Helmut Scholz mit seinen Messgeräten vor der Tür. Doch bevor er die Apparaturen aufbaut, lässt der Diplom-Ingenieur Augen und Nase arbeiten – so verschafft er sich einen ersten Eindruck: Wie ist die Bausubstanz, welche Möbel stehen in den Räumen, wie werden sie genutzt? Orientierende bauphysikalische Messungen zeigen an, ob Mauern feucht sind, Wärmebrücken bestehen und womöglich die Gefahr verborgener Schimmelbildung besteht. Ein elektronischer Schnelltest sagt Scholz, ob es auffällige Konzentrationen einzelner Kohlenwasserstoffverbindungen gibt.

Doch das Wichtigste ist das Reden: Um zu erfahren, in welchen Räumen etwas neu eingebaut wurde, ob es konkrete Beschwerden oder Verdachtsmomente gibt. Aufgrund des ausführlichen Gesprächs sollen die Betroffenen nachvollziehen können, warum Scholz bestimmte Analysen empfiehlt. Im konkreten Fall schlägt er folgendes Messprogramm vor: Eine Formaldehydmessung im Kinderzimmer, weil dort ein größerer Einbauschrank mit Spanplatten steht und eine Überprüfung der Raumluft im Wohnzimmer auf Holzschutzmittel, wegen der dunkelbraun gestrichenen Holzdecke, die noch vom früheren Eigentümer stammt. Weil der Parkettboden in dem großen Raum vermutlich aus der Zeit des Hausbaus stammt, nimmt Scholz auch eine Staubprobe, die auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) untersucht werden soll. Diese Stoffgruppe enthält krebserregende Substanzen und wurde früher auch in Parkettklebern eingesetzt. Öffentlich bekannt wurde diese Gefahr erst vor zweieinhalb Jahren bei der Sanierung ehemaliger Wohngebäuden der US-Army.

Das Messergebnis zwei Wochen später war für die Planks ein kleiner Schock. Im Staub fanden sich sehr hohe PAK-Werte. Nach den Richtlinien des Umweltbundesamtes ist eine Sanierung des Parkettbodens dringend geboten. "Direkt Angst hat mir das Ergebnis nicht gemacht", sagt Anke Plank. "Wir nutzen das Wohnzimmer auch nicht so intensiv und schlafen nicht drin." Doch da sie die Belastung jetzt kennt, ist für sie klar: "Der Boden muss raus." Diplom-Ingenieur Helmut Scholz will jedoch vorher noch die PAK-Belastung in der Raumluft messen. Denn der Staub am Boden birgt nur dann Gefahren, wenn Kleinkinder ihn verschlucken. Ansonsten ist die Belastung über die Atemluft entscheidend. Anschließend will sich Scholz mit der Familie zusammensetzen und beratschlagen, ob eine Versiegelung des Bodens genügt oder ob er rausgerissen werden soll - und was bei dieser Sanierung zu beachten wäre. In jedem Fall: Schadstoffmessungen können hohe finanzielle Risiken bergen. Anke Plank:: "Man sollte sich vorher klar machen, dass zigtausende Mark an Sanierungskosten auf einen zukommen können."

Noch wichtiger ist der psychologische Aspekt. Der Berater muss unbedingt die Bedeutung der gemessenen Werte erklären. "Die Betroffenen müssen diese Zahlen einordnen können, sie müssen lernen, damit umzugehen." Risikokommunikation nennt Scholz das – sie ist vielleicht der schwierigste Teil seiner Arbeit. Vor allem, wenn die Belastung keine akuten Beschwerden verursacht, aber langfristig das Risiko einer chronischen oder gar einer Krebserkrankung erhöht. Denn das Wissen um diese Gefahr und die Angst davor können sich im Einzelfall ebenfalls negativ auf die Gesundheit auswirken.

Wichtig ist die Hilfe des Beraters auch, wenn aufwendige Sanierungen anstehen. Denn nicht immer ist es mit einem neuen Parkettboden getan. Die letzte Entscheidung kann der Experte den Betroffen jedoch nicht abnehmen. "Viele Kunden wünschen sich eine klare Anweisung des Herrn im weißen Kittel", beschreibt Scholz die Situation . "Aber das geht nicht. Die müssen selbst verantwortlich entscheiden."

