Standpunkt
Ein Meinungsbeitrag von Michaela Schmoczer
Wider die Zeitfalle
Das Leben wird immer hektischer und betriebsamer - keine Zeit zu haben, ist in. Deswegen setzt sich eine Gruppe von Menschen für einen reflektierten Umgang mit Zeit auf individueller und kollektiver Basis ein und für neue Formen des Umgangs mit dem Phänomen Zeit. Michaela Schmoczer erklärt das Anliegen des "Vereins zur Verzögerung der Zeit" in Klagenfurt.
Ausschlaggebend für die Gründung des "Vereins
zur Verzögerung der Zeit" war das allgemeine gesellschaftliche
Empfinden trotz Arbeitszeitverkürzung und dem Einsatz
von technischen Hilfsmitteln immer weniger Zeit zu haben.
Immer öfter verspürt man die Gnadenlosigkeit des
Zeitdrucks, aber selbst die genaueste Uhr und der beste
Terminplaner helfen uns nicht zu erkennen, dass die Zeiten
der Natur und des Lebens ihre sogenannte "Eigenzeit"
haben. Oft bedarf es erst eines Unfalls, einer Katastrophe,
dieses Bewusstsein zu wecken. Viele Menschen wagen erst
ihr "Tempo" zu drosseln, wenn sie Gesundheitsprobleme,
Erschöpfung, Lebenskrisen oder schwerwiegende Fehler
bei der Arbeit dazu zwingen. Diese Unfälle kennen wir
alle, Atomreaktorunfälle, der BSE-Skandal oder das
Tankerunglück, das 1989 die Küste Alaskas verseuchte.
Aber wer denkt bei diesen Schreckensmeldungen an ein Zeitproblem?
Nonstop sollen die Maschinen laufen, nonstop auch der Mensch.
Dieses Prinzip, auch Fortschritt genannt, setzt unsere natürlichen
und sozialen Balancesysteme außer Kraft. Lebende Systeme
lassen sich nicht ohne Folgen beschleunigen. Ein klassisches
Beispiel ist die Agrartechnologie, die dazu beiträgt,
dass sich Natur und Lebendiges dem ökonomischen Zeitmaß
unterwerfen.
Damit ein Schwein sich rechnet, muss es nach einem halben
Jahr für den Schlächter "reif" sein.
Alljährlich wird uns unter dem Deckmantel der Rationalität
eine Sommerzeit verordnet, die zwar für Freizeitaktivitäten
durch das längere Licht einen gewissen Vorteil bringt,
den Bauern ist dies aber weniger recht - die Tiere schauen
nicht auf die Uhr. Naturprodukte geraten unter das Zeitmaß
industrieller Produktion. Medizinische und psychologische
Hilfe darf ein gewisses Zeitmaß nicht überschreiten,
sonst wird sie unrentabel. Quantität und Qualität
ist gefragt.
Zeit ist Geld, und da sie damit als kostbar gilt, muss man
sie eiligst nutzen, um zu sparen. Anstatt sie auszukosten,
wird beschleunigt. Pausen sind kontraproduktiv, kosten Geld
und da auch Denkpausen ihre Zeit brauchen, wird Nachdenken,
Innehalten als Zeitverlust bezeichnet. Die Beschleunigung
wird zum Maß aller Tätigkeiten.
"Das können Sie mit mir nicht machen. Ich bin
Mitglied des Vereins zur Verzögerung der Zeit."
Mit diesem Argument hat sich schon so manches Vereinsmitglied
gegen sogenannte Sachzwänge gewehrt und versucht, den
aufkommenden Stress im Keim zu ersticken. Jedes Vereinsmitglied
sollte am Ort seiner Tätigkeit, überall dort,
wo es sinnvoll erscheint, Zeit verzögern. Wo blinder
Aktivismus und partikuläres Interesse Scheinlösungen
produzieren, soll zum Innehalten und Nachdenken aufgefordert
werden.
Der Verein zur Verzögerung der Zeit bemüht sich
durch Vorträge, Workshops, sowie auch durch das jährliche
Symposium, Denkanstöße zu geben. Über die
zentrale Servicestelle in Klagenfurt können Materialien,
zum Beispiel Aufsätze und Texte zum Thema, bestellt
werden.
Kontaktadresse:
Verein zur Verzögerung der Zeit
Sterneckstraße 15
A-9010 Klagenfurt
Fax: 0043-4632700-759
e-mail: zeitverein@uni-klu.ac.at
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