Diabetes die neue Kinderkrankheit?
Längst hat sich Diabetes zu einer Volkskrankheit entwickelt. Schätzungen zufolge leiden vier bis fünf Millionen Deutsche an der Zuckerkrankheit Tendenz steigend. Meist sind es Erwachsene mit Typ-II-Diabetes. Doch auch Kinder sind zunehmend betroffen. Rund 25.000 Kinder müssen mit der Diagnose leben: Diabetes Typ I.
tefan, sieben Jahre alt, ist als aufgeweckter und fröhlicher Junge bekannt. Doch in den letzten Tagen wirkt er lustlos und ist immer müde. Den Lehrern fällt er auf, weil er sich nicht mehr konzentrieren kann. Ständig hat er Durst und muss zur Toilette. Als Stefan trotz seines normalen Essverhaltens zusehends an Gewicht verliert, geht seine Mutter mit ihm zum Hausarzt. Die Diagnose Diabetes Typ I trifft beide wie ein Schlag. Was bedeutet das für Stefan? Muss er jetzt täglich Insulin spritzen ein Leben lang? Ist ein normales Leben überhaupt noch möglich?
Auf
dem Vormarsch. Wie Stefan ergeht es immer mehr Kindern.
Nach Schätzungen des Deutschen Diabetes-Forschungsinstituts
in Düsseldorf sind derzeit in Deutschland etwa 25.000
Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 19 Jahren vom Diabetes
Typ I betroffen. Und die Zahl der jungen Diabetiker steigt
weiter: Weltweit erkranken im Jahr drei bis fünf Prozent
neu an Diabetes Typ I.
Im Unterschied zum Typ I, von dem vorwiegend Kinder und Jugendliche betroffen sind, erkranken am Typ-II-Diabetes fast nur ältere Erwachsene. Diabetes Typ II bei Kindern und Jugendlichen ist eine Rarität, so die Internistin und Diabetologin Dr. Monika Toeller vom Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut. Nach heutigen Erkenntnissen resultiert der Typ-I-Diabetes aus einer Autoimmunreaktion des Körpers: Das körpereigene Abwehrsystem richtet sich gegen die insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, die nach und nach immer weniger des Hormons produzieren.
Wie es zu dieser Fehlregulation kommt, ist unklar, ebenso wenig, warum immer mehr Kinder an Diabetes erkranken. Die Erbanlagen spielen eine gewisse Rolle, sie erklären aber nicht den Ausbruch der Krankheit. Weitere Faktoren, die den Prozess in Gang setzen, müssen noch hinzukommen. Möglicherweise sind Virusinfektionen oder verschiedene Nahrungsbestandteile wie Kuhmilcheiweiß oder Nitrosamine beteiligt.
Bis zum Koma. Ein zu hoher Blutzuckerspiegel hat direkte Folgen für den Körper, wie das Beispiel von Stefan zeigt. Neben Durst, häufigem Wasserlassen und Gewichtsverlust riecht der Atem nach Azeton also wie Nagellackentferner. Der Grund hierfür ist ein Fehler im Fettstoffwechsel. Dadurch kann der pH-Wert des Blutes auf bedrohliche Werte ansteigen. Ein zu hoher Blutzuckerspiegel führt zu Übelkeit und Erbrechen, zu Verwirrtheit und schließlich zum Koma. Die Stoffwechselentgleisung geschieht in der Regel innerhalb von Stunden oder Tagen. Daher wird der Typ-I-Diabetes meist relativ schnell entdeckt.
Schon ein leicht erhöhter Blutzucker hat Konsequenzen: Er schädigt vor allem die Blutgefäße und Nerven, was zu einem Nierenschaden, schlechtem Sehvermögen bis zur Erblindung führen kann. Ein erhöhter Blutzuckerwert fördert daneben die Arteriosklerose. Typisch ist der so genannte diabetische Fuß, der sowohl durch schlechte Durchblutung als auch durch Nervenstörung entsteht. Auch eine Unterzuckerung birgt Risiken: Bei zu viel Insulin oder ausgelassenen Mahlzeiten droht ein hypoglykämischer Schock mit Bewusstlosigkeit. Um dauerhafte Schäden zu verhindern, kommt es darauf an, den Blutzuckerspiegel so gut wie möglich zu korrigieren, bei Diabetes Typ I ist das nur mit der Gabe von Insulin möglich.
