Interview
Bio-Lebensmittel sind besser
I(s)t Bio besser? Darüber gibt es viele Studien, die Antworten fielen bislang recht unterschiedlich aus. Dr. Alberta Velimirov hat gemeinsam mit Dr. Werner Müller 175 internationale Untersuchungen ausgewertet. Ergebnis: Noch nie war das Plädoyer für Bio so eindeutig. //Das Interview führte Manfred Loosen
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Kann man sagen: Bio-Lebensmittel sind besser?
! Sie haben auf jeden Fall das Potenzial, besser zu sein. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Natürlich gibt es auch bei Biolebensmitteln Qualitätsunterschiede. Ich kann nicht für jeden Einzelfall garantieren. Es wäre jedenfalls wichtig, mehr Forschungsgelder in die Optimierung des biologischen Landbaus zu investieren.
? Es gibt sogar einen „Menschenversuch“. Was hat es damit auf sich?
! Zwei deutsche Kollegen, Huber und Fuchs, hatten den genialen Einfall, ein Kloster auf Lebensmittel aus biologisch-dynamischer Produktion umzustellen. Die Nonnen wurden vorher untersucht, dann wurde alles umgestellt, und nach sechs Wochen Bio-Essen wurden die Nonnen wieder untersucht und befragt. Die wichtigsten Ergebnisse sind wohl einerseits die deutliche Zunahme von „natürlichen Killerzellen“ (Zellen, die das Immunsystem unterstützen) im Blut der Testpersonen und andererseits die auffällige Abnahme von körperlichen Beschwerden.
? Sie haben herausgefunden, dass die Qualität von Muttermilch besser wird, wenn sich die Frau ökologisch ernährt. Inwiefern?
! Aus einer französischen Studie von Aubert (1987) weiß man schon lange, dass bei 80 Prozent Bio-Anteil in der Ernährung der stillenden Mütter die Rückstandsbelastung der Muttermilch signifikant abnimmt. Nun weiß man aber dank einer Untersuchung von Rist auch, dass positive Inhaltsstoffe in der Muttermilch, wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren, bei einem 50-prozentigen Anteil von Bio deutlich zunehmen. Diese Fettsäuren sind essenziell, sie haben krebshemmende, cholesterin- und blutdrucksenkende Wirkung und beugen der Arteriosklerose vor. Rist konnte keinen Zusammenhang zwischen der Menge der aufgenommenen Milch- und Milchprodukte in der Ernährung der Mütter oder der Menge des gegessenen Fleisches mit dem Gehalt an konjugierter Linolsäure (CLA) und Omega-3-Fettsäuren finden. Er hält es deshalb für wahrscheinlich, dass die Unterschiede auf die unterschiedliche Qualität der aufgenommenen Lebensmittel zurückzuführen sind.
? Wo liegen die Unterschiede zwischen konventionellem und biologischem Obst und Gemüse? Stichwort Vitamine.
! Allgemein gesagt beeinflusst eine bedarfsgerechte Ernährung des Bodens, wie sie etwa die Kompostdüngung im biologischen Landbau anbietet, die Balance aller Pflanzeninhaltsstoffe positiv. Es geht hier nicht darum, durch menschliche Eingriffe den Gehalt einzelner Stoffe auf Kosten der Ausgewogenheit zu steigern. Trotzdem: Der Vitamin C-Gehalt ist tatsächlich tendenziell in Bio-Produkten höher.
? Wie steht es mit den sekundären Pflanzenstoffen?
! Für die meisten dieser Stoffe hat man gesundheitsfördernde Wirkungen nachgewiesen – und zwar in der Dosis, in der sie im organischen Verbund, also im Lebensmittel, vorkommen. Viele dieser Stoffe sind ja in konzentrierter Form giftig, da sie von Pflanzen als Abwehrstoffe gegen Fraß, Schädlinge, Stress u.s.w. erzeugt werden. Hier könnten tatsächlich Vorteile im biologischen Landbau liegen. Zum einen, weil sich ohne die Anwendung von chemisch-synthetischen Bioziden die Pflanze selbst wehren und Abwehrstoffe bilden muss. Zum anderen, weil im biologischen Landbau häufig alte Sorten zum Einsatz kommen, die das genetische Rüstzeug zur Eigenabwehr in höherem Maße besitzen. In den wenigen bisherigen Untersuchungen konnten auch wirklich in Bio-Lebensmitteln höhere Gehalte an sekundären Pflanzenstoffen (z.B. Polyphenole) gefunden werden. Hier besteht allerdings noch ein deutlicher Forschungsbedarf.
