BSE im Schafspelz?

Wie niedlich, wenn die Osterlämmer auf der Wiese herumtollen. Doch vielleicht traben sie bald als gefährliche BSE-Koteletts in deutsche Küchen. Denn Schafe können nicht nur die BSE-ähnliche, aber für den Menschen als ungefährlich geltende Krankheit Scrapie bekommen, sondern auch BSE selbst.


BSE bei Schafen?

Im Experiment erkrankten die Tiere, demnach besteht grundsätzlich ein Risiko für den Verbraucher.


Im Experiment wurde nachgewiesen, dass Schafe BSE bekommen, wenn sie mit infiziertem Rinderhirn gefüttert werden. In der Praxis hat zwar noch niemand ein BSE-krankes Schaf entdeckt, doch das ist kein Grund zur Entwarnung. Denn die Symptome von BSE unterscheiden sich kaum von Scrapie – der unheilbaren Traberkrankheit, die bei Schafen seit mehr als 250 Jahren bekannt ist (und die dazu führte, dass BSE aufgrund der Verfütterung von Schafmehl zu einer weit verbreiteten Seuche wurde).

Falls Schafe nicht nur im Experiment, sondern auch in der Praxis BSE bekommen können, droht Gefahr. Denn die Fütterungspraxis ging in beide Richtungen: Einerseits bekamen Rinder Scrapie-verseuchtes Schafmehl, andererseits fraßen Schafe BSE-verseuchtes Rindermehl.

Das Risiko verdeutlicht eine aktuelle Computerstudie, die Neil Ferguson vom Londoner Imperial College of Science, Technology and Medicine gemacht hat. Falls BSE „nur“ durch Rindfleisch auf den Menschen übertragen wird, kämen auf die Briten 50 bis 50.000 Todesfälle aufgrund der neuen Variante der Creutzfeld Jakob Krankheit (nvCJD) zu. Durch eine zusätzliche Ansteckung über Schaffleisch drohten gar 150.000 Opfer. Die Wissenschaft steht derzeit noch erfolglos vor der Aufgabe, eine Methode zur Unterscheidung von BSE und Scrapie zu entwickeln.

Sicherheit bei der Frage, ob auch Schafe an BSE erkranken, soll ein europäisches Screening-Programm bringen, das seit Januar läuft. Dabei werden stichprobenartig 18.000 Schafe über 18 Monate untersucht. Bei Schafen seien infektiöse Prionen relativ früh im lymphatischen Gewebe wie der Milz nachweisbar und erst später im zentralen Nervensystem, erklärt Dr. Jochen Groschup der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (BFAV).

Einer routinemäßigen Untersuchung stehen die Kosten entgegen: Ein Test kostet im Durchschnitt circa 30 Euro; ein Schaf bringt dem Halter 40 bis 50 Euro. Einen direkten Notfallplan, wenn sich der BSE-Verdacht bei Schafen bestätigen sollte, scheint es nicht zu geben. Wenigstens wird bei Schaffleisch generell das potenzielle Risikomaterial entfernt.

BSE-Forschung mit Hindernissen. Egal ob bei Schafen oder Rindern, ein Hindernis bei der Forschung ist die lange Inkubationszeit von fünf Jahren. Doch was ist passiert in den mehr als 15 Monaten, nachdem der erste BSE-Fall bei Rindern in Deutschland für eine grundlegende Neuausrichtung der Agrarpolitik sorgte?

Für 30 Monate alte Rinder wurde in der EU eine Untersuchung von Rindfleisch vorgeschrieben. Allerdings sind 60 bis 70 Prozent der Schlachttiere Jungbullen im Alter zwischen 17 und 22 Monaten, wo der Test also gar nicht greift. Deutschland testet zwar schon 24 Monate alte Kälber. Doch ein Testverfahren, das empfindlich genug ist, um schon die geringen Erregermengen in jüngeren Tieren aufzuspüren, fehlt auch hier.

Außerdem wurde erst einmal die Verfütterung von Tiermehl generell verboten (in der EU allerdings nur befristet). Nach der Einführung des Tiermehlverfütterungsverbotes für Wiederkäuer im Jahr 1994 sank die Zahl der BSE-Fälle bei danach geborenen Tieren deutlich. Für mehr Sicherheit sorgt zudem die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, die seit November 2001 in Kraft ist. Danach müssen die Halter ein Stallbuch führen und das Wohlbefinden der Tiere stärker kontrollieren als bisher.

So weit, so gut, wenn es nicht immer wieder schwarze Schafe gäbe... In Großbritannien sind seit Beginn der BSE-Krise mehr als 100 Menschen an nvCJD gestorben. Bei uns gibt es bisher keinen Todesfall. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass dies nur eine Frage der Zeit sei.

Gezielte Forschung. Um die Enzephalopathien zu erforschen, eröffnete die BFAV auf der Insel Riems eine Forschungsstation. Seit Januar füttert man hier 50 Kälber gezielt mit infiziertem Futter, um den Krankheitsverlauf vier Jahre lang gezielt zu verfolgen.

Als Folge der BSE-Krise hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das vorübergehend eingestellte Förderungsprogramm zur Diagnostik von Transmissible spongiform Enzephalopathies (TSE, Sammelbegriff für übertragbare schwammartige Hirnaufweichungen) wieder ausgeschrieben. Dabei sind hohe Summen im Spiel. Zum Beispiel finanziert das BMBF allein die Koordination der nationalen und internationalen Forschungsaktivitäten mit fünf Millionen Euro. Weitere millionenschwere Forschungsgelder stehen für die Therapie der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit und für die TSE-Diagnostik an lebenden Tieren zur Verfügung.

