Leben von Luft und Wasser:

Fastenwandern

Nichts essen und dabei wandern — geht das überhaupt? Aber klar doch, schwärmen erfahrene Fastenwanderer. Fasten-Neulingen wird bei dem Gedanken, eine Zeit lang nur von Wasser, Säften und Gemüsebrühe zu leben dagegen mulmig - von der energiezehrenden Outdoor-Aktion ganz zu schweigen. Wer sich auf diese Erfahrung einlassen will, ist deshalb in einer Gruppe Gleichgesinnter unter erfahrener Leitung gut aufgehoben.

Warum fasten Menschen eigentlich? Bis vor einiger Zeit stellte sich diese Frage niemand. Nahrungsverzicht war etwa in der Fastenzeit, zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag, für gute Katholiken selbstverständlich. In anderen Kulturen gehört Fasten zum Jahresrhythmus, so etwa beim Jom Kippur, dem Versöhnungsfest der Juden oder während des Fastenmonats Ramadan, den gläubige Moslems befolgen. Mönche aus dem Tibet, Heilige Männer aus Indien und Naturvölker im Amazonas oder dem Himalaya üben regelmäßig den Verzicht auf Nahrung.

Hier zu Lande machte der deutsche Arzt Dr. Otto Buchinger um 1935 das Fasten wieder populär. Buchinger ließ Kranke unter ärztlicher Kontrolle in seiner Klinik fasten. In den vergangenen Jahren entdeckten immer mehr gesunde Menschen das Fasten. Ein bisschen fasten wir übrigens immer. Zum Beispiel nachts. Das englische Wort Breakfast (Fasten brechen) gibt einen Hinweis darauf. Und bestimmt hat jeder schon einmal erlebt, dass der Körper bei Krankheit jegliches Interesse am Essen verliert und man dann ungewollt fastet.

Ernährungsgewohnheiten ändern. Wer freiwillig fasten will, muss dagegen fest dazu entschlossen sein. Das entscheidende Motiv ist bei vielen der Wunsch, überflüssige Pfunde zu verlieren und etwas für die Gesundheit zu tun. Aber auch der Drang, dem stressigen Alltag zu entfliehen oder pure Neugier auf die Fastenerfahrung bewegt viele zum Verzicht. Eine Diät ist Fasten aber nicht. Zwar purzeln die Pfunde während der Nahrungskarenz ganz ordentlich — in einer Woche können es schon mal acht Pfund sein und beim Fastenwandern sogar noch mehr. Wird aber im Anschluss bei Tisch wieder ungehemmt zugeschlagen und bleiben die Ernährungsgewohnheiten beim alten, zeigt der Zeiger der Waage schon bald wieder den lästigen Ballast an. Wer sein Wohlfühlgewicht dauerhaft halten will, muss Essverhalten und Speiseplan in Richtung Vollwertkost umstellen. Dafür ist Fasten wiederum der ideale Einstieg. Denn wer nach einer Woche zum ersten Mal etwas Festes zwischen die Zähne bekommt, empfindet normale Speisen oftmals als zu salzig, zu süß oder zu fettig. Die Sinne bleiben noch eine ganze Weile danach geschärft. Ein weiterer Vorteil: Der Körper meldet sich viel früher mit dem Signal "Ich bin satt". Legt man dann das Besteck aus der Hand, bleibt das ersehnte Wunschgewicht meist lange erhalten.

