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Zu Besuch bei Naturata/Spielberger

Alte Mühlen, junge Chefs

Vor etwas mehr als einem Jahr haben sich zwei Traditionsunternehmen der Bio-Branche zusammengetan: Es entstand die NaturataSpielberger AG. Ihr Markenzeichen: Demeter-Qualität. // Manfred Loosen/Fotos: Claudia Wachter

Die Mühle ist alt. 1648 steht über dem Haupteingang. Wenn Volkmar Spielberger das Gebäude betritt, ist das immer auch ein Schritt in die Vergangenheit: Er wurde in dieser Mühle vor 38 Jahren geboren. Nachdem 1992 ein neues Produktionsgebäude gebaut wurde, hat heute in der alten Getreidemühle im baden-württembergischen Brackenheim die Verwaltung der NaturataSpielberger AG ihr Zuhause.

Nach einer fast dreijährigen intensiven Kooperation mit der Naturata eG hat die Spielberger KG mit dem Partner fusioniert. Durch den Zusammenschluss sei ein stabiles Unternehmen entstanden, in dem die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wurde, erklärt Volkmar Spielberger, einer von drei Vorstandsmitgliedern. Die anderen sind Andree Höping, 39 Jahre alt, zuständig für Beschaffung und Produktion, und Jürgen Sauer (47), der die kaufmännische Leitung hat. Sauer betont, dass der Zusammenschluss Vorteile bringt: „Wir können Synergie-Effekte nutzen, noch mehr Qualitätssicherung und noch mehr Produktentwicklung betreiben.“ Die Grundmaxime ist freilich dieselbe geblieben: „Wir wollen sinnvolle Produkte für Mensch und Erde herstellen.“

Die Rohstoffe dafür kommen zu großen Teilen aus der Nähe. Die regionale Demeter-Erzeugergemeinschaft besteht seit 14 Jahren, ein Drittel des Getreides wird im Radius von 100 Kilometern rund um Brackenheim angebaut. In anderen deutschen Regionen gibt es zwei weitere Erzeugergemeinschaften, die für die AG produzieren.

Ein Unternehmen, zwei Standorte

Die NaturataSpielberger AG ist an zwei Orten zu Hause: im 15.000 Einwohner großen Städtchen Brackenheim (40 Kilometer nördlich von Stuttgart) und in Grünsfeld, wenige Kilometer von Würzburg entfernt. In Brackenheim arbeiten 65 Menschen. Zwölf davon sind Auszubildende. Damit geht fast jeder fünfte Mitarbeiter der NaturataSpielberger AG in die „Lehre“. Nicht von ungefähr hat die zuständige Industrie- und Handelskammer die Bemühungen der Firma um eine qualifizierte Ausbildung für junge Menschen mit einer Auszeichnung gewürdigt.

In der neuen Mühle in Brackenheim verlaufen Hunderte von Rohren. Denn aus Getreide lassen sich viele Produkte herstellen. Je feiner das Mehl, desto häufiger muss es erneut mit Luft nach oben geblasen und dann noch einmal gemahlen und gesiebt werden. In Hochzeiten arbeiten die Müller im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr. Sie mahlen dann bis zu 30 Tonnen Getreide am Tag.

Der zweite Standort liegt etwa eine Autostunde nordöstlich: In Grünsfeld stehen das Logistikzentrum und die Ölmühle, wo Volkmar Spielbergers Vater Hans, der ehemalige Senior-Chef der Spielberger KG, technischer Leiter ist. Mit ihm arbeiten hier sieben Menschen. Hans Spielberger ist gelernter Müller, der bis in die 60er Jahre auch Landwirtschaft betrieben hat, sich dann aber ganz auf die Verarbeitung von Getreide spezialisierte.

Hans Spielberger ist früh in seinem Leben mit der Anthroposophie in Berührung gekommen. Er zählt zu den Gründern des „Vereins für Waldorfpädagogik Unterland e.V.“, der vier Waldorf-Kindergärten und eine Waldorf-Schule in Heilbronn initiierte.

Der anthroposophische Hintergrund bestimmt das Leben der ganzen Familie Spielberger. Logisch, dass Vater und Sohn die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise am Herzen liegt. Wenn es Demeter-Rohstoffe gibt, werden sie von NaturataSpielberger bevorzugt. In der Vergangenheit gab es zahlreiche Initiativen, auf Demeter-Anbau umzustellen, wenn es das eine oder andere Produkt noch nicht in dieser Qualität gab. So half das Unternehmen zum Beispiel Hartweizen-Bauern auf Sizilien bei ihrem Wunsch, biologisch-dynamisch zu produzieren.

