Artenvielfalt und Naturkost

Artenvielfalt sichert unser Überleben

Zum eigenen Nutzen

Seit 1992 gibt es eine weltweite Konvention, 180 Staaten haben sie unterschrieben. Ihr Ziel: Die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten auf der Erde zu erhalten. Warum eigentlich? // Leo Frühschütz

Der Feldhamster ist ein mächtiges, starkes Tier. In Mannheim blockiert er den Bau eines Sportparkes, in Mainz steht er einem Gewerbegebiet im Weg und in Würzburg macht er einem Baumarkt Probleme. Wirtschaftsförderer, Politiker und Bauherren fürchten den possierlichen Nager. Denn wo er auftaucht, muss der Aufschwung warten.

Der Feldhamster gehört in Deutschland zu den stark gefährdeten Tierarten. Werden auf einem Acker bewohnte Hamsterbauten gefunden, darf das Gelände nicht einfach bebaut werden. „Hamster statt Arbeitsplätze“ lauten in solchen Fällen die Schlagzeilen. Die Bösen sind die Naturschützer, die den Lebensraum des Hamsters erhalten wollen. Angeblich um jeden Preis. Doch was ist Artenvielfalt wert? Wie viel sind wir bereit dafür zu zahlen, dass es in Deutschland weiterhin Feldhamster gibt? Und warum überhaupt? Schließlich leben in der zentralasiatischen Steppe noch genug Hamster. Und in der Tierhandlung gibt es auch welche.

Szenenwechsel: Am Institut für organische Chemie der Universität Würzburg erforscht Professor Gerhard Bringmann die Inhaltsstoffe tropischer Lianen aus den Regenwäldern Afrikas und Asiens. Dabei stieß er auf verschiedene Wirkstoffe, die in Zukunft womöglich als Mittel gegen Malaria und Aids eingesetzt werden können. Kein Einzelfall: Weltweit untersuchen Pharmafirmen derzeit Regenwaldpflanzen, die von den Ureinwohnern medizinisch genutzt werden, nach möglichen Wirkstoffen für neue Arzneimittel. Sie müssen sich beeilen. In den letzten 30 Jahren ist die Hälfte der tropischen Regenwälder zerstört worden. Jedes Jahr werden weitere 150.000 Quadratkilometer Urwald gerodet.

Viele Sorten – sichere Ernte

Ein weiteres Beispiel: Kartoffelanbau in den bolivianischen Anden. Der Bauer hat nicht nur eine, sondern verschiedene Kartoffelsorten gepflanzt, so wie es hier seit Jahrhunderten Tradition ist. Der Vorteil der für unsere Verhältnisse ungewöhnlichen und aufwändigen Praxis: Egal ob das Jahr kalt, nass oder heiß wird, einige Kartoffelpflanzen werden mit den Bedingungen zurechtkommen. Es wird also auf alle Fälle etwas zu ernten geben.

Doch was würden die Bauern tun, wenn es nur noch eine Kartoffelsorte gäbe? So abwegig ist die Frage nicht. Von den 14 Millionen Rindern in Deutschland und den 26 Millionen Schweinen gehört der größte Teil jeweils vier Rassen an. Auch bei den Kulturpflanzen bestimmen eine Hand voll Sorten den Markt. Zum Beispiel der Apfel: Hier bestreiten fünf Sorten die Hälfte des weltweiten Anbaus. Wer gerne Golden Delicious isst, dem mag das genügen. Doch mit jeder alten Apfelsorte wird auch die Vielfalt des Geschmacks geringer. Und es gehen wertvolle Eigenschaften für die Züchtung neuer Sorten verloren. Um dies zu verhindern, gibt es Gen-Banken, in denen die Samen alter Nutzpflanzen aufbewahrt werden. Doch es macht einen Unterschied, ob eine Pflanze als Samen in Schubladen aufbewahrt wird oder im natürlichen Umfeld wächst.

Jedes Ökosystem, ob Waldlichtung, Gemüsebeet oder Meeresboden, ist ein komplexes System an Beziehungen zwischen den einzelnen Arten. Wie Rädchen, die alle ineinander greifen und das System am Laufen halten. Fällt ein Rädchen aus, kann es im Getriebe lautstark knirschen. Wir Menschen durchschauen diese Zusammenhänge erst ansatzweise. Aber wir sind Teil dieser Ökosysteme. Unser Überleben hängt von ihrer Vielfalt und ihrem Funktionieren ab. So brauchen wir fruchtbare Böden, um Nahrungsmittel anzubauen. Für diese Böden sorgt wiederum eine Vielzahl an Lebewesen, vom Stickstoff sammelnden Bodenbakterium bis zum Regenwurm. Welche ökologische Rolle der Feldhamster im Ackerboden spielt, ist noch nicht klar. Doch wenn es keine mehr gibt, wie wollen wir es herausfinden?

40 Prozent sind gefährdet

Jahr für Jahr werden sie dicker – die Roten Listen. Jene Bücher, in denen die vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten aufgelistet sind. Beispiel Deutschland: Von 28.000 heimischen Pflanzenarten ist bisher knapp die Hälfte auf ihre Gefährdung hin untersucht worden. Davon stehen 40 Prozent auf der Roten Liste – Arnika (siehe Foto Mitte) und Frauenschuh ebenso wie fast alle Torfmoose. Bei den Tieren sind 6.400 von 15.000 untersuchten Arten (insgesamt sind es 45.000) gefährdet, zum Beispiel Apollofalter und Fischotter (Fotos links und rechts). Weltweit sterben täglich 40 bis 70 Tier- und Pflanzenarten aus.

Einige kommen immer durch

Ein Aktienprofi setzt nie alles auf eine Aktie. Er streut das Risiko. Die Natur macht es nicht anders. Auf jeder Wiese wachsen verschiedene Arten von Gräsern. Von jeder Art gibt es verschiedene Exemplare mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Diese Vielfalt ist eine Überlebensversicherung. Sie macht es einer Art möglich, sich an sich ändernde Bedingungen anzupassen. Wird es trockener, überleben die Exemplare, die am wenigsten Wasser brauchen, und geben diese Eigenschaft weiter. Das ist ein Lernen über Generationen hinweg. Vielfalt bedeutet, dass immer einige Exemplare durchkommen.

 

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