Jodsalz - überflüssig wie ein Kropf?

Die Warnungen klingen dramatisch: Jeder zweite, so lässt der "Arbeitskreis Jodmangel" seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit verbreiten, leide unter einem Mangel des lebenswichtigen Spurenelements Jod. Ihm drohten damit schwere Funktionsstörungen der Schilddrüse. Als Ausweg propagiert die Vereinigung von Medizinern und Ernährungswissenschaftlern einen flächendeckenden Einsatz von jodiertem Speisesalz in Kantinen, Restaurants, Backstuben, in der gesamten Lebensmittel verarbeitenden Industrie. Kritiker wittern hinter solchen Vorstößen nicht die Sorge um die Volksgesundheit, sondern in erster Linie ein Riesengeschäft - zum Schaden jodempfindlicher Menschen.

Die Erkenntnis ist eigentlich uralt: Süddeutschland gilt als Jodmangelgebiet. Die Böden wurden im Laufe der Erdgeschichte ausgewaschen und verarmten dabei an Jod. Gemüse, Milch, Fleisch und auch die Luft in diesen Landstrichen enthalten daher wenig von dem Spurenelement, das der menschliche Körper dringend braucht. Wer aber zu wenig davon aufnimmt, kann an einer schweren Funktionsstörung der Schilddrüse dauerhaft erkranken. Deren äußeres Zeichen ist der "Kropf", unter dem vor allem ältere Menschen in Süddeutschland überdurchschnittlich häufig leiden. Weitere bittere Folge eines Mangels: Nimmt eine Frau während der Schwangerschaft zu wenig Jod auf, kann ihr Kind mit einem geistigen Defekt, dem so genannten Kretinismus zur Welt kommen. Schon in früheren Jahrzehnten wurden daher die Deutschen südlich von Ruhr und Eder aufgefordert, ein bis zweimal die Woche jodreichen Seefisch zu verzehren. Und wer nach ärztlichem Befund besonders gefährdet war, bekam zur Vorsorge Jodtabletten verordnet.

Seit Mitte der 80-er Jahre aber gelten neue Vorgaben, was insbesondere dem Engagement des "Arbeitskreises Jodmangel", einer Initiative der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zu verdanken ist. Wenn man dessen Veröffentlichungen glaubt, leidet jeder zweite Deutsche an einer Fehlfunktion der Schilddrüse, deren Frühsymptome mangelnde Antriebskraft, Depressionen und andere Befindlichkeitsstörungen sein sollen. Nicht nur in Süddeutschland, nein, auch direkt an der Nordseeküste nehmen die Menschen angeblich zu wenig Jod auf. Der Bedarf wird auf 180 bis 200 Mikrogramm am Tag definiert. Durch unverarbeitete Lebensmittel nehmen wir im Durchschnitt aber nur etwa 60 Mikrogramm zu uns. Aus diesem Grund hat sogar die DGE, sonst bei Nahrungsergänzungsmitteln eher zurückhaltend, schon früh die Verwendung von Jodsalz in den Haushalten empfohlen. Doch auch dies reicht nach neuen Verlautbarungen beileibe nicht aus, denn es bringt nur etwa 20 Mikrogramm mehr am Tag.

Die Differenz zum empfohlenen Wert kann laut DGE nur gedeckt werden, wenn auch jeder Bäcker und Metzger, jede Kantine, jeder Anbieter von Fertiggerichten und Konserven Jodsalz für die Zubereitung verwendet. Die Branche zieht - so klagt der "Arbeitskreis Jodmangel" - zwar schon eher mit als noch vor fünf Jahren, aber nicht in ausreichendem Maße, obwohl die Erlaubnis zur Verwendung von Jodsalz per Gesetz schon seit 1989 bzw. 1991 besteht. Wen wundert`s, schließlich muss der bisherige Pfennigartikel Salinensalz bei Anreicherung mit Jod teuer bezahlt werden. Werbewirksam ist der Zusatz jedenfalls kaum, so zeigen die Umsatzzahlen: jodsalzhaltiges Brot ist derzeit nicht gerade ein Verkaufshit.

Auch unter Wissenschaftlern ist der Einsatz von jodiertem Speisesalz umstritten, denn für Vertreter der Vollwertlehre ist der Zusatz einer chemisch-isolierten Substanz grundsätzlich fraglich. Der Internist und Ganzheitsmediziner Dr. med. M. O. Bruker lehnt eine pauschale Medikamentisierung ganzer Bevölkerungsgruppen mit Jodid ab. "Der Verzehr naturbelassener Lebensmittel, in denen die Vitalstoffkomposition optimal gewährleistet ist, gilt als beste Vorsorge ernährungsbedingter Zivilisationskrankheiten", sagt er. Die zusätzliche Verabreichung von Jod könne bei Patienten mit latenten Schilddrüsenstörungen zur Verschlimmerung des Krankheitsbildes führen.