Fasten kann im Prinzip jeder Gesunde, auch zu Hause, wenn er sich an einige wichtige Regeln hält. Dazu zählt eine gründliche Darmreinigung mit Glaubersalz und/oder mit Einläufen sowie die Deckung des Flüssigkeitsbedarfs mit mindestens drei Litern Flüssigkeit pro Tag. Beim klassischen Fasten nach Buchinger sind Wasser, Saft, Tee und Gemüsebrühe erlaubt. Genussgifte wie Alkohol und Nikotin sind immer tabu. Wer sich an diese Vorgaben hält, braucht sich vor nagendem Hunger nicht zu fürchten. Denn im Grunde ist es einfacher, eine Weile gar nichts mehr zu essen, als sich mit Mini-Mahlzeiten zu begnügen. Der Organismus stellt sich auf die Situation ein und der Magen gibt Ruhe. Kombiniert mit täglicher Bewegung wie Wandern ist Fasten für viele, die es kennen gelernt haben, eine ideale Kombination aus intensivem Naturerlebnis und gesunder Kur. Doch nicht jeder Fasten-Neuling mag sich auf die unbekannte Erfahrung allein einlassen. Wer sich das alles nicht so recht zutraut oder einfach gerne etwas in der Gruppe unternimmt, schließt sich am besten einer Fastenwandergruppe an. An Angeboten mangelt es nicht. Fasten im Schwarzwald oder auf Urlaubsinseln wie Kreta sollen den Alltagsbreak erleichtern. Besonders Abenteuerlustige locken exotische Fastenreisen in die Wüste Sinai.

Die Gemeinschaft von erfahrenen Fastern mit Anfängern hilft meist, die Herausforderungen beim Fastenwandern zu bestehen: "Die Panik verschwindet, wenn Erfahrungen ausgetauscht werden und auf die Verunsicherung am ersten Tag folgt Erleichterung", so erlebt es Fastenwanderleiter Peter Dreizler immer wieder. Neben der motivierenden Gemeinschaft hat das Rahmenprogramm einen stabilisierenden Effekt. Das Handtuch werfen während des Fastens nur ganz wenige — von 500 Fastenwanderern seien es zwei oder drei die vorzeitig wieder essen. Fastenkrisen kommen dagegen häufiger vor. Sie treten meist am Anfang auf und kündigen sich mit Kopfschmerzen, Übelkeit, starker Müdigkeit, leichtem Schwindel oder schlechter Laune an. Wer diese kritische Phase überwindet, findet meist schnell zu einer inneren Kraft, die Gewissheit gibt, das Abenteuer zu bestehen. Auch dabei kann die Gruppe beziehungsweise der Fastenleiter helfen. Homöopathische Mittel und Kneipp’sche Güsse können aus dem Lot geratene Kreislaufprozesse sanft korrigieren und Gespräche die Willenskraft stärken. Die Grenze zwischen leichten Befindlichkeitsstörungen und ernsthafteren Beschwerden, die dann zum Abbruch führen können, erkennt ein erfahrener Fastenleiter.

Stoffwechsel in Fahrt. Die meisten Angebote folgen einem mehr oder weniger festen Rhythmus: Der Tag beginnt mit Morgengymnastik, anschließend trifft man sich zum Plausch beim Kräutertee. Dann werden die Wanderschuhe geschnürt und es geht raus in die Natur. Von anfangs zwei Stunden steigert sich das Wanderpensum nach vier bis fünf Tagen auf bis zu sechs Stunden — einstündige Pausen alle zwei Stunden eingerechnet. Wem das Programm zu stramm ist, der darf sich zwischendurch jederzeit zurückziehen. "Beim Fasten hört man die Signale des Körpers wieder und darf sich ruhig mal hängen lassen", unterstützt Peter Dreizler diese individuellen Ruheinseln. Auch die Dauer der Fastenzeit ist unterschiedlich: Einsteiger sollten beim ersten Mal nicht länger als eine Woche fasten, erfahrene Fastenkünstler kommen meist problemlos zwei Wochen ohne feste Nahrung aus.

