interview
Mein Kind soll kein‘ Scheiß essen?
Der Kölner Wolfgang Niedecken und seine Rock-Gruppe BAP verkünden seit fast 30 Jahren via Musik und Songtexten, was sie für wichtig und richtig halten,und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. // Guido Barth, Ralf Bürglin
- Mitschnitt (mp3)
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Was gibt‘s denn heute zu essen?
! Keine Ahnung. Hier steht jede Menge Obst.
? Hier liegen auch Chips ‘rum.
! Das ist so die normale Bestückung, wenn du auf Tour bist. Da hab ich aber noch nie was ‘von angerührt. Das steht immer da (prustet los – vielleicht weil er befürchtet, der Interviewer könnte ihm nicht glauben). Das steht auch noch, wenn wir gehen.
? Mal ehrlich, welche Rolle spielt Ernährung für dich?
! Bewusst ernährt habe ich mich ab der Geburt meines ersten Kindes. Ich wollte, dass er keinen Scheiß isst und gesund aufwächst. Diese Grundeinstellung hat sich dann mit den anderen drei Kindern einfach so fortgesetzt. Und wenn du anfängst darüber nachzudenken, dann auch mal was liest, wenn du weißt, welcher Dreck wo drin ist, dann kommt der Wunsch, was Gesundes aufzutischen, von ganz alleine.
? Dann bist du aber sehr liberal: Gönnst den Jungs von der Band die Chips, lebst selbst aber sehr konsequent!?
! Ich bin nicht orthodox. Aber in ‘nen McDonalds kriegst du mich nicht rein. Und ich kann labbriges Weißbrot nicht ab und schüttle den Kopf, wenn ich in manchen Kühlschrank bei der Verwandtschaft sehe: Was da so drin steht! Es ist wirklich unfassbar. Ich weiß auch nicht, wie es kommt, dass da so wenig Bewusstsein da ist. Es wird zwar mehr, aber es ist doch erschreckend.
? Also wenn ich jetzt zu den Niedeckens käme und den Kühlschrank öffnen würde: Da wär‘ dann nur „Bio“ drin?
! Wie gesagt, ich bin nicht orthodox. Wir achten auf gesunde Ernährung, aber wir gehen jetzt nicht nur in den Bio-Laden. Wir kaufen vielleicht fifty-fifty. Aber: Du findest bei uns keinen weißen Zucker. Bei uns wird nichts mit Weißmehl gemacht. Und du kriegst immer viel Obst bei uns.
? Du bist Vegetarier?
! Aber keiner von den kapriziösen, die irgendwo reinkommen und dann wird alles sehr kompliziert. Und ich geh nicht los und missioniere.
? Hast du schon immer auf Fleisch verzichtet?
! Ich hab´ mich von Kind an immer leicht davor geekelt, war aber zu Ausnahmen bereit.
? Und wann kam dann die konsequente Ablehnung?
! Mit dem BSE-Skandal. Diese Bilder von Massenkeulungen, auf denen man sah, wie die Rindviecher mit Baggern in Container-Trucks geworfen wurden; überhaupt diese Massentierhaltungen und furchtbaren Tiertransporte: So geht man nicht mit Kreaturen um.
? Aber du erkennst an, dass der Mensch grundsätzlich ein Fleisch fressendes Säugetier ist?!
! Wenn das Fleisch von einem glücklichen Tier stammt, dann ist es für mich o.k. Dann kann der, der‘s gern will, ja in den Bio-Laden gehen.
? Von „Bio“ zu BAP. Eure Band gibt es seit 1976. Die 14-jährige Tochter eines Bekannten fragte mich neulich in Erwartung, BAP sei ein Ami-Rapper: „Bi Ëi Pi, wer ist denn das eigentlich?“ Für wen macht BAP Musik?
! Wir machen das für keine spezielle Zielgruppe. Wir machen unser Zeug. Und wen das interessiert, der kann uns haben.
? Wie ist BAP entstanden?
! BAP ist ‘ne Band, die hat sich einfach ergeben. Ich hätte niemals geglaubt, dass das nun fast 30 Jahre dauern würde. Ich hab gedacht: „Irgendwie wird sich das ja ad acta legen.“ Aber es ging immer weiter – wunderbar.
