Mineralwasser:
ursprünglich und rein?
In Deutschland kommt das Wasser zum Trinken nicht aus der Leitung sondern aus der Flasche. Knapp 100 Liter Mineralwasser trinkt ein Bundesbürger im Jahr. Vor 30 Jahren waren es nur 12,5 Liter. Natürliche und reine Frische verspricht die Werbung. Kein Wort von Radium, Arsen oder den Abgasen beim oft langen Transport.
Egal ob im Restaurant oder privat zu Gast: Wer "ein Glas Wasser bitte" sagt, bekommt automatisch Mineralwasser gereicht. Das sprudelnde Nass aus der Flasche hat längst den Wasserhahn als Quelle verdrängt, denn Mineralwasser gilt als besonders gesund. Das war schon vor über 100 Jahren so, als das wohlhabende Bürgertum zu Mineral- und Thermalquellen reiste, um die diversen Leiden zu kurieren oder zumindest zu lindern. Das Wasser aus solchen Quellen gab es in Flaschen abgefüllt zu teuren Preisen in feinen Restaurants. Seit jener Zeit hat Mineralwasser den Ruf, etwas "Besseres" zu sein als Leitungswasser.
Für umweltbewusste Kunden ist es zudem wichtig, dass ihr tägliches Getränk möglichst frei von Schadstoffen ist. Trinkwasser ist das nicht unbedingt. Oft wird es aus Oberflächenwasser oder aus oberflächennahem Grundwasser gewonnen. Schadstoffe aus der Luft, dem Abwasser oder aus Altlasten können dieses Wasser belasten. Bekanntes Beispiel sind die Nitrate und Pestizide aus der konventionellen Landwirtschaft. In etwa 30 Prozent aller Grundwassermessstellen können Pestizide nachgewiesen werden, schätzt das Umweltbundesamt. Auch Arzneimittelrückstände lassen sich immer öfter in Spuren im Grund- und Trinkwasser nachweisen. Dazu kommen noch mögliche Belastungen durch alte Trinkwasserleitungen aus Blei oder Kupfer. Gerade für Eltern kleiner Kinder sind all diese Schadstoffe ein Grund, auf Mineralwasser zurückzugreifen.
Mineralstoffe: Mindestgehalt vorgeschrieben. Mineralwasser kommt aus tiefen Grundwasserschichten, die in der Regel von industriellen Schadstoffen an der Oberfläche noch unbeeinflusst sind. Sie enthalten nur Mineralien und Spurenelemente, die das Wasser auf seinem meist jahrelangen Weg durch das Gestein ausgewaschen hat. Meist ist Mineralwasser deshalb reicher an Mineralstoffen als Leitungswasser, das je nach Region 200 bis 500 Milligramm je Liter (mg/l) an gelösten Bestandteilen enthält. Mineralwasser muss dagegen mindestens 1000 mg/l aufweisen oder ersatzweise 250 mg/l an freier Kohlensäure. Die Mineralwasserverordnung schreibt zudem Mindestgehalte vor, wenn ein Wasser als calcium-, magnesium- oder eisenhaltig ausgelobt werden soll. Unbedingt notwendig zur Mineralstoffversorgung ist Mineralwasser nicht, sagt Ernährungswissenschaftlerin Wiebke Franz vom Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB). Dafür würden eine ausgewogene vollwertige Ernährung sowie Leitungswasser als Getränk genügen. "Anders sieht das bei jemandem aus, der gegen Kuhmilcheiweiß allergisch ist. Hier kann ein Liter calciumreiches Mineralwasser am Tag einen relevanten Beitrag zur Calciumversorgung leisten."
Lassen sich aus dem Gestein über der Quelle nur wenige Mineralstoffe lösen, ist ein mineralstoffarmes Wasser das Ergebnis. Solche Mineralwasser werden von Ärzten etwa bei Nieren- oder Harnsteinen empfohlen. Wer sich, etwa wegen Bluthochdruck natriumarm ernähren muss, findet speziell ausgelobte Mineralwasser mit weniger als 20 mg/l Natrium. Einzelne Anhänger von mineralstoffarmem Wasser vertreten die These, dass die Mineralstoffe im Wasser vom Körper nicht aufgenommen werden und ihm womöglich sogar schaden könnten. Wiebke Franz vom UGB hält diese Theorie für abstrus. "Die Mineralstoffe liegen im Mineralwasser in der Regel als Ionen gelöst vor und sind so für den Körper gut verfügbar. Für Calcium und Mangan ist dies auch in Studien dokumentiert."
