Übergewichtige Kinder

Ran an den Kinder-Speck!

Übergewicht bei Kindern muss nicht sein. Gute Erfolge beim Abspecken versprechen ganzheitliche Konzepte: Sie kombinieren Ernährungsumstellung, sportliche Betätigung und verhaltenstherapeutische Ansätze.

Spottnamen wie „Dampfwalze“ oder „Elefantenbaby“ nagen am Selbstwertgefühl. Dicke Kinder leiden daher zunächst weniger körperlich unter den überflüssigen Pfunden als psychisch. Den Hänseleien ihrer Altersgenossen ausgesetzt, werden sie nicht selten zu Außenseitern. Viele ziehen sich zurück, gehen nicht mehr raus und geben Freundschaften auf. Auch das Gefühl für den eigenen Körper leidet. Dabei spielt ein positives Körpergefühl eine wichtige Rolle für das Wertgefühl in einer Gruppe von Gleichaltrigen. Je negativer das Selbstwertgefühl, desto weniger trauen sich die Kinder zu.

Durch übermäßiges Essen schaffen sich Kinder oft eine Zufriedenheit, die sie in ihrem Alltag nicht mehr finden. Denn viele Eltern haben zu wenig Zeit für die Bedürfnisse ihrer Kinder, sei es weil sie selber unter emotionalen Spannungen leiden oder mit Stress im Beruf kämpfen. Nicht selten versuchen solche Kinder, Frust und Langeweile mit Essen zu kompensieren – ein Teufelskreis schließt sich.

Nicht nur ein kosmetisches Problem

Neben ernsten seelischen Folgen für die Entwicklung der Kinder, verursachen die überflüssigen Pfunde auch körperliche Schäden. Durch die ständige Belastung des Halte- und Bewegungsapparates treten häufig schon in jungen Jahren Schäden an Gelenken, Wirbelsäule und Sehnen auf. Viele übergewichtige Jugendliche leiden an Rückenschmerzen. Außerdem steigt das Risiko, im Erwachsenenalter Krankheiten wie Bluthochdruck, Arteriosklerose oder Diabetes zu bekommen. „Über 40 Prozent der übergewichtigen Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren haben bereits erhöhte Blutfettwerte“, berichtete Professor Manfred J. Müller vom Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde der Universität Kiel auf der Tagung des aid (Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten e.V.) kürzlich in Bonn.

Gene, Fett und wenig Bewegung

Aus pummeligen Kindern werden häufig „dicke“ Erwachsene: Rund 80 Prozent der übergewichtigen Zehn- bis Dreizehnjährigen tragen auch als Erwachsene zu viele Kilos mit sich herum. Generell gilt, dass das Risiko wächst, je länger das kindliche Übergewicht besteht.

„Das liegt bei uns in der Familie.“ An diesem Argument ist tatsächlich etwas dran. Denn die Kinder „dicker“ Eltern sind häufiger übergewichtig als die normalgewichtiger Eltern. Der genetische Anteil wird bei der Adipositas auf 30 bis 50 Prozent geschätzt. Allerdings wird nur die Neigung zu Übergewicht vererbt – nicht das Übergewicht an sich. Letztlich bestimmt das Verhalten, ob und in welchem Maß das Übergewicht tatsächlich ausgeprägt wird. Das Verhalten wiederum wird stark von den Ernährungsgewohnheiten und Interesse an Bewegung der Eltern geprägt.

Ob Übergewichtige tatsächlich mehr essen als Normalgewichtige, lässt sich nur schwer feststellen. Eine Möglichkeit bieten Ernährungsprotokolle, in denen die Betroffenen notieren, was und wie viel sie gegessen haben. Der Göttinger Ernährungspsychologe Professor Volker Pudel beobachtete bei der Analyse der Ernährungstagebücher von 200.000 Teilnehmern der AOK-Vierjahreszeiten-Kur, dass Übergewichtige gleich viel Kalorien wie Normalgewichtige aufnehmen. Allerdings essen zu dicke Personen, auch Kinder, mehr fettreiche Lebensmittel wie Butter, Margarine, Wurst und Käse, sowie Backwaren und Süßigkeiten. Auch die DONALD-Studie (Dortmund Nutritional and Anthropometric Longitudinally Designed-Study) des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund suchte nach Quellen für eine übermäßige Fettzufuhr. Danach werden Säuglinge heute zu fettarm ernährt, Kinder nehmen aber zu viel Fett mit gesättigten Fettsäuren auf.