Insulin Schlüssel zum Leben. Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts bedeutete die Diagnose Diabetes Typ I das Todesurteil. Seit der Entdeckung des Insulins (1921) lässt sich das fehlende Hormon ersetzen. Allerdings muss es noch immer gespritzt werden. Doch das ist heute komfortabler geworden: Zur Auswahl stehen Spritzen, Stifte und Pumpen. Die so genannten Insulinpens enthalten eine auswechselbare Insulinpatrone. Die gewünschte Dosis wird eingestellt und per Knopfdruck oder Drehung injiziert. Die Technik hat sich vor allem für Kinder bewährt, die mit dem Stift vertrauter und sicherer umgehen können als mit Spritzen. Eine Insulinpumpe, die nahe am Körper getragen wird, gibt über den Tag verteilt die gewünschte Insulinmenge über einen dünnen Schlauch ab.
Zwei Therapiemöglichkeiten. Unterschieden wird zwischen konventioneller und intensivierter Insulintherapie. Bei der konventionellen spritzt der Patient morgens und abends das Hormon. Daran richtet er seine Ernährung aus. Fünf bis sechs Mahlzeiten sind üblich, deren Menge und Zusammensetzung sich genau nach der Insulindosis richtet. Die intensivierte Insulintherapie ist flexibler, denn hierbei richtet sich die Insulindosis nach der Kohlenhydratmenge der Mahlzeit und nicht umgekehrt. Der Diabetiker kann also entscheiden, was und wann er isst und dann die entsprechende Insulinmenge spritzen. Allerdings muss er den Blutzucker mehrmals täglich kontrollieren und die Insulinmenge auf die berechneten Kohlenhydrate abstimmen. Zur Berechnung zieht man die so genannte Broteinheit (BE) oder Kohlenhydrateinheit (KHE) heran. Eine Einheit steht für zehn bis zwölf Gramm Kohlenhydrate und erfordert ein bis zwei Einheiten Insulin. Lebensmittel mit gleichem BE-Wert können gegeneinander ausgetauscht werden, wofür spezielle Kohlenhydrat-Austauschtabellen existieren.
Die richtige Ernährung. Früher gab es eine Reihe von Tabus in der Diabetiker-Kost, aber das ist längst überholt. Als Basis dient die so genannte gesunde Kost, so Monika Toeller. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern erarbeitete sie die offiziellen Ernährungsempfehlungen für Diabetiker 2000, worin es heißt: Die Nahrung der Diabetiker sollte sich nicht wesentlich von der unterscheiden, die für die ganze Familie empfehlenswert ist.
Die Empfehlung Typ-I-Diabetiker können alles essen, was sie wollen, denn sie müssen nur die Insulinmenge entsprechend anpassen, stimmt jedoch nicht. Genau wie Typ-II-Diabetiker bringen auch Typ-I-Diabetiker zunehmend mehr Gewicht auf die Waage. Vor allem Mädchen in der Pubertät und Kinder unter einer intensivierten Insulintherapie nehmen häufig zu, wie Prof. Dr. med. Hans Hauner vom Deutschen Diabetes-Forschungsin-stitut im letzten Herbst auf der Arbeitstagung Ernährungsprobleme im Kindes- und Jugendalter der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn berichtete. Ein Problem sei der Wunsch nach Süßigkeiten und Fastfood-Produkten bei den Kindern. Die Praxis zeige, dass sie sich nicht entsprechend der Empfehlungen ernährten: Sie nehmen durchschnittlich weniger Kohlenhydrate auf als gesunde Kinder, dafür aber mehr Eiweiß und Fett. Doch gilt die Empfehlung zu fettarmer Ernährung, weil ein normales Körpergewicht die Blutzuckereinstellung erleichtert und hilft, Folgeschäden zu vermeiden.
Auch die Fettsäurezusammensetzung der Nahrung spielt eine wichtige Rolle: Wenig gesättigte Fettsäuren, dafür mehr einfach und mehrfach ungesättigte sind angesagt. Das heißt: pflanzliche Öle, Nüsse und Fisch bevorzugen.
Mehr als die Hälfte des Energiebedarfs sollten durch Kohlenhydrate aus Gemüse, Obst und ballaststoffreichen Vollkornprodukten gedeckt werden. Selbst ab und zu mal eine Kleinigkeit naschen, ist bei ansonsten gesunder Ernährung erlaubt. Auch kleine Mengen Haushaltzucker sind für Diabetiker nicht mehr verboten. Doch Vorsicht: Süßigkeiten enthalten in der Regel relativ viel Fett.