Auch wenn die BSE-Gefahr nicht totgeschwiegen werden darf, so hat es doch zumindest in der Rinderzucht Verbesserungen bei Sicherheit und Transparenz gegeben. In Deutschland wird mittlerweile jedes Kalb nach der Geburt gekennzeichnet und der Lebensweg auf elektronischen Datenbanken gesichert. Und seit November gelten einheitliche Verwaltungsvorschriften für die Kontrolle von Schlachtkörpern und Fleisch. So dürfen bestimmte Aufgaben nun nur noch von Tierärzten übernommen werden, wobei ihnen Mindestzeiten zur Untersuchung zur Verfügung stehen müssen.

Was frisst die Kuh heute? Das Tiermehlverbot für Rinder wurde bis Ende 2002 verlängert. Die EU möchte aber Tiermehl aus Schweinen für Geflügel und umgekehrt erlauben. Deutschland verbietet neben Tiermehl auch das Verfüttern von tierischen Fetten (außer Milchfett), da infiziertes Fett in Milchaustauschern ebenfalls als Auslöser für BSE gilt. Weil Bio-Bauern von Anfang an auf Tiermehl und -fett im Futter verzichten, gilt Bio-Fleisch weitgehend als sicher. Bisher wurde auch noch bei keinem Bio-Rind BSE diagnostiziert.

Nun hat eine deutsche Normenkommission einen Entwurf für eine Positivliste für Futtermittel und Zusatzstoffe der Regierung und zugleich der EU zugeleitet. Die Liste enthält über 300 Stoffe, die für konventionelle und für ökologische Erzeugnisse gelten soll.

Darüber hinaus sollen Firmen, die pfuschen, öffentlich bekannt gemacht werden. Dies sieht das geplante Verbraucherinformationsgesetz vor. Es soll garantieren, dass auch Privatpersonen auf Wunsch Informationen über alle Stufen der Lebensmittelproduktion erhalten.

In der EU ist die Verwendung von Separatorenfleisch von Wiederkäuern weiter verboten, in Drittländer darf es aber exportiert werden. Allerdings besteht optisch kein Unterschied zu Separatorenfleisch oder Knochenfragmenten von Schweinen oder Geflügel. Weil die Gefahr einer Vermischung besteht, hat das Land Niedersachsen beantragt, dass auch Separatorenfleisch von diesen Tieren weder hergestellt noch verwendet werden darf. Die Bundesregierung will bislang nur vorschreiben, dass die Tierart angegeben werden muss.

Für Politiker, Verbraucherschützer und Gewerkschafter ist die BSE-Krise noch lange nicht bewältigt. Aufgrund der Inkubationszeit sei noch bis 2006 mit neuen BSE-Fällen zu rechnen, warnt Dr. Dieter Simon, Vorsitzender des Auswertungs- und Informationsdienstes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (aid): „Wir haben nur einen Krisenabschnitt erreicht.“ Es sei nur noch eine Frage der Zeit bis der erste Fall der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit in Deutschland auftrete. Auch Verbraucherschutzministerin Renate Künast weiß: „BSE ist nicht besiegt.“ Und Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten, äußerte sich im letzten Herbst besorgt: „BSE darf nicht totgeschwiegen werden.“. Das Zitat wird noch eine lange Zeit gültig bleiben. Immer noch erkranken Mensch und Tier aufgrund der rätselhaften Krankheit. Bislang 143 BSE-Rinder – die Zahl klingt nur im Vergleich zu dem Vorkommen in England gering.

Dr. Bettina Pabel


Weitere Infos


Wie sicher ist der BSE-Test?

Mit dem derzeit gängigen Test auf BSE wird die Krankheit nur dann sicher angezeigt, wenn eine bestimmte Mindestmenge von Erregern im Gehirn vorhanden ist. Daher werden nur ältere Schlachtrinder (in Deutschland ab 24 Monaten) untersucht. Weil Rinder bereits erkranken können, wenn sie weniger als ein Gramm Hirngewebe gefressen haben, müssen zukünftige Nachweisverfahren um ein Vielfaches sensibler sein.


UGB: Vorsicht auch bei Schweine-Innereien

Da bislang nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden kann, dass auch Schweine den BSE-Erreger in sich tragen (ohne daran zu erkranken), empfiehlt der Verband für un-abhängige Gesundheitsförderung (UBG), Innereien sowie Hirn und Rückenmark von Schweinen ebenfalls zu meiden. Auch vom Auskochen von Knochen sollte man Abstand nehmen. Der Verband fordert eine klare Herkunftsangabe bei verarbeiteten Produkten. Zumindest alle verwendeten tierischen Zutaten müssten gekennzeichnet werden, zum Beispiel mit der Bezeichnung „garantiert ohne Rind/Schaf“. Vorsicht sei auch bei Wildtierfleisch oder Fleisch unbekannter Herkunft geboten. Zu bevorzugen sei Fleisch aus ökologischer Erzeugung.


Produkte, die von Rindern stammen


Jahr Bestätigte BSE-Fälle in Deutschland
2000 7
2001 125
2002 4

 

 

 

 

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