Regional ist erste Wahl
Ökologische Landwirtschaft setzt auf überschaubare Kreisläufe und kurze Wege. Lebensmittel aus der Region sind frisch, stärken die heimische Wirtschaft und schonen die Umwelt.
Der Nitrofen-Skandal hat deutlich gezeigt, dass der Markt für Bio-Lebensmittel in manchen Bereichen zu groß und daher unüberschaubar geworden ist. Da geht Futtergetreide auf dem Weg vom Getreidebauern zum Tiermäster durch die Hände mehrerer Zwischenhändler. Im konventionellen Lebensmittelhandel sind solche Strukturen üblich. Kein Wunder, dass die wichtigsten der am Nitrofen-Skandal beteiligten Firmen die Bio-Töchter großer agrarindustrieller Unternehmen waren. Sie produzierten überwiegend Bio-Rohstoffe und Lebensmittel für konventionelle Supermärkte.
Als
Folge der anonymen Vermarktungswege gab es in konventionellen
Supermärkten über Wochen hinweg keine Bio-Eier
mehr. Ganz anders sah es in den Naturkostläden aus:
Sie waren lieferfähig. Denn die Mehrzahl der Bio-Eier
dort stammt nicht von einem niedersächsischen Eierbaron,
sondern aus regionaler Produktion.
Wer versorgt die Bioläden? Anders als die Filialen der großen Einzelhandelskonzerne werden Bioläden nicht von einem Zentrallager mit zentralem Einkauf und Einheitssortiment beliefert. Neben zwei bundesweit tätigen Großhändlern gibt es eine ganze Reihe regionaler Großhändler, die nur Läden in einem oder zwei Bundesländern versorgen. Durch diese Struktur ist es möglich, gezielt Bio-Produkte von Bauern und Verarbeitern der Region in die Läden zu bringen.
Ein gutes Beispiel für regionale Strukturen ist das Ökodorf Brodowin in Brandenburg. Es versorgt über einen Berliner Großhändler Naturkost-Läden in Berlin mit Frischmilch, Quark, Butter und Käse. Eine eigene Fleischmarke ist gerade im Aufbau. Andere Betriebe aus Brandenburg liefern Gemüse für die Hauptstadt.
Erfolgreiche Zusammenarbeit. Ähnliche Kooperationen gibt es auch im Süden Deutschlands: Im Umland Münchens haben sich eine Reihe von Bio-Gärtnern zur Initiative Bio-Regional zusammengeschlossen und beliefern die dortigen Bioläden mit Frischgemüse. In allen Teilen der Republik arbeiten regionale Großhändler, Bioläden und Biobauern erfolgreich zusammen. Meist schließen sich die Bauern zusammen, um die erforderlichen Mengen liefern zu können. Gemeinsame Anbauplanung und Abnahmegarantien verschaffen dabei beiden Seiten Sicherheit.
Neben frischem Gemüse kommt auch das Brot im Naturkostladen aus der Region. Von den rund 600 deutschen Biobäckereien sind nur wenige so groß, dass sie ihre Produkte bundesweit über den Großhandel verkaufen. Meist liefern die kleinen Bäckereien das Brot auch selbst an die Läden in der Umgebung. Das Getreide kaufen diese Bäcker zum großen Teil bei Bauern in der Region und vermahlen es selbst. Viele Bioläden werden auch von Metzgern und Käsereien aus der Umgebung direkt mit regionalen Spezialitäten versorgt.