Auch Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker und Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) in Hochheim, hält die pauschale Jodierung von Lebensmitteln für eine Gefahr. Unter anderem sieht er einen Zusammenhang zwischen der Jodierung von Lebensmitteln und der Zunahme von gefährlichen Schilddrüsenüberfunktionen (Basedow-Krankheit). Demnach soll im Mittleren Westen der USA und in den Niederlanden Basedow zugenommen haben, nachdem dort das Speisesalz jodiert worden war. In England und Wales stieg die Basedow-Rate aufgrund der hohen Jodgehalte in Kuhmilch. Das Spurenelement stammte, so Pollmer, unter anderem aus jodhaltigen Euter-Desinfektionsmitteln.

Dass die "flächendeckende Zwangsjodierung" zu ihrer Erkrankung geführt haben, glauben auch die rund 300 Mitglieder der Selbsthilfegruppe der Jodallergiker, Morbus-Basedow- und Hyperthyreosekranken. Die Gründerin und Sprecherin der Gruppe, Dagmar Braunschweig-Pauli, führt in ihrem gerade erschienen Buch "Jod-krank - Der Jahrhundert-Irrtum" (Dingfelder-Verlag, Andechs, ISBN: 3-926253-58-4) eine Reihe von Belegen dafür auf, dass für empfindliche Menschen die Jodierung der Nahrung nach dem Gießkannenprinzip - unter anderem auch die gängige Praxis einer Jodanreicherung des Tierfutters - eine große Gefahr darstellt. Die Selbsthilfegruppe wendet sich aber keinesfalls gegen die freiwillige und individuelle Verwendung von Jodsalz im Haushalt, worüber einzelne Verbraucher und ihre Ärzte befinden können.

Dr. Wieland Meng, Leiter der Abteilung Endokrinologie der Medizinischen Klinik für Innere Medizin der Universität Greifswald, versichert dagegen, die Jodmenge, die durch die bisherige Jodprophylaxe in der Nahrung erreicht würden, seien keinesfalls geeignet, Krankheiten wie Jodallergien oder Morbus Basedow auszulösen. Was die Praxis der Euterdesinifizierung angeht, vertraut er auf die Einhaltung von Rechtsvorschriften: "Ein unkontrollierter Umgang mit Desinfektionsmitteln ist nicht erlaubt. Da gibt es ganz klare Vorschriften. Die Tauchdesinfektion des Kuheuters führt zu einer Erhöhung der Jodkonzentration in der Milch von lediglich 20-40 Mikrogramm pro Liter. Das Verfahren ist gut getestet und die Milch wird kontrolliert. Die Obergrenzen für Jod sind bei weitem nicht erreicht." Erst jenseits einer Puffergrenze von 1.000 Mikrogramm pro Tag, meint Meng, könne man über eventuelle negative Effekte reden. "Das ist aber eine Frage der Häufigkeit und der Dauer."

Die von Pollmer ins Feld geführte Zunahme der Basedow-Fälle hält er für zweifelhaft, da bisherige Studien widersprüchlich seien. Für Meng gibt es die Salzjodierung betreffend "keine echten Risiken und Nachteile". Das einzige, was seiner Meinung nach in diesem Zusammenhang zur Diskussion steht, sind die Personen, die von sogenannten "heißen Knoten" betroffen sind. Solche Gewebe funktionieren autonom, d.h. sie können nicht vom Körper kontrolliert werden. Heiße Knoten können vermehrt Schilddrüsenhormone produzieren. Je aktiver sie sind, desto leichter machen sie aus Jod Hormon. Meist wachsen sie nur langsam, aber irgendwann erreichen sie die Schwelle der Überfunktion. "Menschen mit heißen Knoten können, wenn sie von einem Jodmangel zügig in eine verbesserte Versorgungssituation kommen, auch bei normaler Jodaufnahme eine Überfunktion bekommen. Diese wird allerdings nicht primär durch das Jod hervorgerufen. Die Funktionsstörung wird lediglich zeitlich vorverlagert." Das ist in den Augen des Greifswalder Professors nicht schlimm, da dieser Personenkreis frühzeitig behandelt werden könne. Einer Überfunktion der Schilddrüse könne damit vorgebeugt werden. Therapiert werde allerdings nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen, mit Jodentzug; Jodsalz und jodhaltige Nahrungsmittel seien deshalb auch nicht verboten. Nur ein "Jodexzess", also die Zufuhr extrem hoher Jodmengen könne diese Personen in eine prekäre Lage bringen.

Bruker sieht seine Argumente dadurch nicht entkräftet. Für ihn ist die "Zwangsjodierung ein von langer Hand vorbereitetes Geschäft." Er hält die Jodierung von Speisesalz schon deshalb für unsinnig, weil die konsumierte Salzmenge in der Bevölkerung sehr stark differiert. Bei einem überdurchschnittlichem Salzkonsum, der vor allem durch verarbeitete Lebensmittel verursacht wird, könne die Jodmenge durchaus auf bedenkliche Werte steigen.