Oder: Unterstützt von Naturata haben vor zwölf Jahren sechs Bauern auf Kreta begonnen, Bio-Oliven anzubauen. Heute sind es 156, Tendenz steigend. Und weil Demeter-Anbau viel mit Überzeugung, Wissen und Schulung zu tun hat – auch was das Gemeinschaftsleben betrifft –, ist es selbstverständlich, dass auf solchen Höfen faire Arbeitsbedingungen herrschen. Volkmar Spielberger: „Unsere Produkte tragen zwar kein Siegel des ‚gerechten Handels’, aber bei den Grundsätzen des brüderlichen Wirtschaftens haben wir uns verpflichtet, unsere Partner im Ausland fair zu behandeln.“

Neue Ideen, neue Produkte

Convenience-Produkte bekommen auch in der Bio-Szene einen immer größeren Stellenwert. „Wenn die Kunden verarbeitete Lebensmittel in hoher Bio-Qualität haben wollen, werden wir reagieren“, sagt Volkmar Spielberger. Die Palette in diesem Bereich werde mit Sicherheit erweitert in den kommenden Monaten. Neu gibt es etwa ein kaltlösliches Kakaogetränk, das ohne Lecithin hergestellt wurde: Schoko-Quick. „Immer wieder neue Produkte auf den Markt zu bringen, ist für ein innovatives Unternehmen lebenswichtig“, sagt Volkmar Spielberger. Deshalb sind zwei Mitarbeiterinnen nur für das Produktmanagement zuständig.

Ein besonderer Stolz des Unternehmens und ein Beispiel für Innovation ist die Schokolade, die von einem Schweizer Partner mit ganz besonderer Sorgfalt und hohem Aufwand hergestellt wird. Denn die Rohmasse wird 50 bis 70 Stunden lang „conchiert“, wie das Verrühren von Kakao und Zucker in der Fachsprache heißt. „Je länger die Conchierzeit, desto zarter der Schmelz“, erklärt Volkmar Spielberger. Trotz solch täglicher Verführung hat es der Vorständler im vergangenen Jahr geschafft, innerhalb von sechs Wochen 20 Kilo abzunehmen. So schlanke Müller hat die 350 Jahre alte Mühle nur selten gesehen.

Beachtliche Mengen,schonende Verabeitung

  • 30 Tonnen Mehl können in der Mühle in Brackenheim täglich produziert werden (alle drei Sekunden eine Kilo-Packung).
  • Auch in der Grünsfelder Ölmühle werden beachtliche Mengen verarbeitet: Jeden Tag zwei Tonnen Sesam und zehn Tonnen Sonnenblumenkerne.
  • Bis zum fertigen Öl vergehen bis zu sieben Tage. In dieser Zeit wird mehrfach gereinigt, gefiltert und zwischengelagert.

Firmengeschichte

  • 1930 Gründung der Spielberger-Mühle
  • 1968 Demeter-Vertragsmühle
  • 1979 Gründung der Naturata e.G.
  • 1990 Gründung der Grünsfelder-Ölmühle GmbH
  • 1992 Bau einer neuen Mühle und Abpackerei in Brackenheim
  • 1997 Beginn der Vertriebs-kooperation
  • 1999 Fertigstellung des neuen Logistikzentrums in Grünsfeld
  • 2002 Zusammenschluss durch Gründung der NaturataSpiel berger AG
  • 2003 Die AG übernimmt das operative Geschäft

Mehr als 360 Produkte

Die NaturataSpielberger AG hat ihre Produktpalette in zwölf Bereiche unterteilt. Das sind so unterschiedliche Dinge wie Getreide, Reis, Nudeln, Suppen, Tomaten-Produkte, Speiseöle, Essig, Schokoladen, heiße und kalte Getränke wie Getreidekaffees und Kakaogetränke. Im vergangenen Jahr sind noch 42 weitere Produkte dazugekommen, alle im Bereich Trockenfrüchte und Nüsse. Damit bietet NaturataSpielberger mehr als 360 verschiedene Waren an, allesamt aus kontrolliert biologischem Anbau, gut 200 sogar in Demeter-Qualität.

 

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