? Wie habt ihr eure Themen gefunden?
! BAP ist nicht als ‘ne Band gegründet worden, bei der zunächst mal die Idee da war: „Wir schreiben jetzt politische Songs und dann gehen wir an die Öffentlichkeit.“ Sondern: Wir sind ja in diese ganzen Bewegungen Ende der 70er Jahre – egal ob Friedens-, Anti-AKW- oder Hausbesetzer-Bewegung – ‘reingekommen. Und die Veranstalter brauchten halt immer ‘ne Band.
? In den Texten von BAP geht‘s auch heute um Schicksale, Gesellschaft, Politik. Warum erzählst du uns deine Geschichten in kölschem Dialekt?
! Aus dem ganz einfachen Grund: Wir haben das nicht gemacht, um damit aufzutreten. Wir haben das gemacht, um uns einmal in der Woche zu treffen, um ein bisschen Spaß zu haben. Und erst später haben wir uns überlegt, aufzutreten. Und dann war das Kölsch kein Hinderungsgrund: Im Proberaum verstanden sie alle Kölsch. In den ersten Jahren sind wir ja aus Köln nicht ‘rausgekommen.
? ... aber dann wurden die Kreise größer.
! Auch dann war das nie ein Hinderungsgrund. Und es ist natürlich auch gut, dass wir dabei geblieben sind. Ich hab da auch immer hart dafür gekämpft. Wenn es zum Beispiel hieß: „Wenn wir das jetzt auf Hochdeutsch machen, könnten wir erfolgreicher sein. Oder vielleicht machen wir es am besten auf Englisch, dann können wir international spielen.“ Dann hab‘ ich immer ‘gegen gehalten, weil du dich sonst einfach austauschbar machst. Dann hast du McDonalds-Texte. Das muss nicht sein.
? Im ersten Song der aktuellen CD „Sonx“ lautet die Einstiegsfrage: „Wodrann soll mer jläuve?“ Gute Frage! Woran sollen wir also glauben?
! Man ist schon oft niedergeschlagen und denkt: „Irgendwie ist kein Silberstreif zu sehen, irgendwie ist alles ganz furchtbar.“ Und dann passiert doch wieder etwas, wo du denkst: „Ach komm, so ganz schlimm ist es ja nicht.“ Man lebt halt ständig in diesen Auf und Abs. Und das ist auch in Ordnung. Das hält auf jeden Fall die Spannung.
? Entstehen so auch Texte?
! Das ist eine sehr intensive Zeit für Texte. Das ist das Positive dran. Texte schreiben ist ja so was, wie sich zu sich selbst auf die Couch legen. Und ganz scharf nachdenken, rauslassen, formulieren.
? Weiter heißt es bei „Sonx“: „Wann immer du nit wiggerweiss, womöchlisch ahn nem Abgrund stehs, dich dä Moot verlööß, versprech mir, dat du mich rööfs“. Ist es heutzutage wirklich realistisch, auf Freunde zu bauen, die immer für einen da sind?
! Zugegeben, es ist schon schwierig. Eigentlich kannst du schon froh sein, wenn du wenigstens einen von der Sorte hast, bei dem du zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, dem du komplett vertrauen kannst.
Steckbrief Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken wurde 1951 in Köln geboren und besuchte ein katholisches Internat. Er studierte Freie Malerei an der FHBK-Köln und gründete 1976 die Gruppe BAP, die sich zu einer der erfolgreichsten deutschen Bands der Rockgeschichte entwickelte. Zu Niedeckens Familienstand heißt es auf den Internetseiten von BAP (www.bap.de): „verheiratet, vier Pänz“ (Red.: Kölsch für „Kinder“). 1998 wurde Niedecken das Bundesverdienstkreuz verliehen, seit 2004 ist er Botschafter der Aktion „Gemeinsam für Afrika“.
Wolfgangs sexy Stimme
Er spricht Kölsch, er nuschelt, seine Sprache ist mitunter vulgär.Trotzdem: In der Redaktion von Schrot&Korn sind sich die Mitarbeiterinnen einig: „Was der Wolfgang Niedecken für eine sexy Stimme hat!“ Überzeugen Sie sich selbst und hören was er seiner Tochter antwortete als sie fragte: „Papa, gibt es wirklich Soldaten?“
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