Natürliche Grenzen der Regionalvermarktung. Deutsches Gemüse hat hauptsächlich im Sommer Saison. Wer im April frische Tomaten oder Gurken anbieten will, muss sie importieren. Auch die Salatköpfe sind zu dieser Zeit noch klein und die Äpfel im Lager gehen allmählich zur Neige. Weil die Verbraucher aber auch im zeitigen Frühjahr knackiges Bio-Obst und -Gemüse wollen, sind längere Transportwege nicht zu vermeiden: Äpfel aus Neuseeland, Tomaten von den Kanarischen Inseln, frische Möhren aus Italien, Zwiebeln aus Argentinien oder Frühkartoffeln aus Ägypten. Wärmeliebendes Obst und Gemüse wie Paprika oder Avocado kommen nicht nur im Frühjahr sondern zu allen Jahreszeiten aus südlichen Ländern. Der Transport erfolgt mit Lkw, Schiff und in manchen Fällen auch per Flugzeug. Neben der zeitlichen Verfügbarkeit ist auch die Menge ein Problem. In Deutschland wachsen nicht so viele Bio-Tomaten, dass die große Nachfrage zu decken ist. Ohne Italien als Exportland gäbe es die Nudeln meistens ohne Tomatensoße.
Keine flächendeckende Verteilung. Während Gärtnereien, Getreidebauern und Bio-Bäckereien relativ gleichmäßig und in großer Zahl übers Land verstreut sind, sieht es bei anderen Lebensmitteln und Verarbeitern nicht so gut aus. So gibt es nur wenige Bio-Bauern, die in größeren Mengen Puten mästen. Deshalb kam auch in mehreren Fällen nitrofenbelastetes Putenfleisch eines niedersächsischen Großmästers in den Handel.
Konventionelle Mühlen und Molkereien sind in den letzten Jahren zu Hunderten geschlossen worden. Manche Betriebe haben nur deshalb überlebt, weil sie sich auf Biogetreide oder Biomilch konzentriert haben. Weil sie nicht flächendeckend übers Land verteilt sind, ist eine regionale Vermarktung schwierig. Zum Beispiel Joghurt: Es gibt eine bayerische und eine westfälische Bio-Molkerei, die jeweils ein breites Sortiment an Fruchtjoghurts bundesweit verkaufen. Daneben bieten nur eine Hand voll kleinerer Molkereien regional ein beschränktes Joghurt-Sortiment an. Die Milch für den Joghurt stammt mehrheitlich von Bauern aus der Umgebung. Die Fruchtmischungen aber werden von allen Molkereien zugekauft. Die Zutaten dafür stammen aus aller Welt: Heidelbeeren aus Osteuropa, Agavensirup aus Mexiko, Rohrzucker aus Südamerika.
Versuche zum Eigenanbau. Natürlich gibt es viele Lebensmittel, die in Deutschland nicht wachsen. Bei anderen Rohstoffen ist der Anbau zwar möglich, aber teuer. Das gilt etwa für Sonnenblumenkerne, für Haselnüsse oder die Hagebutten im Früchtetee. Oder es fehlt an der Anbau-Tradition und deshalb an Fachwissen bei den Bauern. Linsen zum Beispiel wachsen auch in Deutschland. Doch kommt ein großer Teil der Ware aus den USA und die besonders geschmackvollen stammen aus Frankreich. Dass deutsche Bio-Bauern auch ungewöhnliche Rohstoffe anbauen können und dadurch Transportwege drastisch verkürzen, zeigt der Soja-Anbau im Rheintal. Die Freiburger Firma Life Food überzeugte einige Bauern, doch Sojabohnen für die Taifun-Tofuprodukte des Unternehmens anzubauen. Zwar sind die Erträge der wärmeliebenden Pflanze selbst in der sonnigen Rheinebene nicht so hoch wie in den USA oder Italien. Auch ist der Aufwand für Ernte und Weiterverarbeitung größer, weil wegen der geringen Mengen keine Spezialmaschinen eingesetzt werden. Der Grund für Life Food, dennoch den Anbau zu wagen, war der bessere Schutz vor möglichen Verunreinigungen mit Gen-Soja. Durch die Kontrolle des Saatguts, die Nähe zu den Bauern und den Wegfall langer Transportwege geht die Gefahr, dass Bio-Soja mit konventionellem Gen-Soja in Berührung kommt, gegen Null. Regionalität spart also nicht nur Transportemissionen, sondern schafft auch Sicherheit.
