Glosse


Eigentlich ...

... haben Herbstnebel und Statistiken einiges gemeinsam – zum Beispiel kann man spurlos darin verschwinden.

Ich sage nur: „SAD“. Das traurige Kürzel steht für „saisonal abhängige Depressionsformen“, womit unser übliches Stimmungstief zu Beginn der kalten Jahreszeit gemeint ist. Der Abschied vom Sommer versenkt uns Nordeuropäer nämlich alljährlich in eine emotionale Hängematte, aus der wir uns bis zu den ersten Schneeglöckchen nicht mehr so recht aufrappeln können.

Wenn die Tage kürzer werden und die Kälte uns in die Knochen kriecht, liegt ein Hauch von Winterschlaf in der Luft. Wir gehen früher ins Bett, stehen später auf und igeln uns mehr und mehr in den heimischen vier Wänden ein. Dort versinken wir in Antriebslosigkeit, ernähren uns vorzugsweise von Kohlehydraten und reagieren launisch, wenn wir gestört werden.

Symptome vom leichten Novemberblues bis zur ausgeprägten Winterdepression sind bei zehn Prozent von uns statistisch nachgewiesen. Schließlich wird seit Jahren intensiv über dieses volkswirtschaftlich unerwünschte Phänomen geforscht. Und so liefern die Experten auch gleich Tipps und Therapien mit, wie wir Fun-Faktor und Leistungsbereitschaft auf gleich bleibendem Niveau halten können. Ob wir das auch wollen, steht auf einem anderen Herbstblatt.

Ich jedenfalls kenne meine Antwort. Und das ist genau die Lücke, durch die ich regelmäßig aus der Statistik rutsche, um es mir bei heißem Tee und Schokoladenkuchen mit meinem alten Freund November gemütlich zu machen. Der liebt es, von Freunden „Nr.11“ genannt zu werden, damit er nicht so deprimierend klingt. Und lässt sie im Übrigen einfach so sein, wie ihnen zu Mute ist.

Dann dämpfen wir das Licht, machen Feuer im Ofen und ziehen uns eine Decke aus dunstigem Grau über den Kopf. Einsam müssen wir sein und alte Balladen hören. Zum Heulen ist es, aber schön – die Welt hat Gänsehaut, dem Himmel läuft die Nase, und wer zuerst wieder einschläft, hat gewonnen …

Kein Wunder, die Party geht dem Ende zu. Zehn Monate hat das Jahr jetzt durchgemacht, hat gespielt, gefeiert und auf allen Hochzeiten getanzt. Nun steht es abgeschminkt vor dem Spiegel und gönnt sich ein ernstes Gesicht, weil es schon Krämpfe hat vom vielen Lächeln. Möchte einfach nur seine Ruhe haben und wir verhinderten Winterschläfer dürfen ihm wenigstens eine Zeit lang dabei Gesellschaft leisten.

Bis wir endlich so weit sind, bei einem ausgiebigen Regenspaziergang das Gastgeschenk von Nr.11 anzunehmen, der uns sogar an seinen trübsten Tagen ausreichend Licht als Stimmungsaufheller spendiert. Wann immer wir das wollen, und ganz ohne Therapie. Das ist sogar statistisch erwiesen.

Sabine Kumm

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