"Lebensmittel dürfen keine Ramschware sein"
Interview mit Renate Künast
Wer hätte das gedacht? Was lange Zeit nur eine Minderheitenposition war, fließt jetzt ein in die Regierungspolitik. "Öko ist die höchste Form des Genusses", sagt Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Die Schrot&-Korn Redakteure Barbara Gruber und Manfred Loosen unterhielten sich mit ihr.
Manche erwarten nach Abflauen der BSE-Krise einen Gegenschlag der Agrarlobby. Sie auch?
Niemand kann nach dem Auftreten von BSE je wieder zur alten Tagesordnung übergehen. Das wollen auch die Bauern nicht. Wir werden in einzelnen Fragen unterschiedlicher Auffassung sein. Klar ist: Für die Zukunft gilt der Ausgangspunkt Verbraucherschutz.
In Deutschland bekommen 1,2% der bäuerlichen Betriebe 29% der EU-Direktzahlungen. Wie soll das in Zukunft aussehen?
Die Zahlungen werden neu ausgerichtet und an Auflagen gebunden, die verbraucher-, tier- und umweltgerechtere Produktionsweisen bedeuten. Das wird strukturelle Konsequenzen haben.
Woran kann der Verbraucher künftig erkennen, dass er Produkte aus einer nachhaltigen Landwirtschaft kauft?
Ich habe zwei Prüfsiegel geplant, eins für Produkte nach strengen Öko-Landbauregeln, eines für solche mit Mindeststandards. Darüber hinaus muss der Verbraucher an der Etikettierung erkennen können, welche Inhaltstoffe ein Produkt enthält.
Die Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen, Bärbel Höhn, sagt, nicht alle Menschen könnten Produkte aus kontrolliert biologischem Anbau kaufen, dies sei zu teuer. Sehen Sie das auch so?
Ich will erreichen, dass in zehn Jahren etwa 20 Prozent der Landwirtschaft nach Öko-Landbaukriterien wirtschaftet, also 80 Prozent konventionell mit Mindeststandards. Der Großteil des Bedarfs wird also aus konventionellem Landbau gedeckt werden. Im übrigen sollen Ökoprodukte nicht nur in Bioläden angeboten werden, sondern mit zunehmend besserer Vermarktung auch in Supermärkten und dann auch zu günstigeren Preisen.
Sind denn konventionelle Lebensmittel in Deutschland nicht eigentlich zu billig?
So pauschal sicher nicht, aber wenn sie als Lockangebot für teure andere Waren benutzt, ja missbraucht werden, verderben solche Aktionen das Preisgefüge und das Gefühl der Verbraucher dafür, was Lebensmittel wert sind. Lebensmittel dürfen keine Ramschware sein.
Welche Macht haben die Verbraucher?
Das zeigt sich jetzt ganz deutlich: Wenn sie bestimmte Produkte nicht kaufen, bricht der gesamte Markt dafür zusammen. Ebenso gilt: Wenn sie eine bestimmte Qualität nachfragen, wird die auch angeboten.
Was wollen Sie in der Landwirtschaftspolitik ändern, wie soll die Agrarwirtschaft in drei beziehungsweise fünf Jahren aussehen?
Wir werden jetzt systematisch daran gehen, die Fleischproduktion zu vermindern, die Tierhaltungsbedingungen zu verbessern und das Prämiensystem in Richtung Extensivierung umzusteuern. Das geht nur schrittweise. Im nächsten und übernächsten Jahr wird die Halbzeitbewertung der Agenda 2000 durchgeführt, dazu hat EU-Kommissar Fischler eine weitreichende Analyse angekündigt. Die konventionelle Landwirtschaft soll nach Mindeststandards produzieren, um mit einem entsprechenden Qualitätslabel verkaufen zu können. In fünf Jahren wollen wir 10 Prozent Ökolandbau in Deutschland erreichen. Das sind die Wegmarken.
Machen die Bauern beziehungsweise der Deutsche Bauernverband da mit?
Der Verband hat mir Unterstützung und Mitmachen angeboten. Über Einzelheiten werden wir uns verständigen. Für alle, auch die Futtermittelindustrie, Lebensmittel- und Einzelhandel gilt: Wer nicht mitmacht, muss erklären, warum ihm Verbraucherschutz so wenig wert ist.
Und wo kaufen Sie Ihre Lebensmittel?
Wo ich weiß, dass ich gute Qualität bekomme.
Also auch im Bioladen? War das schon vor ihrer Zeit als Ministerin so?
Ja, aber nicht alles kaufe ich dort, früher nicht und jetzt nicht.
Was kochen Sie am liebsten?
Was ich am liebsten esse: Pasta in allen Variationen und viel Gemüse, selten aber gern auch ein Stück Fleisch.
| Leserbrief schreiben | Seite empfehlen | |

