editorial
Nehmen und Geben
Das größte Lebewesen der Welt ist ein Hallimasch-Pilz im Malheur-National-Forest von Oregon. Er nimmt eine Fläche von 1200 Fußballfeldern ein und wiegt 500 Tonnen. Die Hauptmasse des Riesenpilzes ist das unterirdische Myzelgeflecht. Das zeigt: Wir neigen dazu, das unterirdische Leben zu unterschätzen! Allein die Würmer unter einer Wiese wiegen mehr als die Rinderherde, die darauf grast.
Weil
das Leben im Boden so intensiv ineinander verwoben ist, kann
man sich dieses Ökosystem als einzigen, großen
Organismus vorstellen, der die Oberfläche eines Kontinentes
wenige Zentimeter bis dreißig Meter dick bedeckt. Pflanzen,
Tiere und Menschen leben darauf - und leben davon.
Vom Riesenorganismus „Mutterboden“ sind wir vollkommen abhängig. Asphalt, Beton, Kunststoff und Metalle mögen für uns nützlich sein - Nahrung bringt allein der Mutterboden hervor. Diesem muten wir einiges zu: Umweltgifte, Pestizide und die Gülle der Massentierhaltung töten das Bodenleben; Kunstdünger und Monokultur lassen es verkümmern. Ist der Mutterboden erst einmal geschwächt, tragen ihn Wind und Wasser davon.
Im Bio-Anbau ist man sich unserer Abhängigkeit vom Mutterboden bewusst. Deshalb hegen und pflegen Bio-Landwirte den Mutterboden und sorgen dafür, dass er sich vermehrt. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen konventionellem und biologischem Anbau. Das wichtigste Bio-Nutzvieh sind nicht die Kühe im Stall, sondern die Würmer und Mikrolebewesen im Boden. Dass der Bio-Bauer am Ende von einem, vitalen Boden gesündere und widerstandsfähigere Pflanzen erntet, ist fast ein Nebenprodukt seiner Tätigkeit.
Längst weiß man, dass das Leben nicht funktioniert, indem einfach die „Stärkeren“ die „Schwächeren“ fressen oder benutzen. Auch das Bibelwort „Macht euch die Erde untertan“ geht völlig an der Tatsache vorbei, dass Leben zumindest auch Kooperation und Symbiose ist und Konkurrenz am Ende scheitert, wenn sie nicht das umgebende System stärkt und zu seinem Gesamterfolg beiträgt. Erfolgreicher als Parasiten sind Symbionten, die ihren Wirt nicht umbringen, sondern stärken. Der Mensch beherbergt im Darm rund 400 Bakterienarten, die seine Gesundheit erhalten und stärken. Davon können - davon müssen - wir Menschen noch eine Menge lernen: Nicht nur von der Natur zu nehmen, sondern unseren Beitrag zu leisten, dass sie mit uns vitaler ist als ohne uns.
Dieses Thema geht im Alltag oftunter, deshalb haben wir ihm unser Spezial gewidmet. In diesem Sinne ein schönes Jahr 2005!
Martin Fütterer
29.000 haben mitgemacht!
Wir sind überwältigt: Letztes Jahr haben rund 18.000 Leserinnen und Leser ihre Stimmen für die Wahl zu den besten Naturkostläden abgegeben! Dieses Jahr sind es über 50 % mehr - nämlich 29.000. Mehr dazu in der März-Ausgabe von Schrot&Korn.
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