Portrait
Der Bärlauch
(Allium ursinum)
Wer sich lange mit einem Sujet beschäftigt, dem geht das Thema in Fleisch und Blut über. So muss es wohl auch bei S&K-Mitarbeiterin Susanne Donner gewesen sein. Deshalb ist unser Portrait diesmal aus einer ganz eigenen Sicht geschrieben nämlich aus der einer jungen Bärlauchpflanze
Es ist Frühling, zaghaft blinzelt die Sonne durch noch kahle Laubbäume. Allmählich kriecht die leichte, wohlige Wärme in den feuchten Boden, der mich umgibt. Vorsichtig schiebe ich mein lanzettenförmiges, noch hellgrünes Blatt aus der Zwiebel, ein paar Zentimeter bohrt es sich durch die lockere Erde und dann: Oje, ich kann gar nichts sehen; grelles Licht empfängt mich. Wahrlich, es ist allerhöchste Zeit zu wachsen, meine Nachbarn sind schon deutlich größer. Rasch entwickeln sich bei mir die nächsten zwei, drei, vier Blätter, so vergehen die warmen Tage. Und bald bilden wir einen stolzen, 20 bis 30 Zentimeter hohen Teppich. Wohin man schaut nur Bärlauch.
Bärlauch? Ja, so nennen die Menschen uns. Was es mit der Geschichte unseres Namens auf sich hat, weiß meine gebildete Nachbarin. Sie erzählt, ursprünglich hätten wir mit den Bären gar nichts am Hut gehabt. Sondern bei den alten Germanen hießen wir Hramusan. Später sei daraus Ramser oder Rämsch geworden. Im Mittelhochdeutschen war unser Name einfach Rams. Die Leute müssen wirklich stolz auf uns gewesen sein, benannten sie doch viele Dörfer nach uns, zum Beispiel Ramsau und Ramsloh.
Damit nicht genug: Im Raum Erfurt feierten die Dorfbewohner bis Anfang des 20-sten Jahrhunderts am Sonntag vor der Walpurgisnacht das Ramschelfest. Sie sammelten unsere glatten, knoblauchartig riechenden Blätter, mit denen sie sich schmückten. Damit dankten sie nicht nur unserer Heilkraft, sondern hofften böse Geister zu vertreiben. Diese Menschen brachten uns außerordentlich viel Ehrfurcht entgegen, weil sie den Bärlauch zugleich mit dem Bären verbunden glaubten. Tatsächlich haben Bären uns im Frühjahr zum Fressen gern das meine ich ganz wörtlich.
Trotzdem vergaßen die Menschen den Bärlauch zwischenzeitlich. Daran ist vor allem unser Konkurrent der Knoblauch schuld, den die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus nach Germanien brachten.
Immer nur ein Blatt. Merkwürdig, heute ist ein wunderbar warmer Frühlingstag, aber irgendetwas scheint trotzdem anders als sonst. Da kommt jemand, höre ich meine Nachbarin noch rufen, dann spüre ich, wie meine Blätter von einem wuchtigen Schuh gestreift werden. Hoffentlich trampelt der keinen von uns nieder. Der Besucher hat einen Weidenkorb bei sich unmöglich von hier unten zu erkennen, was darin ist. Aber an seinem suchenden Blick wird mir plötzlich klar: Er sammelt unsere Blätter. Auch heute gibt es Menschen, die unsere heilende Wirkung
schätzen. Oh, sein Schuh ist jetzt direkt über meiner Zwiebel, fest drückt er die Erde zusammen. Bitte, denk daran, nimm nur ein Blatt pro Pflanze, sonst muss ich sterben, flehe ich. Schon reiben seine großen Finger an meinem linken Blatt, ein knoblauchartiger Duft strömt aus. Ich weiß, er macht das, um mich nicht zu verwechseln mit dem giftigen Maiglöckchen und der Herbstzeitlosen beide sehen uns sehr ähnlich. Das zufriedene Gesicht des Sammlers ist jetzt dicht über mir. Plötzlich spüre ich einen scharfen, kurzen Schmerz. Mein linkes Blatt ist ab, ich warte angespannt. Schneidet er noch eines ab? Gottseidank, ich kann durchatmen: Er geht weiter.
Über unsere Wirkungen wurde viel geschrieben. Es heißt, Bärlauch lasse das Blut rascher zirkulieren, Rheuma und Schwindel würden gelindert. Dafür verantwortlich ist das Adenosin. Es verhindert, dass die Blutplättchen zusammenklumpen. Und im 19. Jahrhundert schrieb Kräuterpfarrer Künzle: Wohl kein Kraut der Erde ist so wirksam zur Reinigung von Magen, Gedärmen und Blut wie der Bärlauch. Auch heute wird er bei Entgiftungskuren eingesetzt. Die schwefelhaltigen Inhaltsstoffe sollen nämlich fettlösliche Schadstoffe in eine wasserlösliche Form verwandeln, die dann ausgeschieden wird. Konzentrationen von Schwermetallen wie Quecksilber und Cadmium lassen sich so halbieren, heißt es.
Mittlerweile ist es Juni geworden und die Sonne brennt unangenehm auf meinen glatten Blättern. Noch summen die Bienen um meinen prächtigen weißen Blütenstand, doch allmählich wird es mir wirklich zu heiß da draußen. Es ist Zeit die Blätter einzuziehen. Also dann, bis zum nächsten Jahr.
Susanne Donner
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