interview
Fasten bringt Power
Ihr Outfit ist legendär, ihre schrillen Sprüche haben manchem Interviewer die Sprache verschlagen. Aber Nina Hagen kann auch anders. Die Rocksängerin über Lichtblitze beim Thema Essen, ihre Begegnung mit Gott und Ella Fitzgerald. // Das Gespräch führte Martin Fütterer
? Du hast in deinem Leben eine Menge erreicht. Welche Rolle spielt dabei positives Denken?
! Es ist wahr: Wenn du in deinem Inneren ganz genau weißt, was du wirklich willst und es vor dir siehst – dann wird sich das materialisieren. Aber du musst hart daran arbeiten.
Blumen im Haar, Herz auf der Zunge: Nina Hagen sprach mit Schrot&Korn Redakteur Martin Fütterer über spirituelle Erlebnisse.
? Wie war das bei dir?
! Ich habe mir jahrelang vorgestellt, dass ich in Amerika arbeiten werde. Ich wusste ganz genau, welche Songs ich machen, mit welchen tollen Musikern ich arbeiten wollte. Das waren Ziele, die aus meinem tiefsten inneren Wesen kamen. Als ich drei Jahre alt war, lag ich mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Meine Mutter stand jeden Tag mit der Gitarre in der Tür und hat ein Lied nach dem anderen gesungen. Ich war total stolz auf sie und habe seit frühester Kindheit gedacht: Das will ich auch können, ganz viele Lieder singen und selber welche schreiben, damit sich andere freuen.
? Speist sich dieses positive Denken auch aus religiösen Erfahrungen?
! Meine schamanische Einweihung hat mit Gott und dem Tod zu tun. Aufgrund stundenlanger höllischer Schmerzen rief ich Gott um Hilfe. Denn diese Schmerzen waren so unsagbar groß, dass es kein Leben und kein Sterben gab. In dem Moment hörte ich Gottes Stimme, die mir sagte, dass er da ist, um mir zu helfen. Das war ein Riesen-Tohuwabohu, aber es gab keinen anderen Weg. Entweder ewige Schmerzen oder auf seinen Rat hören.
? Und dann?
! Ich legte mich flach auf mein Bett und sagte: Okay, lieber Gott, ich vertraue dir mein Schicksal an. Ich sah meinen Körper von oben liegen, in einer Krankenhaussituation. Aus diesem Körper hatte ich mich bereits entfernt, ich hatte ihn verlassen, da hörte ich Gottes Stimme wieder: „Mach’ die Augen auf“. Jetzt saß er mir gegenüber und guckte mich mit seiner unwahrscheinlichen Liebe an. Meine erste Frage war: Gehst du wieder weg, wie all die anderen, die mich bisher in meinem Leben verlassen haben? Seine Antwort: „Ich bin immer da, ich war immer da, ich werde immer da sein.“ Er erklärte mir, ich sei nicht richtig gestorben, müsse wieder zurück ins Leben, habe aber diesen Weg gehen müssen, um ihn zu finden. Ich sprach mit ihm noch die ganze Nacht.
? Was bedeuten solche spirituellen Erfahrungen für dein Verhältnis zu den Menschen?
! Ich weiß inzwischen, dass andere Menschen Hilfe brauchen, wenn sie einen verletzen oder rumschreien. Im Grund schreien nicht sie, sondern ihre Seele schreit. Da muss man genau hinhören und sich fragen: Was braucht der Mensch.
? Ist dein Verhältnis zum Essen ebenfalls durch einschneidende Erlebnisse geprägt?
! Eine entscheidende Erfahrung war das Fasten, dadurch hat sich meine Einstellung zum Essen total geändert. Als ich einmal fasten musste, weil ich sehr krank war, ging es sofort Berg hoch. Ich hatte plötzlich so eine Lebensenergie und so ein Sonnenscheingemüt, dass ich dachte, das ist der wahre Seins-Zustand. Zur Therapie gehörten das Trockenbürsten morgens, das Power-Walking und die frisch gepressten Säfte aus biologischem Gemüse. Die organische Qualität ist wichtig, denn ich will mir ja nicht schon wieder Gifte reinpfeifen, wenn ich gerade beim Entgiften bin. Also, da hatte ich plötzlich Lichtblitze, was Ernährung anbelangt. Nach zwei Wochen Fasten, in diesem gereinigten Zustand, stellte ich fest, wir machen etwas falsch. Wir essen viel zu viel und zu oft.