Für die Auswahl der Lebensmittel ist auch entscheidend, wie stark und wie schnell der Blutzucker nach dem Verzehr ansteigt. Ein Maß hierfür ist der Glykämische Index. Je niedriger er ist, desto besser: Denn nur ein langsam steigender Blutzucker bedeutet, dass der Spiegel nicht so stark schwankt. Zu den Lebensmitteln mit niedrigem glykämischen Index zählen beispielsweise Linsen, Bohnen, Äpfel, Erdnüsse und Milch im Unterschied zu Honig, Weißbrot oder Obstsäften. Für die Berechnung der Insulindosis spielt der Index nur eine untergeordnete Rolle, hier ist die Kohlenhydratmenge relevant.
Für viele Diabetiker vielleicht überraschend: Spezielle Diabetikerprodukte brauchen sie nicht. Darin enthaltene Fruktose, Zuckeralkohole oder andere Zucker-austauschstoffe haben gegenüber dem Haushaltszucker für Diabetiker kaum Vorteile. Dafür enthalten sie oft viel Fett und sind wesentlich teurer als herkömmliche Nahrungsmittel. Im Naturkostladen werden üblicherweise kaum spezielle Lebensmittel für Diabetiker angeboten.
Die Krankheit managen. Im Vordergrund der Behandlung steht das Selbstmanagement. Kinder und Jugendliche sollten daher gemeinsam mit den Eltern zu Experten in eigener Sache werden, denn so können sie am besten für ihre Gesundheit sorgen. Diabetiker-Schulungen, die es in vielen Orten Deutschlands gibt, helfen hierbei. Häufig werden sie von Kliniken oder spezialisierten Arztpraxen angeboten. Durch eine gute Zusammenarbeit von Arzt, Diabetesberaterin, Kind und Eltern lässt sich dann ein fast normales Leben führen, auch von Stefan.
Dr. Claudia Müller
Diabetes mellitus
so die korrekte Bezeichnung heißt übersetzt honigsüßer Durchfluss. Denn bei Menschen mit Diabetes ist der Urin durch den hohen Zuckeranteil süßlich. Das zeigt, dass der Körper den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker nicht richtig verwertet und zum großen Teil wieder ausscheidet. Zucker versorgt aber die Körperzellen mit notwendiger Energie. Fehlt dieser Treibstoff, gerät der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht und es kommt zu unerwünschten Folgen.
Insulin
ein Hormon, das in speziellen Zellen der Bauchspeicheldrüse, den so genannten Langerhansschen Inseln, gebildet wird. Steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit an, produziert die Bauchspeicheldrüse vermehrt Insulin, damit der Zucker in die Zellen gelangt und dort verarbeitet werden kann. Der Blutzuckerspiegel sinkt wieder auf einen normalen Wert von 80 bis 110 Milligramm pro 100 Milliliter Blut.
Die Bauchspeicheldrüse
produziert beim Diabetes Typ I entweder zu wenig oder gar kein Insulin, beim Typ II reagieren die Zellen nicht mehr empfindlich genug auf das Hormon. Bei beiden Varianten erhalten die Zellen zuwenig Glukose und der Blutzuckerspiegel steigt. Stellt der Arzt im Blut eine Glukosekonzentration von über 120 Milligramm pro 100 Milliliter fest, liegt Diabetes vor.
Literatur:
Annette Bopp: Diabetes. Stiftung Warentest, Düsseldorf, 2001.
Frank R. Schwebke: Gesund und leistungsfähig leben mit Diabetes Typ-I. Südwest Verlag, München, 1999.
Adressen, die weiterhelfen:
Deutscher Diabetiker Bund, Danziger Weg 1, 58511 Lüdenscheid,
Telefon 02351/ 989153, Fax 989150,
Internet: www.diabetikerbund.de.
Bund diabetischer Kinder und Jugendlicher e.V., Hahnbrunner
Str. 46, 67659 Kaiserslautern, Telefon 0631/ 76488, Fax
97222,
Internet: www.bund-diabetischer-kinder.de.
Aktion Internet-Chat
Möchten Sie Ihre eigenen Erfahrungen zur Sprache bringen oder haben Sie noch Fragen zum Thema? Wir treffen uns zum Chatten mit Mitarbeitern des Bundes diabetischer Kinder e.V., am 22.4.2002 von 17 bis 19 Uhr unter: www.naturkost.de/chat-diabetes Wir freuen uns auf eine rege Teilnahme.
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