Kein Wunder, denn die Kinder wachsen in einer Gesellschaft auf, wo es Fastfood, Süßigkeiten und hochkalorische Pausen-snacks überall zu kaufen gibt. Auch zuhause kommen nicht selten energiereiche Fertiggerichte auf den Tisch.

Hinzu kommt Bewegungsmangel: Gerade Übergewichtige treiben weniger Sport und verbringen stattdessen viele Stunden vor dem Fernseher und Computer. Dabei verbrauchen sie weniger Energie und werden gleichzeitig zum Naschen verführt.

Die ganze Familie muss mitziehen

Wie lässt sich den überflüssigen Kilos zu Leibe rücken? „Es reicht nicht, den Kindern nur zu sagen, was sie nicht sollen“, sagt Hilde Kolbe, Diätassistentin und Expertin auf dem Gebiet. „Man muss den Kindern Hilfestellungen geben.“ Eine Diät nach der anderen – so sollte das Erfolgsrezept nicht aussehen, denn das kann leicht zu einer Essstörung mit schwer wiegenden psychischen und körperlichen Folgen führen. Stattdessen sollten Eltern und Kinder zum Ziel haben, ihr Verhalten gemeinsam und langfristig zu ändern. Es nutzt nichts, wenn sich nur das betroffene Kind umstellt und dann zu Hause gegen den Rest der Familie antreten muss. Dabei sollte den Kindern genügend Eigenverantwortung zugebilligt werden, um einen individuellen Essstil entwickeln zu können. Und wenn das Essen zugleich noch schmeckt, werden sie trotz der Bezeichnung „gesund“ auch Spaß an den Mahlzeiten haben.

Abnehmen mit Programm

Mittlerweile gibt es viele Therapieangebote für Kinder mit starkem Übergewicht. Bereits seit 1987 werden in Freiburg im Rahmen von FITOC (Freiburg Intervention Trial for Obese Children) Kinder im Alter von acht bis elf Jahren behandelt. FITOC wurde von der Sportmedizinerin Dr. Ulrike Korsten-Reck entwickelt und vom Universitätsklinikum Freiburg wissenschaftlich begleitet. Es ist das erste Programm, das sportliche Betätigung, Ernährungsumstellung und verhaltenstherapeutische Ansätze kombiniert. Dabei sollen die Kinder unter Einbeziehung der Eltern auch mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Inzwischen wird das erfolgreiche Programm in 15 Städten Deutschlands angeboten. Dabei geht es nicht darum, dass die Pfunde purzeln. Weil die Kinder noch wachsen, reiche es aus, wenn sie ihr Gewicht halten, betont Ulrike Korsten-Reck. Die Devise heisst: nicht weniger, dafür gesünder essen – ohne Diät. Also eine Kost mit reichlich Obst, Gemüse und Vollkornprodukten. Aus Erfahrung weiß die Sportmedizinerin, dass Kinder Informationen über Lebensmittel dankbar annehmen – wenn sie von Dritten kommen und nicht von den Eltern.

Auch bei Moby Dick, einem Gesundheitsprogramm im Raum Hamburg, liegt der Schwerpunkt auf einem Bewegungs- und Ernährungstraining, sowie der Stärkung der Körperwahrnehmung und des Selbstbewusstseins. Bei regelmäßigen wöchentlichen Treffen stehen Bewegung, Ernährungsberatung und Kochen auf dem Programm. Alle ein bis zwei Monate treffen sich zudem die Eltern. Im Unterschied zu FITOC endet das Programm bereits nach einem Jahr. Allerdings können die Kinder danach im Moby-Dick-Klub ihre Erfahrungen austauschen und sich zum Kochen oder zu sportlichen Aktivitäten treffen.

Vorbeugen ist besser

Das Programm KOPS (Kiel Obesity Prevention Study) setzt an anderer Stelle an: Die beste Strategie, den überflüssigen Pfunden bei Erwachsenen vorzubeugen, ist, das Übergewicht gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn Ernährungsgewohnheiten werden bereits in der Kindheit geprägt, und die Erfolge einer Therapie sind bei Kindern besser. Manfred J. Müller konzipierte das Interventionsprogramm der Adipositaspräventionsstudie KOPS, das seit 1996 jährlich jeweils 500 bis 1000 Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren bei ärztlichen Schulanfangsuntersuchungen erfasst. Die Kinder werden hinsichtlich‹ ‹ ihres Risikos für Adipositas charakterisiert und bis zur Pubertät verfolgt. Dafür werden unter anderem Daten über ihre Ernährung, körperliche Aktivität, Blutwerte, Geburtsgewicht und Familienstrukturen notiert. Parallel dazu unterstützen verschiedene Maßnahmen spielerisch den Umgang mit Ernährung und Bewegung. Außerdem werden Informationsveranstaltungen und spezielle Seminare für Eltern und Lehrer angeboten, sowie in Familien mit übergewichtigen Kindern Verhaltensschulungen und Sportprogramme durchgeführt.

