spezial: Frühlingsfit mit Genuss
Fastenwandern
Leicht und fröhlich in den Frühling
Nichts essen und dann auch noch wandern? Klingt nicht so, als würde das Spaß machen. Doch Fastenwandern kann sogar richtig begeistern. // Leo Frühschütz
„Ich fühle mich unbeschreiblich leicht. Das Vogelgezwitscher, die Blumen, alles nehme ich viel wacher und intensiver wahr. Man ist da ganz tief bei sich.“ Drei Tage ohne Essen und mit viel Bewegung haben Ute Olk in diesen Zustand versetzt. Qi Gong am Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen den See kitzeln. Kräutertee zum Frühstück. Wandern über Wiesen mit gelben Frühlingsblumen. „Kein Gewaltmarsch, sondern ein besinnliches Gehen.“ Die eigene Bewegung spüren, den gleichmäßigen Atem, das erwachende Frühjahr ringsum. „Das ist ein Hochgefühl, ich könnte stundenlang so wandern.“ Für Ute Olk ist die Fastenwanderwoche im Frühjahr erholsamer als ein normaler Urlaub. „Ich habe viel Zeit, um zur Ruhe und zu mir selbst zu kommen. Nach den acht Tagen beim Fastenwandern bin ich voller Schwung und neuer Energie, aber trotzdem gelassen, mit mehr Abstand zum Alltag.“ Der ist oft ziemlich stressig für die Bäckermeisterin, die eine große Bioland-Bäckerei im Saarland mit 35 Mitarbeitern führt.
Über das Brot ist sie auch zum Fasten gekommen, erzählt Ute Olk. Vor zwanzig Jahren ließ sie sich bei Dr. Max Bruker, einem der Pioniere der Vollwerternährung, zur Gesundheitsberaterin ausbilden. Zuerst war die Bäckerin nur am Thema Vollkorn interessiert. „Dann habe ich gemerkt, da steckt mehr dahinter als nur gesunde Ernährung. Das hat mich dann auf das Fasten gebracht.“ Den letzten Anstoß gab eine Kundin, die ihr von ihren Fastenerfahrungen berichtete. „So ein Blödsinn, habe ich zuerst gedacht, dann aber doch mein erstes Fastenseminar belegt. Das war eine sehr tiefe Erfahrung.“
Wider dem Alltagsstress
Seitdem versucht Ute Olk jedes Jahr eine Woche für ein solches Seminar freizuschlagen. Das gelingt ihr nicht immer. Dann fastet sie während der Arbeit. Doch das ist nicht das Gleiche. „Du steckst im Alltagsstress. Da wird der Kopf nicht frei.“
Der Bruch mit dem Alltag, der Rückzug in ein Seminarhaus, eine schöne Umgebung, das gehört für Ute Olk zu einer richtigen Fastenwoche. Dazu das Wandern, die Bewegung, den Körper spüren. Wichtig ist ihr auch die Gruppe von Gleichgesinnten, die man dabei trifft. „Am Abend der Anreise essen wir gemeinsam die letzte leichte Mahlzeit, meistens ist das ein Rohkostteller. Dann stimmen wir uns auf die kommende Woche ohne Essen ein.“ Die Gespräche mit erfahrenen Fastenden nehmen Anfängern die Bedenken, die sie vielleicht noch haben. Klar, dass sich die Teilnehmerinnen - Männer sind selten dabei - auch gegenseitig den Rücken stärken, wenn der Essensverzicht einmal schwer fällt. Begleitet werden solche Fastenwochen von erfahrenen Leitern.
Es gibt Angebote zum Fastenwandern, bei denen das Wandern im Mittelpunkt steht. Bergtouren von Hütte zu Hütte, lange Tagesmärsche, die vor allem den Körper herausfordern. Das wäre nichts für Ute Olk. „Wir wandern halbtags. Da bleibt viel Zeit zum Lesen, Nachdenken oder Meditieren.“ Von anfangs zwei Stunden steigert sich das Wanderpensum nach vier bis fünf Tagen auf bis zu sechs Stunden, inklusive Pause. Wem das Programm zu stramm ist, der darf sich zwischendurch jederzeit zurückziehen. Denn es geht nicht um die körperliche Leistung, sondern um Erholung für Körper, Geist und Seele. Für den Körper ist jede Fastenkur wie ein Frühjahrsputz. Das Wandern steigert die Putzleistung enorm, weil es den Stoffwechsel ankurbelt und der Körper nicht komplett auf Sparflamme schalten kann. Beim Großreinemachen fängt man mit dem Darm an. Ein Glas Glaubersalz-Lösung oder ein Einlauf schwemmen den Körper aus.