? Haben Bio-Lebensmittel weniger Rückstände, etwa von Schwermetallen, Pestiziden, Nitrat?
! Selbstverständlich! Dieser Vorteil kann gar nicht genug betont werden, besonders angesichts der zunehmenden Zweifel an der Unbedenklichkeit von Rückständen und vor allem aufgrund der Summenwirkungen von mehreren Rückständen in einem Lebensmittel. Wenn sekundäre Pflanzenstoffe in minimaler Dosis positiv wirken, dann ist es naheliegend, dass minimale Spuren von Rückständen eine negative Wirkung haben.
? Warum sind Bio-Lebensmittel länger haltbar, länger frisch?
! Eine einfache Frage, aber eine komplexe Antwort. Die bessere Haltbarkeit kann nicht einfach auf einzelne Parameter zurückgeführt werden, sondern auf den physiologischen Gesamtzustand der Pflanze. Aber einige Parameter können hier als Indikatoren hervorgehoben werden: geringere Nitratgehalte, höhere Trockenmassegehalte, bessere Penetrometerwerte (zeigen Gewebefestigkeit an), eventuell sekundäre Abwehrstoffe wie oben erwähnt.
? Wie sieht es mit dem Geschmack aus?
! Der Geschmack ist bekanntlich eine subjektive Angelegenheit, stark geprägt von Ernährungsgewohnheiten in der Kindheit. Bei Verkostungen wird zunächst einmal überprüft, ob die Anbauweise überhaupt einen Einfluss auf den Geschmack hat und ob dieser von ungeschulten Konsumenten erkannt werden kann. Hier ist die Antwort ein eindeutiges „Ja“. Wir haben von sekundären Pflanzenstoffen schon gesprochen. Viele davon beeinflussen das Aroma. So kann man allgemein sagen, dass Bio-Lebensmittel intensiver und art-typisch schmecken. Für viele, besonders junge Menschen, ist das ungewohnt. Aber Äpfel und Karotten aus biologischem Landbau schmecken auch jungen Menschen nachweislich viel besser. Wir machen auch Futterwahlversuche mit Laborratten, die Lebensmittel aus optimalem Bioanbau signifikant bevorzugen. Die Tiere wählen allerdings nicht nach Geschmack, sondern wissen instinktiv, was ihrem physiologischen Bedarf entspricht.
? Welche Ergebnisse gibt es bei Getreide und Hülsenfrüchten?
! Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Eiweißqualität, also der Gehalt an essenziellen Aminosäuren, durch die biologische Anbauweise positiv beeinflusst wird.
? Und bei Tier-Erzeugnissen?
! Bio-Eier haben mehr Dotter, in Bio-Milch und Bio-Rindfleisch kommen höhere Gehalte an mehrfach ungesättigten Fettsäuren vor und Bio-Fleisch schmeckt besser. Außerdem sind artgerechte Haltung und Fütterung ein starker Vorteil; auch ethische Aspekte gehören zu einem modernen, um die Produktionsqualität erweiterten Qualitätsbegriff. n
Ausführliche Informationen
Die achtseitige Kurzfassung der Studie „Ist Bio wirklich besser?“ von Dr. Alberta Velimirov und Dr. Werner Müller kann man auf der Internet-Seite von Bio Ernte Austria (www.ernte.at) herunterladen und ausdrucken oder auch in gedruckter Form bestellen. Die gesamte Studie ist ebenfalls auf www.ernte.at zu finden, bisher aber nicht in gedruckter Form erschienen.
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