Dass sich während des Fastens ungeahnte Kräfte mobilisieren lassen, hat seinen Grund. Immerhin nimmt die Verdauung insgesamt ein Drittel unseres Energiehaushalts in Anspruch. Hat sie Ferien, wird diese Energie frei. Setzt man sie in Bewegung wie etwa Wandern um, hat dies den angenehmen Nebeneffekt, dass der Fettabbau beschleunigt wird und die Fettdepots rascher schmelzen. Stoffwechselfunktionen laufen intensiver ab, die Hautatmung ist stärker und die Durchblutung kommt in allen Körpergeweben auf Trab. Ein weiterer Vorteil: Wer fastet, friert leichter, mit Bewegung bleibt die Körperheizung dagegen auf Touren.

Am Ende leichte Kost. Am Ende der Fastenzeit steht das Fastenbrechen. George Bernhard Shaw bemerkte hierzu einmal, Fasten könne jeder Dumme, das Fasten brechen dagegen nur ein Weiser. Tatsächlich ist das Fastenbrechen aber gar nicht so schwierig. Klassisch weckt man den Magen-Darm-Trakt mit einem rohen Apfel wieder auf. Allzu üppige Mahlzeiten würde er umgehend mit Übelkeit oder sogar Kreislaufproblemen und Erbrechen quittieren. Je nachdem wie lange gefastet wurde, sollten ein bis zwei Aufbautage mit sehr kleinen Portionen und Leichtverdaulichem den sanften Übergang zum gesunden Essen einleiten. Die eigentliche Kunst nach dem Fasten sei jedoch die beständige Disziplin beim Essen im Alltag, meint Peter Dreizler: "An der muss man feilen". Und wenn sich die alten Gewohnheiten nach und nach wieder einschleichen? Dann ist es wieder Zeit für eine Fastenwandertour.

Astrid Wahrenberg


Fasten-Variationen

Beim klassischen Fasten nach Buchinger sind Wasser, Säfte, Kräutertee und Gemüsebrühe erlaubt. Daneben gibt es heute weitere Fasten-Angebote, die auf individuelle Bedürfnisse und die Konstitution der Fastenden stärker eingehen. Sie haben sich unter der Bezeichnung typgerechtes Fasten einen Namen gemacht. Dazu gehören Früchte-Fasten, Suppen-Fasten oder regelmäßige Entlastungstage im Alltag: An ein oder zwei Tagen nur Rohkost essen — das entlastet den Organismus und korrigiert falsches Essverhalten.

Glücksgefühle

Unbeschwert und glücklich — so fühlen sich viele während des Fastens. Das Gefühl, es geschafft zu haben, macht stolz auf die Willenskraft und man genießt die Unabhängigkeit von körperlichen Zwängen wie Essen und Hunger. Manche können dann sogar besonders kreativ denken und erleben geistige Höhenflüge. Dahinter steckt vermutlich das Glücks-hormon Serotonin. Nach wenigen Tagen ohne Nahrung wird mehr von diesem Boten-stoff ausgeschüttet und gleichzeitig der Abbau im Körper verlangsamt. Diese Überflutung kann dann zu euphorischen Glückszuständen führen. Einige Psychologen vergleichen diesen Effekt mit dem bestimmter Antidepressiva, die pharmakologisch eine ähnliche Wirkung erzielen.


Körper und Seele entschlacken: Zu diesem Ziel führen viele Wege. Die verschiedenen Fasten-Methoden finden Sie im Internet unter www.naturkost.de/schrotundkorn/sk9903g2.htm


Wer darf nicht fasten?

Was passiert beim Fasten im Körper?

Wird der Organismus nicht mehr von außen ernährt, stellt er auf die innere Ernährung um. Dazu bedient er sich der körpereigenen Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratdepots. Am schnellsten sind die Kohlenhydratspeicher leer. Sie befinden sich in Leber und Muskeln und stellen die Grundversorgung für etwa 24 Stunden sicher. Anschließend bedient sich der Stoffwechsel an den eingelagerten Fettreserven, nun geht es unerwünschten Pölsterchen ans Leder. Fett deckt jetzt den Energiebedarf des Organismus zu 95 Prozent. Bevor die Fettreserven abgebaut sind, können viele Wochen und Monate vergehen. Gleichzeitig beginnt der Stoffwechsel mit dem Abbau von überflüssigem Eiweiß. Lebensnotwendiges, wie Herz- und Organgewebe, baut der Körper nicht ab.