Wie erkenne ich regionale Produkte? Ein einheitliches Markenzeichen gibt es leider nicht. In vielen Fällen haben aber regionale Initiativen eigene Logos entwickelt, mit denen Sie ihre Produkte kennzeichnen. In einigen Bundesländern, zum Beispiel in Bayern und Thüringen, gibt es regionale Bio-Siegel. Zahlreiche Bio-Läden machen regionale Produkte dadurch kenntlich, dass sie den jeweiligen Betrieb angeben, von dem das Produkt stammt. Oft steht aber an einer Gemüsekiste auch nur Bioland / Deutschland, obwohl die Salatköpfe aus einer regionalen Gärtnerei stammen. Im Zweifelsfall einfach nachfragen. Vielleicht entpuppt sich der unscheinbare kleine Käselaib zwischen Gouda und Emmentaler als geschmackvolle örtliche Spezialität.
Leo Frühschütz
Der lange Weg in den Laden.
Die Wissenschaftlerinnen Ingrid Hoffmann und Ilka Lauber haben berechnet, wie hoch das Transportaufkommen für den deutschen Ernährungsektor ist: 450 Millionen Tonnen an Lebens- und Futtermitteln sowie Dünger und anderen Hilfsmitteln werden jährlich transportiert, davon knapp 83 Prozent mit dem Lkw. Der größte Teil dieser Menge wird innerhalb Deutschlands befördert. Doch bei der Betrachtung der Umweltfolgen spielen die Importe aus anderen Ländern Europas, vor allem aber aus Übersee, wegen der zurückgelegten Entfernungen und des hohen Energiebedarfs eine besondere Rolle. Stammt das Lebensmittel aus Deutschland, so werden pro Kilogramm für den Transport durchschnittlich 18,4 Gramm des Treibhausgases Kohlendioxid in die Luft gepustet. Bei europäischer Ware sind es 44 Gramm, wobei die angesetzte durchschnittliche Entfernung mit 500 Kilometern gering ist. Schiffstransporte schlagen bei 10.000 Kilometern Entfernung mit 208 Gramm zu Buche. Wesentlich größer sind Energieverbrauch und Schadstoffausstoß, wenn die Lebensmittel eingeflogen werden. Jedes Kilogramm Kiwi aus Israel verbraucht nach Angaben des Kölner Katalyse-Institutes 1,3 Liter Kerosin, was 3,2 Kilogramm Kohlendioxid-Ausstoß entspricht.
6. Oktober Tag der Regionen
Zum ersten Mal wird in diesem Jahr der Tag der Regionen bundesweit veranstaltet. Dazu hat sich ein breites Bündnis gebildet, das derzeit aus 23 Organisationen besteht. Die Initiatoren kommen aus den Bereichen Natur- und Umweltschutz, Kirchen, Land- und Forstwirtschaft, Jugendarbeit, Tourismus, Bildung, Verbraucherschutz und Gastronomie. Die vielfältigen Aktionen am 6. Oktober finden dezentral in den einzelnen Gegenden statt, etwa mit großen Regionalmärkten, Geschmacksseminaren in Gaststätten oder Aktionstagen in Betrieben.
Weitere Infos: www.tag-der-regionen.de
Regionen aktiv
In Deutschland sind über 260 Regional-Initiativen aktiv. Sie versuchen landwirtschaft-liche oder handwerkliche Produkte zu vermarkten und so die örtliche Wirtschaft zu stärken. Viele sind auch im Umwelt- und Naturschutz aktiv. 80 Initiativen haben sich dem öko-logischen Anbau verpflichtet, keltern Apfelsaft aus Streuobstwiesen oder vermarkten seltene Rinderrassen. Der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) bietet im Internet unter www.reginet.de einen Überblick über diese Initiativen und stellt die Projekte kurz vor.
Bei der DVL-Geschäftsstelle, Eyber Straße 2, 91522 Ansbach, Telefon 09 81 / 95 04-241, Fax 95 04-246, E-Mail: info@lpv.de, kann auch ein schriftliches Verzeichnis für 2,50 Euro plus Versandkosten bestellt werden.
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