Strahlendes Wasser. Einige der Mineralstoffe, die das Wasser aus dem Gestein lösen kann, sind gesundheitsgefährdend. Schlagzeilen machte Mineralwasser, als das Fernsehmagazin Plusminus im vergangenen Jahr bei einigen Brunnen erhöhte Konzentrationen des radioaktiven Elements Radium 226 entdeckte. Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Grenzwert von 0,1 Becquerel je Liter wurde bis zum Fünffachen überschritten. Die Maßeinheit Becquerel bezeichnet dabei einen radioaktiven Zerfall pro Sekunde. Radium wird wie Calcium in den Knochen eingelagert. Der Zerfall des Elements setzt energiereiche Alpha-Strahlung frei, die Zellen zerstören und zu Knochenkrebs führen kann. Mehrere Studien deuten einen Zusammenhang zwischen Radium-kontaminiertem Trinkwasser und einer erhöhten Leukämierate bei Kindern an. Nach Angaben der kritischen Fachzeitschrift Strahlentelex ist Radium 226 für Kleinkinder bis etwa 5.000 Mal, für Erwachsene bis etwa 500 Mal gefährlicher als das von Tschernobyl bekannte Cäsium 137. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen ist dennoch davon überzeugt, dass von den geringen Mengen an Radioaktivität in Mineralwasser keine Gefahr ausgeht. Die natürliche Radioaktivität in anderen Nahrungsmitteln und in der Atemluft trage weit stärker zur durchschnittlichen Strahlenbelastung bei. Ebenso argumentierte das frühere Bundesgesundheitsamt, nachdem es bereits 1987 Radium in Mineralwasser gefunden hatte. Der Expertenstreit könnte einfach gelöst werden, denn Radium lässt sich aus dem Wasser filtern. Doch das erlaubt die Mineralwasserverordnung nicht. Die Zusammensetzung eines Mineralwassers darf nicht verändert werden. Erlaubt ist aus Gründen des Geschmacks lediglich Eisen und Schwefel zu entziehen sowie die Kohlensäurekonzentration zu verändern. Einige Brunnen mit hohen Radiumwerten haben deshalb ihre Eisenfilter so umgebaut, dass auch ein Großteil des im Wasser enthaltenen Radiums darin hängen bleibt. In den wenigsten Fällen wird der Radiumgehalt deklariert. Wer wissen möchte, ob und wie viel Radium in seinem Mineralwasser enthalten ist, sollte direkt beim Abfüller nachfragen.
Kein Grenzwert für Arsen. Ein weiterer unerwünschter Naturstoff ist das als krebserregend eingestufte Arsen. Bei solchen Stoffen können keine Grenzwerte festgelegt werden, bei deren Einhaltung die Substanz mit Sicherheit ungefährlich wäre. Minimierung ist das oberste Gebot. Die WHO empfiehlt einen Richtwert von 10 Mikrogramm je Liter (µg/l), in Deutschland ist dieser Wert für Trinkwasser verbindlich festgelegt, für Mineralwasser beträgt er dagegen 50 µg/l. Steht auf der Flasche "Geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung", darf der Arsengehalt 5 µg/l nicht überschreiten. Die meisten Mineralwasser liegen darunter. Probleme kann es bei Brunnen geben, die in vulkanischem Gestein liegen. So wurden bei dem in Naturkostläden weit verbreiteten französischen Mineralwasser Volvic im vergangenen Jahr Werte zwischen 16 und 20 µg/l gemessen. Das zum Danone-Konzern, dem weltweit zweitgrößten Mineralwasserabfüller, gehörende Unternehmen hat mit einer Optimierung der Filteranlagen reagiert. Neue Messwerte liegen zwischen 5 und 7 µg/l.