Jetzt hat auch das BMVEL (Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft) die Kampagne „FIT KID – Die Gesund-Essen-Aktion für Kitas“ gestartet. Die rund 300 Veranstaltungen, an denen sich DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), aid und Verbraucherzentralen beteiligen, drehen sich um gesunde Ernährung für Kinder in Tageseinrichtungen. Hintergrund der Kampagne ist auch hier, dem immer häufiger auftretenden Übergewicht bereits im Kindesalter vorzubeugen.

Übergewicht ist also kein Schicksal, mit dem sich Kinder oder auch Erwachsene abfinden müssen. Wie die dargestellten und viele weitere Programme zeigen, gibt es durchaus Möglichkeiten, dem überflüssigen Speck aktiv entgegenzuwirken, selbst wenn es – auch im übertragenen Sinn – kein Zuckerschlecken ist.

Dr. Claudia Müller


Tipps für die ganze Familie


„Wir sind eine übergewichtige Gesellschaft auf dem Weg zu einer fetten Gesellschaft“, so Prof. Manfred Müller auf einem Forum des aid (Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten). Längst bringen auch Kinder immer mehr Kilos auf die Waage:

Während der letzten 15 Jahre hat sich die Zahl übergewichtiger Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahren mehr als verdoppelt und ist auf über 23 Prozent gestiegen.


Buchtipp:

Der richtige Weg zum Wunschgewicht ist umstritten. Infos zu Diätformen finden Sie auch bei S&K unter www.schrotundkorn.de/sk0002e1.htm.


Gewichtsbeurteilung nach dem Body-Mass-Index

Bei Kindern ist es schwieriger festzulegen, ab wann sie übergewichtig sind. Denn sie wachsen noch, und das nicht immer kontinuierlich. So können Kinder durchaus kurzzeitig auch mal unter- oder überernährt aussehen.

Eine Orientierung für den normalen Body-Mass-Index (BMI oder Körpermassen-index) je nach Alter und Geschlecht gibt die unten stehende Grafik. Der BMI berechnet sich nach: BMI = Körpergewicht in kg/(Größe in m)

Zu kompliziert?

Geben Sie doch einfach mal in das untenstehende Formular Ihre Werte ein. Sie werden sehen, wie einfach das alles ist.

Geben Sie hier Ihr Gewicht und Ihre Körpergröße ein
und Klicken Sie dann den Button.

Gewicht (kg)
Größe (cm)
BMI
 
weiblich
Alter starkes
Untergewicht
Untergewicht Normalgewicht Übergewicht starkes
Übergewicht
7 12,2 13,2 15,4 18,8 23,1
8 12,2 13,2 15,9 18,2 22,3
9 13,0 13,7 16,4 19,8 23,4
10 13,4 14,2 16,9 20,7 23,4
11 13,8 14,6 17,7 20,8 22,9
12 14,8 16,0 18,4 21,5 23,4
13 15,2 15,6 18,9 22,1 24,4
14 16,2 17,0 19,4 23,2 26,0
15 16,9 17,6 20,2 23,2 27,6
16 16,9 17,8 20,3 22,8 24,2
17 17,1 17,8 20,5 23,4 25,7
18 17,6 18,3 20,6 23,5 25,0

 

männlich
Alter starkes
Untergewicht
Untergewicht Normalgewicht Übergewicht starkes
Übergewicht
7 13,0 13,6 16,1 19,2 21,1
8 12,5 14,2 16,4 19,3 22,6
9 12,8 13,7 17,1 19,4 21,6
10 13,9 14,6 17,1 21,4 25,0
11 14,0 14,3 17,8 21,2 23,1
12 14,6 14,8 18,4 22,0 24,8
13 15,6 16,2 19,1 21,7 24,5
14 16,1 16,7 19,8 22,6 25,7
15 17,0 17,8 20,2 23,1 25,9
16 17,8 18,5 21,0 23,7 26,0
17 17,6 18,6 21,7 23,7 25,8
18 17,6 18,6 21,8 24,0 26,8
Nach: H. Coners und Mitarbeiter, 1996; A. Ziegler und J. Hebebrand

 

Leserbrief schreiben Seite empfehlen
powered by
Impressum
Newsletter
Forum
Anfragen