Pro und Contra

Ist Entschlackung notwendig?

Bekannte Fastenärzte wie Dr. Buchinger und Dr. Mayr sind der Auffassung, dass Fasten den Organismus von eingelagerten Schlacken reinigt. Therapeutische Erfolge beim Heilfasten geben Fastenbefürwortern Recht. Schulmedizinisch lässt sich die Schlackentheorie dagegen nicht belegen. Wir haben zwei Experten um Stellungnahme gebeten.

Diplom-Ökotrophologe Ralf Moll vom Institut für ganzheitliche Gesundheitsbildung, Herrenberg und Autor des Buches "Typgerechtes Fasten leicht gemacht" (Trias —Verlag):

Es gibt im Stoffwechsel Säuren wie etwa Harnsäure, Phosphorsäure oder Schwefelsäure, die im Blut abgefangen und neutralisiert werden müssen. Sie werden über die Nieren wieder aus dem Organismus ausgeschieden. Wenn die Säurebelastung für den Stoffwechsel größer ist als die Möglichkeit, diese über die Nieren ausscheiden zu können, werden sie im Gewebe deponiert. Der Körper kann jedoch diese Säuren nicht als Säure ablagern, sondern bindet sie an Mineralien wie Magnesium, Kalzium und Eisen. Diese Verbindung — Säure plus Mineral — bezeichnet man als saures Salz oder als Schlacke. Diese äußern sich langfristig in einem Mineralienmangel mit Haarausfall, Verdauungsproblemen oder auch Allergien. Durch das richtige, typgerechte Fasten werden diese Schlacken aus dem Bindegewebe gelöst und über die Niere ausgeschieden. Wichtig ist auch zu wissen, dass der Organismus eine Verbrennungsmaschine ist, es werden Fette und Kohlenhydrate abgebaut und in Energie umgesetzt. Bei diesem Prozess fallen ebenfalls Schlacken in Form von Säuren und Endprodukten in Form von Kohlendioxid und Wasser an. Es ist niemals möglich, alle diese Stoffe zu 100 Prozent zu verbrennen, so dass Rückstände im Körper verbleiben. Durch reinigende Fastenkuren können diese ausgeschieden werden. Beispiele für Ablagerungen finden wir etwa bei Herzkreislauf-Erkrankungen und Rheuma.

Diplom-Ökotrophologin Antje Zellmer, Referat Presse- und Öffentlichkeits-arbeit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE):

Fasten als Reinigung des Körpers und der Seele, indem in einem begrenzten Zeitraum auf Nahrung verzichtet wird, basiert auf alten, meist religiösen Traditionen. In der Naturheilkunde wird das Fasten beispielsweise in eine dauerhafte Ernährungsumstellung oder als Mittel zur "Entschlackung" und zur Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte angewendet. Beim Heilfasten soll der Körper von diesen sogenannten Schlackenstoffen befreit werden. Der Begriff "Entschlackung" und "Schlacken" ist unserer Meinung nach nicht begründbar. Im menschlichen Körper gibt es normalerweise keine Ansammlung von "Schlacken" oder Endprodukten des Stoffwechsels. Nicht verwertbare Stoffwechselprodukte scheidet der Organismus über Niere, Darm, Lunge oder Haut aus. Aus Sicht der DGE kann das Fasten als Teil einer medizinischen Therapie angewendet werden, etwa um ernährungsmitbedingten Krankheiten vorzubeugen oder ihren Verlauf positiv zu beeinflussen. Es ist aber nicht für Personen empfehlenswert, die das Fasten als alleinige Methode zur Gewichtsabnahme anwenden wollen.

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