In wirklich kritischen Fällen macht es Sinn, sich noch von einer zweiten Seite Rat zu holen. Denn Beispiele, in denen aufgrund einer falschen Messung oder Beratung teure Fehlentscheidungen getroffen werden, gibt es viele. "Meist sind mangelnde Erfahrung oder gravierende Fehler bei der Probenahme und im Labor die Ursache", sagt Scholz, der immer wieder vor Gericht Messergebnisse begutachten muss. Häufig sind auch Fälle, bei denen in Schulen, Kindergärten oder Bürogebäuden nach einer Messkampagne Entwarnung gegeben wird und trotzdem die Krankheitssymptome, die Anlass für die Messung waren, nicht verschwinden. Erst weitere Begehungen und Messungen führen dann auf die Spur der verantwortlichen Substanz. Denn die Palette schädlicher Chemikalien im Innenraum ist groß.

Zu den bekannten Schadstoffen wie PCP oder Formaldehyd haben sich Flammschutzmittel, neue Weichmacher oder schwerflüchtige Lösemittel gesellt, über die in vielen Fällen kaum toxikologische Daten vorliegen. Doch das häufigste Problem in Innenräumen sind Schimmelpilze. Um Energie zu sparen, werden die Häuser immer luftdichter gebaut. Dadurch gewinnt das kontrollierte Lüften an Bedeutung. Wer es zu selten tut, riskiert, dass sich die Feuchtigkeit im Haus niederschlägt und sich Schimmel bildet. Auch Baufehler und nasse Mauern können die Sporen wachsen lassen. Nicht immer zeigen sich schwarze oder grüne Flecken an der Wand als eindeutige Hinweise. Oft versteckt sich der Pilz hinter Tapeten, in alten Fußböden oder hinter Einbaumöbeln. Nur ein leicht muffiger Geruch verrät dem Experten seine Existenz.

Auch viele Lösemittel bemerkt die Nase bereits, wenn die Konzentration noch sehr gering ist. Übelkeit und Kopfweh können die Folge sein, weil Körper und Psyche ablehnend reagieren, selbst wenn die Hersteller behaupten, dass eine Wirkung der Chemikalie bei so geringen Mengen ausgeschlossen ist. Solche psychosomatischen Wirkungen haben zu der Vermutung geführt, dass allein das Wissen um eine mögliche Schadstoffbelastung oder reißerische Medienberichte Menschen krankmachen würden. "Es gibt solche Fälle", sagt Helmut Scholz, "doch es sind weniger als vermutet."

Wesentlich häufiger seien solche Meldungen der Anlass für Betroffene, sich genauer mit dem Problem auseinanderzusetzen. Dabei würden sie erkennen, dass womöglich Schadstoffe die Ursache bereits bestehender Krankheitssymptome sein könnten und versuchten dann, das abzuklären. "Einschlägige Fernsehsendungen, gerade über Schimmelpilze, schlagen sich bei mir jedes Mal in einer Zunahme telefonischer Anfragen nieder." In der Folge stelle sich dann in dem ein oder anderen Fall heraus, dass etwa Schimmelsporen in der Raumluft die Ursache eines chronischen Hustens seien.

Leo Frühschütz


Tipps für die Suche

Wer den Verdacht hat, Wohnung oder Arbeitsplatz könnten mit Schadstoffen belastet sein, sollte zu Papier und Bleistift greifen und niederschreiben, wie der Verdacht entstand, ob es körperliche Symptome gibt, ob ein Geruch wahrnehmbar ist oder welche Möbel in letztere Zeit angeschafft wurden. Zum einen kann man so Ordnung in seine Gedanken bringen, zum anderen wird ein Gutachter oder Umweltmediziner ähnliche Fragen stellen, um Anhaltspunkte zu bekommen.

Anrufen kostet nichts: Schildern Sie ihr Problem Gesundheitsbehörden oder Sachverständigen und fragen Sie um Rat. Dabei bekommt man oft auch einen ersten Eindruck, ob beim Gesprächspartner das Zuhören und die Beratung im Vordergrund stehen oder das Verkaufen einer Standardanalyse.

Bei der Entscheidung für ein Messinstitut sollte Folgendes vorab geklärt werden: Sind Probenahme, Laboranalyse und Bewertung in einer Hand? Welche Referenzen und Erfahrungen liegen vor? Welche Beratungsleistungen sind im Preis inbegriffen?

Bezeichnungen wie "öffentlich vereidigter Sachverständiger" sind kein Gütesiegel. Sie garantieren nur einen guten Stellenwert des Gutachtens in einer gerichtlichen Auseinandersetzung.

Adressen von Meßinstituten bekommt man in der Regel bei den Gesundheitsämtern, bei den für Sachverständige zuständigen Abteilungen der Industrie- und Handelskammern und bei manchen Krankenkassen.

Auch im Alternativen Branchenbuch finden sich zahlreiche Messinstitute. Im Internet steht dieses Nachschlagewerk unter http://www.eco-address.de/.