Grund für seine und Pollmers vorsichtige Bewertung der unbedenklichen Menge ist, dass Jod als eine Substanz mit medikamentöser Wirkung gilt. Sie pochen auf die im Grundgesetz festgelegte Therapiefreiheit und fordern, dass Jod nicht auf breiter Basis, also in Form jodierter Lebensmittel "quasi" zwangsverordnet werden dürfe. Sie misstrauen auch den Aussagen des Arbeitskreises Jodmangel, der glaubt, die Langzeitwirkung von Jod schon heute zu kennen.

Bruker bringt zusätzlich ins Spiel, dass Jodmangelkrankheiten eigentlich in der gesamten Bevölkerung auftreten müssten, wenn die Jodmenge, die dem Organismus durch Nahrung und Wasser zugeführt wird, tatsächlich nicht ausreichend sein sollte. Das ist allerdings beileibe nicht der Fall. Deshalb, so Bruker, spiele nicht nur die Menge des Jods im Lebensmittel eine Rolle, sondern auch die Verwertbarkeit. Die hängt jedoch wiederum von der Anwesenheit anderer Stoffe ab.

Pollmer geht in seiner Argumentation noch weiter. Deutschland gilt zwar seit der letzten Eiszeit als Jodmangelgebiet. Dennoch reiche die geologische Erklärung nicht aus, um die Kropfhäufigkeit zu erklären. Schließlich gebe es Fakten, die gegen das Hauptargument der Jodsalz-Befürworter, ausreichende Jodversorgung schütze vor Jodmangelkropf, sprechen: So liege in Kropfgebieten nicht regelmäßig auch Jodmangel vor, verbesserte Jodversorgung bringe den Kropf nicht zum Verschwinden, und schließlich können auch Norddeutsche, deren Fischnahrung aus jodreichem Meerwasser kommt, ebenfalls Kröpfe bekommen.

Neue Begründungen lieferte den Kontras der Jodierung ein Bericht des Umweltbundesamtes (UBA).: Er macht vielmehr kropfauslösende Fremdstoffe im Trinkwasser für den übermäßigen Schilddrüsenwuchs verantwortlich, insbesondere Nitrat und Huminsäuren, die durch die Landwirtschaft und Industrie bis ins Grundwasser geraten. Ist der Kropf damit eher ein Umweltproblem? Erwiesen scheint, dass Schilddrüsenstörungen mit der Nitratbelastung von Trinkwasser zunehmen. "PCB, Dioxin, Blei, Zigarettenrauch und Carotinmangel beeinflussen die Jodversorgung und verursachen Kröpfe mit," so Pollmer. Es sei von daher eine falsche Politik, Lebensmittel zu jodieren und Umweltfaktoren außer Acht zu lassen.

Bärbel Schmidt


Algen statt Jodsalz?

So eifrig der Arbeitskreis Jodmangel die Trommel für den Einsatz von Jodsalz rührt, so heftig lehnt er andererseits Algen als natürliche Jodquelle ab. Grund: Algen enthalten ganz unterschiedliche Mengen an Jod, nämlich zwischen 5 und 460 Milligramm je Kilogramm Trockengewicht (mg/kg). Da so die empfohlene Tagesdosis auch öfter überschritten werden kann, warnen Verbraucherschützer vor einer möglichen Überdosierung. Bei uns war das Meeresgemüse - in Japan und in der Bretagne häufig auf dem Speiseplan - jahrelang als Lebensmittel nicht zugelassen. In vielen Naturkostläden wurde es als "Badezusatz" deklariert und verkauft. Inzwischen haben Vertreiber und Behörden zu einem Kompromiss gefunden: Algen mit einem Jodgehalt von mehr als 20 mg/kg Trockengewicht kommen mit einem Warnhinweis in den Handel. Enthalten sie mehr als 1000 mg/kg dürfen sie nicht als Lebensmittel verkauft werden.


Jodsalz - ja oder nein?

Im Naturkosthandel entscheidet der Kunde

Mit jodhaltigen Algen oder Kaliumjodat angereichertes Speisesalz gibt es auch im Naturkostladen. Seit etwa drei Jahren bietet byodo ein jodiertes Salz an. Ein Großhändler wollte das damals gerne haben und gab den Anstoß für die Herstellung, erzählt Andrea Sonnberger. "Die Nachfrage hat sich seitdem verstärkt, aber noch liegt das herkömmliche Salz vorne." Byodo setzt Kaliumjodat ein, "weil damals die rechtliche Lage beim Einsatz von Algen nicht geklärt war." Rapunzel dagegen greift lieber zur natürlichen Jodquelle und versetzt sein jodiertes Speisesalz mit Algenpulver. Dabei orientiert man sich an der gesetzlichen Norm von 20mg/kg. Natürliche geringfügige Schwankungen um wenige Milligramm nach oben oder unten seien unvermeidbar, würden aber regelmäßig kontrolliert. Sowohl Rapunzel als auch byodo bestätigen, dass die Kunden aufgrund der allgemeinen Werbung für Jodsalz dieses verstärkt nachfragen. Bei den Herstellern von verarbeiteten Naturkostprodukten ist der Einsatz von Jodsalz eher die Ausnahme. Die Richtlinien erlauben es, verlangen aber eine Deklaration.

Leo Frühschütz


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