Interview
"Wir haben alle zu viel Geld!"
Er berät Angela Merkel genauso wie den Präsidenten von Taiwan. Der bekennende Konservative Alt ist ein Franz-Dampf der Energieszene und analysiert, woran unsere Gesellschaft krankt. // Martin Fütterer, Ralf Bürglin
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Herr Alt, Sie sind sozusagen professioneller Weltverbesserer
und ständig dran am Puls der Zeit. Wie ist die Lage?
! Mich erinnert die Stimmung derzeit an jene in der alten DDR, als es zu Ende ging. Es ist Endzeitstimmung. Auch damals wussten alle: So kann‘s nicht weitergehen.
? Was ist unser Problem?
! Das ist die typische Wohlstandsgeschichte: Weil‘s uns so gut geht, geht‘s uns so schlecht. Schauen Sie auf die Bäuche der Menschen. Die sind alle prall. Hungern muss bei uns doch keiner. Kein Wunder, die McDonaldisierung und CocaColaisierung schreiten ja ständig voran. Das Problem ist tatsächlich, wir haben das Geld, um uns diesen teuren krank machenden Schrott zu kaufen. Solange wir weniger Geld hatten, ging es uns gesundheitlich besser.
? Aber was hat das mit unserem maroden Staat zu tun?
! Bedenken Sie doch, was unsere Lebensweise für Kosten verursacht - und das nicht nur im Gesundheitswesen. Zum Beispiel produzieren wir auf deutschen Straßen alljährlich 514000 Verletzte. Was kostet das eine Volkswirtschaft? Aber das wird alles ausgeklammert! Oder die Transportpreise: Da muss endlich die ökologische und ökonomische Wahrheit mitberücksichtigt werden.
„Teilzeit-Heiliger“, der über sich selbst lachen kann: Franz Alt klärt seit Jahrzehnten auf, insbesondere zur Nutzung von Sonnenenergie.
? Und das schafft Arbeitsplätze?
! Wenn man sich ernsthaft an eine Wende machte - bei der Energie, beim Verkehr, in der Agrarwirtschaft würden Millionen neuer Arbeitsplätze entstehen. Es gibt Berechnungen der Europäischen Kommission, die veranschlagen: Wenn wir innerhalb der nächsten 50 Jahre 40 Prozent der Energie aus der Sonne bekommen und 30 Prozent aus Biomasse, dann entstehen allein dadurch europaweit fünf Millionen neue Arbeitsplätze - davon 1,1 Millionen in Deutschland.
? Auch im Agrar-Sektor?
! Wenn wir in den nächsten 30 Jahren auf Bio-Landwirtschaft und Biomasse-Produktion zur Energiegewinnung umstellten, dann wären das laut EU zwei Millionen Arbeitsplätze in Europa, davon 400000 in Deutschland.
? Sie werfen aber der Politik vor, sie sei „Gegenwarts-versessen“ und „Zukunfts-vergessen“ ...
! Es gibt zurzeit in Deutschland 1500 Institute, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, aber nur sieben, die die Zukunft im Fokus haben. Wir sind zu sehr rückwärts-, allenfalls gegenwartsorientiert. Was in diesem Land besonders fehlt sind Visionen.
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Wer sollte die noch haben?
! Arni Schwarzenegger. Der leistet sich als Republikaner in Kalifornien größere Visionen und Ziele als Rot-Grün in Deutschland: Er sagt, Kalifornien wird das erste Land der Welt sein, das bis 2010 komplett von Nord nach Süd mit Wasserstoff-Tankstellen ausgestattet ist. Bei uns hat es noch kein Politiker wirklich geschafft, Autobauer und Energie-Fuzzis zusammenzubringen. Ja, den Arni find ich gut (strahlt). Der ist ein grüner Terminator!
? Sehen Sie in der Krise möglicherweise auch eine Chance?