Eine Adressliste mit Umweltmedizinern findet sich unter http://www.umweltmedizin.de/Pages/Adressen/Aerzte/Arztliste.html.

In der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF) haben sich Labors und Beratungsbüros zusammengeschlossen, die überwiegend in den 70er und 80er Jahren im Zuge der wachsenden Umweltbewegung entstanden sind. Eine Liste der rund 30 Meßlabors, die dort Mitglied sind, gibt es in der Geschäftsstelle der AGÖF im Energie- und Umweltzentrum, 31832 Springe/Eldagsen, Tel.: 05044/97575, Fax: 05044/97577.
Bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Mintropstr. 27, 40215 Düsseldorf, Fax: 0211/3809-244 kann man für 23 Mark eine Liste mit Messlabors aus diesem Bundesland und weitere Entscheidungshilfen bestellen.

Zusammen mit dem Schadstoffexperten Helmut Scholz hat Schrot&Korn eine Liste mit empfehlenswerten Messlabors zusammengestellt. Sie können diese Liste bestellen oder im Internet unter www.schrotundkorn.de/2000/sk0006o1messlabors.htm abrufen.


Vorsicht vor Fließbandmessungen

Auch namhafte Organisationen bieten immer wieder kostengünstige Messungen an. Dazu wird dem Kunden meist ein Passivsammler zugesandt, der einige Zeit in dem zu untersuchenden Raum aufgehängt wird. An der Aktivkohle bleiben mögliche Schadstoffe in der Luft hängen. Ein Labor untersucht den Sammler auf alle möglichen Schadstoffe und teilt dem Kunden die Ergebnisse mit - eventuell auch Richtwerte, um eine mögliche Belastung einordnen zu können.

Ein solches Angebot hat mehrere Schwächen: Es gibt keine Raumbegehung und in vielen Fällen auch keine Beratung durch einen Fachmann. Der Kunde bleibt mit dem Messwert und der Suche nach der möglichen Schadstoffquelle allein.

Aber auch ein später eingeschalteter Gutachter kann mit dem Messwert wenig anfangen, da er bei der Probenahme nicht dabei war und die Originalergebnisse der Untersuchung nicht kennt. Er müsste die Messung wiederholen. Zudem ist es nicht möglich festzustellen, ob die Belastung dauerhaft ist oder ob es nur ein kurzzeitiger Spitzenwert war. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Passivsammler hängt zwei Wochen im Schlafzimmer. Das anschließende Messergebnis: Eine extrem hohe Belastung mit dem Lösemittel Ethylacetat. Eigentlich bestünde dringender Sanierungsbedarf. Doch die Suche nach der Schadstoffquelle entlarvt den Fehlalarm: Das Lösemittel stammte aus dem Nagellack, mit dem die Frau sich regelmäßig, auf der Bettkante sitzend, die Fingernägel lackierte.

Ebenso kritisch sehen Experten die Staubmessungen, bei denen kein Fachmann, sondern der Kunde selbst Staub einsammelt und einschickt. So empfahl ein bekannter Umweltmediziner einer Patientin aufgrund extrem hoher Schwermetallwerte im Hausstaub eine Sanierung der Wohnung. Der Grund für die hohen Werte lag jedoch in der Probenahme. Die Frau hatte schwermetallhaltigen Emaillestaub von ihrem Arbeitstisch aufgesaugt. Die Probe war überhaupt nicht repräsentativ für den Raum oder gar die ganze Wohnung.


Zum Weiterlesen

Umweltinstitut München e.V.: Ratgeber wohnen & wohlfühlen, 2. Auflage April 1999, 198 S., 24,80 DM, ISBN 3-930615-15-0 oder direkt beim Umweltinstitut, Schwere-Reiter-Str. 35/1b, 80797 München, Tel. 089/30 77 49-0, Fax: -20, e-mail:uim@umweltinstitut.org.

Markus Feldmann: Schadstoffe in der Wohnraumluft, Verbraucher-Zentrale NRW, 12,50 DM, ISBN: 3-923214-72-3 oder direkt bei der VZ NRW, Versandservice, Adersstr. 78, 40215 Düsseldorf, Fax: 0211/3809235.

Angelika Eder: Jetzt wohne ich gesund!, Verlag Pabel - Moewig 2000, 15.- DM, ISBN: 3-8118-1579-2.

Sabine Wenzel: Dicke Luft - Schadstoffe in Innenräumen, Hirzel 1997, 42.- DM, ISBN: 3-7776-0746-0.

Leserbrief schreiben Seite empfehlen
powered by
Impressum
Newsletter
Forum
Anfragen