Ein Essay zum Fest
Damit Naturkost alltäglich wird
von Ronald Steinmeyer
"Selbstverwirklichung in der Arbeit. Firmenräume wie im Jugendhaus. Arbeitspensum 10-14 Stunden am Tag. Man wird nicht ausgebeutet, man beutet sich selbst aus. Bloß nicht in einem Großkonzern malochen, lieber nach der Zukunft fahnden." - Dies sind Zitate aus einem Artikel über die neuen Internet-Unternehmer, über die Bedingungen der schönen neuen Arbeitswelt. Voller Erstaunen über die Menschen zwischen 20 und 30, die auf Sicherheit pfeifen, um ihren Weg zu finden und zu gehen.
Dies ist die 180. Ausgabe von Schrot&Korn. Sie hat 96 Seiten, ist durchgehend farbig und wird von etwa 2.200 Naturkostläden an rund 450.000 Kunden verteilt. Ende August 1985 hatte die Null-Nummer - das Fachwort für eine Test-Ausgabe - 16 Seiten, acht davon schwarz-weiß, vier mit Zusatzfarbe gelb und vier mit rot. Die Auflage von 20.000 Stück ging an 1.000 Naturkost-Läden.
Zwischen Nummer "Null" und 180 liegen 15 Jahre. Und der Erfolg von "Bio" und dem Naturkosthandel, geschrieben von vielen Menschen, die 10-14 Stunden am Tag arbeiteten und auf Sicherheit pfiffen, um ihren Weg gehen zu können.
Denn wie jede Geschichte hat auch die von Schrot&Korn ein Vorspiel. Dies begann 1972, als in Deutschland die ersten Naturkostläden entstanden. Der Name war Programm - "Peace Food" in Berlin hatte Flower Power, "Schwarz(b)rot" in Hamburg Anarcho-Biotik, das Münsteraner "Makrohaus" Makro-Sachen.
Diesen und allen anderen Naturkost-Pionieren war gemeinsam, dass es ihnen um "Lebens"-Mittel ging - Alternativen zur Industrie-Nahrung, deren Anbau durch Kunstdünger und Pestizide die Natur zerstört, die durch Hightech und Chemie die Gesundheit gefährdet, die unfair gehandelt, seelenlos verkauft und lieblos gegessen wird. Die neuen, alten Lebensmittel kamen vom Bio-Bauern - oder zumindest vom Vollkorn-Bäcker.
Ende der 70er Jahre gab es bereits 200-300 Läden. Und nicht nur ihre Zahl, auch ihr Angebot war gewachsen - zu den Körnern der Anfangszeit waren verarbeitete Produkte gekommen, und auch Gemüse und Obst lag in bescheidenem Umfang in den Regalen. Bald gab es auch Naturkosmetik, Seifenwaschmittel und Getreidemühlen, hergestellt und geliefert von Firmen wie Allos, Barnhouse, Biodienst, Biogarten, Davert, Kornkraft, Logona, Rapunzel, Tautropfen, Weiling ...
Natürlich - wir sind in Deutschland - gründeten die Bio-Händler auch einen Verein, den "Naturkost e. V.". 1985 - die Zahl der Läden war auf 1.000 gewachsen, dazu kamen vielleicht 100 Verarbeiter, 30 Großhändler - fragte dieser Verein, ob wir nicht eine Kundenzeitschrift für den Naturkosthandel machen wollten. Wir - ein 1979 gegründeter Verlag, der "Ökologie im Alltag" verschrieben.
Auch wir hatten übrigens damals schon einen 10- bis 14-Stunden-Tag, Arbeitsbedingungen wie im Jugendhaus, Selbst-Ausbeutung und Selbstverwirklichung durch die Arbeit ... und zwar an Zeitschriften und Büchern.
Aus Gesprächen und Auseinandersetzungen zwischen Verband und Verlag entstand das Konzept einer Zeitschrift mit Informationen rund um biologischen Anbau, vollwertige Ernährung und den Naturkost-Handel. Solidarisch, wo möglich, kritisch, wo nötig. Damit konnte dann der Bio-Laden Kunden und Kundinnen informieren und darin konnten die Naturkost-Verarbeiter ihre Produkte bewerben.
Ende August 1985, zur "Müsli '85" in Velbert, erschien Schrot & Korn "Null", mit einer Warenkunde Tofu, mit Rezepten, mit einem Artikel über das wachsende Interesse von Staat und Industrie an "Bio" und einem Gespräch mit Loek uit het Broek, dem leider bald darauf verstorbenem Leiter des "Qualitätsinstitutes" des Naturkost e. V.
Heute, 15 Jahre später, ist es normal, dass alle Lebensmittelhändler, früher fast durchweg erbitterte Feinde von "Bio", zumindest einige Bio-Produkte führen, die noch vor 10 Jahren als "Körnerfraß" gegolten hätte. Ist es normal, dass auch die knapp 2.000 Reformhäuser - dem Ruf des Kunden folgend, nicht unbedingt dem eigenen Willen - Bio-Produkte führen. Ist es normal, dass der Dorf-Bäcker Vollkornbrot führt, der führende deutsche Babykost-Hersteller Rohstoffe aus Bio-Anbau verwendet und die Bahn und viele Mensen ein Bio-Menü anbieten.
Normal? Es ist das Ergebnis des jahrzehntelangen Einsatzes vieler Menschen. 35-Stunden-Woche? Um den ehemaligen IG-Metall-Chef Steinkühler zu zitieren: "Die finde ich toll. So toll, dass ich sie zweimal arbeite." Und der kleine, feine Unterschied zu den heutigen Internet-Workaholics: Während die damit rechnen, im Jahr an die Hunderttausend Mark auf die hohe Kante (oder in Aktien) zu packen, waren Naturköstler froh, wenn am Ende des Jahres die Schulden nicht (weiter) gewachsen waren.
Normal? Die einen waren so unvernünftig, Bio-Bauern oder Verarbeiter und Händler von Bio-Produkten zu werden. Oder, wie wir, darüber zu schreiben.
Normal? Die anderen waren so unvernünftig, "Bio" und Naturkost durch alle Entwicklungsprobleme die Treue zu halten. Leute wie Sie, die durch den Kauf von Naturkost dies alles erst möglich machten und machen. Die die Hoffnung nicht aufgaben und die Geduld hatten, sich in den oft kleinen, abseits gelegenen Läden mit dem häufig unzureichenden Angebot abzuplagen. Die die höheren Preise akzeptierten und akzeptieren, weil sie wissen, dass es Ökologie, Gesundheit und Nachhaltigkeit nicht zum Null-Tarif gibt.
Wegen dieser Unvernunft, dem Idealismus, der Starrköpfigkeit gibt es allein in Deutschland fast 10.000 Bio-Bauern mit 350.000 Hektar "Bio-Land". Gibt es den - wenn auch (viel zu) langsamen Atomausstieg, die Umweltverbände ...
Gibt es Schrot&Korn. Gibt es mehrere hundert Verarbeiter von Bio-Produkten, Dutzende auf "Bio" spezialisierte Großhändler. Gibt es vielleicht zweitausendfünfhundert Naturkost- und Hofläden, die ihr Angebot ständig ausbauen - besser, vielfältiger und auch billiger werden. Damit der Einkauf für Sie, die Kunden, einfacher wird. Damit noch mehr Menschen "Bio" kaufen. Damit Naturkost alltäglich wird.
Spannend, was die nächsten 15 Jahre bringen.
Ronald Steinmeyer, Gründer von Schrot&Korn, heute Geschäftsführer des bio verlags
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