! Die Krise ist die Chance. Die wirkliche Veränderung geht nur über Krisen und Katastrophen. Wenn alles glatt läuft, verändert man nichts.
? Wann kommt die Wende?
! Von einer richtigen Wende sind wir noch weit entfernt. Im Umdenken sind wir allerdings schon ganz gut; aber beim Umsetzen dauert es bestimmt noch zehn, zwanzig Jahre.
? Das ist aber bedenklich lange ...
! Alles hat seine Zeit. Schauen Sie, vor zehn Jahren habe ich das Buch geschrieben „Schilfgras statt Atom“. Da haben alle gelacht. Wenn ich auf der Kreisbauernversammlung sagte: Ihr seid die Ölscheichs von morgen, da haben sie gesagt, der Alt spinnt. Und jetzt bin ich eingeladen worden, die Grüne Woche mit diesem Thema zu eröffnen. Plötzlich ist es ein großes Thema für die Bauern, Biomasse für die Stromgewinnung zu produzieren: Landwirte werden so zu Energiewirten.
? Eine Frage an den „Teilzeitheiligen“ Alt: Wie setzen Sie selbst Ihre Vorsätze um? Ist es gerechtfertigt, den Flieger zu nehmen, wenn Sie bei einem Vortrag „nur“ zwanzig Menschen erreichen?
! Eine gute Frage. Ich steh‘ jeden Tag vor diesem Problem. Ich musste gestern von Graz hierher und hab dabei sicher viel Energie verbraucht. Das war nicht so heilig.
? So, so ...
! Ich sage: Wenn ihr mir nicht sagen könnt, dass da mindestens hundert Leute auf die Veranstaltung kommen, fahr‘ ich nicht von Baden-Baden nach Hamburg. Auf der anderen Seite, wenn mich nun der Präsident von Taiwan einlädt, ihn in Energiefragen zu unterstützen, dann bin ich jetzt eben drei Mal hintereinander nach Taiwan gejettet. Ich hoffe auf den Multiplikatoreffekt. Entscheiden, ob etwas energetisch Sinn macht, muss jeder jeden Tag aufs Neue. Wichtig ist es eben, dass man sich die Sache durch den Kopf gehen lässt.
? Und wie überzeugen Sie andere?
! Nicht mit Dogmatismus. So lange wir das machen, überzeugen wir niemanden. Wenn den Ökos vor lauter Eifer das Müsli aus den Ohren ‘rausläuft, dann wird das nichts. Es ist eine Ursünde, zu meinen, anderen was vorschreiben zu müssen. Ich will mir auch weder von meiner Frau noch von unseren Kindern etwas vorschreiben lassen müssen, sowie ich gelernt habe, denen nichts vorzuschreiben. Das verstößt gegen alle Prinzipien von Humanität. Solange wir das machen, haben wir von den großen Vorbildern wie Buddha, Jesus oder Laotse nichts gelernt. Bei denen war das immer auf Freiheit angelegt.
? Wie teilen Sie sich dann mit, wenn‘s Ihnen stinkt?
! Schauen Sie, ich habe gegen meinen ehemaligen Arbeitgeber acht Arbeitsgerichtsprozesse geführt. (Haut mit der Faust auf den Tisch.) Ja, und das hat mir Spaß gemacht. Nicht sich geifernd ereifern, sondern mit Lust und Spaß müssen wir versuchen, Dinge zu bewegen.
? Wer schafft das?
! Nehmen Sie den Dalai Lama. Der kann vor allem auch über sich selbst lachen. Es wird zu wenig gelacht in der Umweltbewegung. Die Umweltbewegung muss lernen: Lachen ist umweltfreundlich, Lust ist Zukunft. Das steckt an.
Franz Alt ist ein großer Befürworter der Solartechnik. Zahlreiche Auszeichnungen weisen ihn als Experten für „Solarenergie“ und andere Umweltthemen aus. Auf seiner Homepage verschafft er eine Übersicht über viele wichtige Informationen.
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