UV-Bestrahlung ist verboten. Ausführlich geregelt sind in der Mineralwasserverordnung die bakteriologischen Untersuchungen, denn Mineralwasser hat frei von krankheitserregenden Keimen zu sein. Technische Verfahren, um den Keimgehalt im Wasser zu verringern, wie Pasteurisierung oder UV-Bestrahlung, sind explizit verboten. Erlaubt ist dagegen der Einsatz von Ozon. Das Sauerstoff abgebende Gas wird durch das Wasser geleitet, um das Eisen auszufällen. Gleichzeitig werden dabei aber auch Keime abgetötet. Die Informationszentrale Deutsches Mineralwasser geht davon aus, dass die eingesetzte Ozon-Konzentration zu gering sei um desinfizierend zu wirken. Johann Abfalter, Geschäftsführer der oberbayerischen St. Leonhardsquelle, berichtet dagegen, dass in der Praxis viele Brunnen auch bei geringen Eisengehalten zur Enteisung Ozon verwenden, um der Keimbildung entgegen zu wirken. Um das ausgefällte Eisen zu filtern, würden zudem Filter eingesetzt, die auch geeignet seien, Keime zurückzuhalten. "Ein so behandeltes Wasser ist steril und tot." Weil er "lebendes Wasser" produzieren will, leitet er nur Luft über einen Mikroluftfilter in das Wasser und filtert das oxidierte Eisen über einen Quarzsandfilter aus.
Schlechte Ökobilanz. Der größeren Reinheit von Mineralwasser im Vergleich zum Trinkwasser steht ein gravierender ökologischer Nachteil gegenüber: der Transport. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes legt eine Mehrweg-Sprudel-Flasche von der Quelle bis zum Verbraucher 150 bis 200 Kilometer zurück. Große Brunnen mit bekannten Marken, die deutschlandweit vertrieben werden, liegen über diesen Werten, ebenso Mineralwasser, die aus Frankreich importiert werden und dabei etwa 1000 Kilometer zurücklegen. In diesem Fall stößt der Lkw-Auspuff pro Liter Wasser rund 100 Gramm Kohlendioxid aus. Wegen des großen Einflusses der Transportentfernung auf die Ökobilanz von Getränken empfiehlt das Umweltbundesamt den Verbrauchern: "Kaufen sie Getränke aus der Region, denn: Jeder Kilometer zählt".
Wasser aus der Leitung. Viele Wasserwerke werben offensiv für Wassersprudler, die Leitungswasser mit Kohlensäure versetzen. Der hausgemachte Sprudel sei genauso gut und wesentlich billiger. Zudem entfalle das lästige Kisten schleppen. Die Mineralwasserbrunnen halten mit der vom Gesetz geforderten "ursprünglichen Reinheit" des Mineralwassers dagegen. Wiebke Franz vom UGB plädiert dafür, zum Leitungswasser zu greifen, vor-ausgesetzt es ist nicht gechlort und die Nitratwerte sind in Ordnung. Für Säuglingsnahrung komme Leitungswasser aber nur in Frage, wenn es die ersten sechs Monate abgekocht werde und die Werte einhalte, die auch für Mineralwasser gelten, das als geeignet für Säuglingsnahrung deklariert ist. Das bedeutet weniger als 20 mg/l Natrium, 10 mg/l Nitrat, 0,02 mg/l Nitrit, 240 mg/l Sulfat, 0,7 mg/l Fluorid, 0,05 mg/l Mangan und 0,005 mg/l Arsen.