Boykott-Aktion zu Gunsten des Tierschutzes: Nina Hagen fordert deutsche Verbraucher auf, keine Produkte aus indischem Leder zu kaufen.
? Seit wann isst du kein Fleisch mehr?
! Seit 1983. Schon damals habe ich eine totale Veränderung gespürt. Ich war nicht mehr so müde und schlapp, auch nicht mehr übergewichtig. Das geschah damals auch aufgrund eines Blutzuckerkollapses. Ich war damals auf Tournee, hab’ viel gegessen, vor allem Schokolade, und viel Alkohol getrunken.
? Wie wichtig ist dir biologische Qualität?
! Ich sag’ zu allen Leuten: Boykottiert die nicht organische Nahrungsmittelindustrie und kauft nur organische Produkte. Denn je mehr ihr von Bio-Bauern oder -Herstellern kauft, umso mehr unterstützt ihr die Leute, die gesundes Essen herstellen.
? In deinem Buch steht, dass du am Anfang nicht viel Wert auf Kochen gelegt hast. Hat sich das inzwischen geändert?
! Ich koche eigentlich nicht so oft. Aber ich grille gerne Gemüse oder brate es mit Olivenöl etwas an. Zum Beispiel Sellerie oder Fenchel. Beides esse ich auch gern roh oder im Salat. Ansonsten Sprossen und Keime von verschiedenen Pflanzen, Dinkel, Alfalfa und Sonnenblumen. Als Kind war ich Wurstfan, heute kaufe ich vegetarische Würstchen. Oder andere Produkte, die mit Soja zu tun haben: Ich liebe Vanille-Soja-Milch.
? Du engagierst dich für Tierrechte und hast kürzlich eine Aktion in Indien gemacht.
! Ja. Die bereits existierenden Tierschutzgesetze werden zum Beispiel in Indien nicht eingehalten. Wir als Verbraucher können beim Schuhkauf fragen, ob dafür Leder von indischen Tieren verwendet wurde. In Indien werden Kühe, Ziegen und andere Tiere heimlich auf ganz schreckliche Weise in illegale Schlachthäuser gebracht. Die werden gezwungen, Hunderte von Kilometern durch den Dschungel zu laufen. Wenn sie schlapp machen, wird ihnen der Schwanz gebrochen oder man streut ihnen Pfeffer ins Auge, sodass sie vor lauter Schmerz weiterlaufen.
? Was bedeutet dir soziales Engagement?
! Das gehört für mich einfach dazu. Wir haben zum Beispiel ein gemeinnütziges Krankenhaus aus dem Boden gestampft, im Himalaya in Indien. Es gibt viele Sachen, die ich unterstütze oder für die ich selber Benefiz-Konzerte organisiere.
? Von der Politik zur Musik: Du hast gerade eine neue CD herausgebracht, die mehr mit Jazz als mit Rock zu tun hat.
! Es ist vor allem Musik aus dem schwarzen Amerika. Besonders Songs von Ella Fitzgerald. Die habe ich als Kind schon geliebt. Die Lieder haben mit Romantik, Liebe und Treue zu tun. Ich lebe seit fast zwei Jahren in einer total himmlischen Beziehung mit Lucas Alexander, der mein absoluter Lieblingssänger ist. Da mussten wir diese Platte unbedingt produzieren und haben gleich zwei unserer Lieblingsduette draufgepackt.
Punkrock und Ashram
Nina (Catharina) Hagen wurde am 11. März 1955 in Ostberlin als Tochter des Drehbuchautors Hans und der Schauspielerin Eva-Maria Hagen geboren. Ihre jüdischen Großeltern kamen im KZ Sachsenhausen ums Leben. Als Nina zwei Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Wolf Biermann wurde zu ihrem Ziehvater. Im Herbst 1978 gelang der Punkrockerin mit dem Debütalbum „Nina Hagen Band“ der Durchbruch. Das Thema „Indien“ nimmt in Ninas Leben großen Raum ein. Dort fand sie ihren Lehrer, machte einen Dokumentarfilm und suchte sich einen Yogi. Seit 1993 bereist sie das Land. Sie verbrachte viel Zeit in einem Ashram und unterstützt verschiedene Hilfsprojekte in Indien.
Infos und Tourdaten
Unter www.nina-hagen.com kann man in einige Songs der neuen Platte „BigBand Explosion“ hineinhören, Hinweise auf ihr Buch „Thats why the Lady is a Punk“ lesen und sich die Tourdaten anschauen. Auf www.lucasalexander.dk wird Ninas große Liebe vorgestellt.
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