Wasser als Träger von Informationen. Es gibt aber auch überzeugte Mineralwassertrinker, für die Wasser mehr ist als ein Durstlöscher. Sie sehen Wasser vor allem als Träger von Informationen. Als Beispiel dient die Homöopathie. Dort werden die Eigenschaften der Wirkstoffe auf das Wasser übertragen. Obwohl durch die vielfache Verdünnung die Substanzen selbst nicht mehr nachweisbar sind, zeigen die Medikamente Wirkung. Auch bei der Herstellung biologisch-dynamischer Spritzmittel wird mit diesem Prinzip gearbeitet. Aus diesem Blickwinkel gesehen hat Leitungswasser gegenüber Mineralwasser einen großen Nachteil. Auch wenn es nur in Spuren mit Rückständen von Pestiziden oder Arzneimitteln in Berührung kam, trägt es dieser Theorie zufolge doch diese negativen Informationen in sich und gibt sie an den Körper weiter. Aufbereitungsverfahren wie UV-Bestrahlung oder Ozonierung wären, so gesehen, massive Eingriffe in die Wasserqualität. Das Ergebnis wäre "totes Wasser." Umgekehrt ließe sich mit einem solchen Denkansatz auch erklären, warum bestimmte Mineral- und Heilwasser Wirkungen zeigen. Demnach sind es nicht einige Milligramm Sulfat oder Hydrogencarbonat im Wasser, sondern die Informationen und Schwingungen, die das Wasser über die Jahrzehnte im Untergrund hinweg aufgenommen hat und die nun die entsprechenden Körperfunktionen positiv beeinflussen.
Leo Frühschütz
Kohlensäure
Auch wenn stille Wasser immer mehr Fans finden: Es ist dieses Prickeln auf der Zunge, das Mineralwasser so erfrischend macht. Verantwortlich dafür ist die Kohlensäure, in Wasser gelöstes Kohlendioxid. "Natürliches kohlensäurehaltiges Mineralwasser" steht auf dem Etikett, wenn das Wasser mit seinem natürlichen Gehalt an Quellkohlensäure abgefüllt wurde. "Mit eigener Quellkohlensäure versetzt" bedeutet, dass das Wasser mit Kohlensäure aus der gleichen Quelle aufgepeppt wurde. Wird dafür technisch hergestellte Kohlensäure verwendet, heißt es einfach "mit Kohlensäure versetzt". Gewonnen wird das Kohlendioxid als Rohstoff für die Säure aus natürlichen Quellen oder als Nebenprodukt bei der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas. Zusätzlich aufgewärmt wird das Klima dadurch nicht, da die eingesetzten fossilen Brennstoffe auch ohne die Kohlendioxid-Gewinnung verheizt würden.
Bio-Sprudel gibt es nicht
Mineralwasser ist ein Natur-produkt, für das keine eigenen Bio-Richtlinien existieren. Der Sprudel im Naturkostladen muss also keine besonderen Kriterien erfüllen, verglichen mit dem Mineralwasser im konventio-nellen Supermarkt.
Bei der Auswahl sollten neben dem Geschmack auch ökologische Kriterien eine Rolle spielen. Deshalb bieten viele Naturkost-läden Wasser aus regionalen Brunnen an oder aus Betrieben, die en Öko-Audit vorzuweisen haben, also besonders umweltverträglich wirtschaften.
Tafelwasser
Im Gegensatz zu Mineral- und Heilwasser ist Tafelwasser kein Naturprodukt. Es wird durch Mischen verschiedener Wasserarten (z.B. Trink-, Mineralwasser) und weiterer Zutaten wie Mineralsalze hergestellt. Tafelwasser darf an jedem beliebigen Ort produziert werden und muss keine ernährungsphysiologischen Wirkungen aufweisen.
Heilwasser
Ein Mineralwasser, das auf Grund seiner lebenswichtigen Mineralstoffe und Spurenelemente heilende, lindernde und vorbeugende Wirkung besitzt und seine Wirksamkeit auch wissenschaftlich nach-weisen kann, gilt von Amts wegen als Heilwasser. Oft sind es Verdauungsstörungen, bei denen Mineralstoffe wie Natri-umhydrogencarbonat oder Natriumsulfat helfen. Einen ausführlichen Überblick über die deutschen Heilwässer, ihre Quellen und Inhaltsstoffe bieten die Internetseiten von www.heilwasser-info.de.
Mineralwasser, das heißt weite Transportwege und am Ende Kisten schleppen. Ist die Aufbereitung von Leitungswasser eine Alternative? Einen Überblick zu Methoden der Wasseraufbereitung und ein Pro und Contra dazu finden Sie unter www.schrotundkorn.de/1998/sk9805g1.htm
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