Reinigung stärkt den Körper
Eine Woche lang gibt es jetzt nur noch viel Flüssigkeit in Form von Tee, Gemüsebrühe oder Fruchtsäften. Seine Energie holt sich der Körper, indem er Fettspeicher leert und nicht benötigtes Eiweiß abbaut. Durch die körperliche Anstrengung steigt der Fettabbau und damit die entschlackende Wirkung des Fastens. Dabei werden jede Menge Abfallstoffe ausgeschieden. Deshalb muss der Darm - obwohl er keine Nahrung zu verdauen bekommt - alle zwei Tage mittels Glaubersalz oder Einlauf entleert werden. Durch die Reinigung des Körpers stärkt Fasten das Immunsystem, aktiviert die Selbstheilungskräfte und bringt Körperfunktionen wie den Blutdruck wieder ins Gleichgewicht.
„Die ersten zwei Tage sind die schwierigsten“, sagt Ute Olk. Da ist noch die Lust auf das Essen da und bei manchen macht sich die Umstellung im Körper mit Kopfschmerzen oder leichten Schwindelgefühlen bemerkbar. Gegen die körperlichen Beschwerden hilft fast immer ein Löffel Honig im Tee. Nach etwa drei Tagen kommen die Fastenden in eine richtige Hochstimmung. Verantwortlich dafür sind Endorphine, Glückshormone, die der Körper jetzt verstärkt ausschüttet. Das Bedürfnis zu essen schwindet vollständig. „Da sitzen wir nach dem Abendtee zusammen, albern herum, lachen viel und tauschen Koch-
rezepte aus.“ Ute Olk könnte jetzt ohne Probleme noch eine Woche aufs Essen verzichten. „Die Vernunft sagt mir, dass es Zeit ist, aufzuhören. Aber es tut mir jedes Mal Leid, das Fasten brechen zu müssen.“ Fastenbrechen, das ist der magische Augenblick, wenn es am Ende der Fastenwoche wieder etwas zu essen gibt. Meist ist es ein Apfel, „und du hast eine halbe Stunde Zeit, ihn ganz bewusst zu essen, zu genießen. Der Geschmack ist ganz anders, viel intensiver“. Ehrfurcht vor dem Essen, auch das ist etwas, was man mitnimmt nach einer Fastenwoche.
Ferien für die Verdauung
Noch wichtiger aber ist die sich einstellende innere Ruhe und Gelassenheit. In allen Religionen spielt das Fasten eine wichtige Rolle: als Zeit der Besinnung, zur Einstimmung auf wichtige Feiern, als ein Weg zu tiefen inneren Einsichten. Vielleicht liegt das daran, dass die Verdauung ein Drittel unseres Energiehaushalts in Anspruch nimmt. Hat sie Ferien, lässt sich diese Energie freisetzen.
Gleichzeitig löst sich mit dem Verzicht auf das tägliche Essen eine wichtige Bindung an die materielle Welt. Fast automatisch richtet sich die Energie nach innen. Der Religionsphilosoph Romano Guardini hat das so beschrieben: „Der Geist wird freier. Die Grenzen der Wirklichkeit kommen in Bewegung; der Raum des Möglichen wird weiter …“
Fasten als Medizin
Schon Hippokrates, der bekannteste Arzt der Antike, schätzte das Fasten. Er sagte: „Die wirkungsvollste Art, euren inneren Arzt wirken zu lassen, besteht im Weglassen aller Nahrung.“ Die moderne Naturheilkunde empfiehlt Fasten nicht nur als Vorbeugung für gesunde Menschen. In Form des Heilfastens wird der Nahrungs-verzicht auch als Therapie eingesetzt, zum Beispiel bei Diabetes, Übergewicht oder rheumatischen Entzündungen.
Vom Protest zur Kur
In Deutschland hat der Lehrer Christoph Michl aus Horneburg bei Hamburg das Fastenwandern bekannt gemacht. Er protestierte mit Fasten-Märschen gegen Autobahnbau, Chemie- Industrie und die Ausbeutung der Dritten Welt. In der Fastenzeit 1984 trat er im Fernseh-Gesundheitsmagazin „Die Sprechstunde“ auf. Im gleichen Jahr führte er die erste Fastenwandergruppe durch den Schwarzwald. Heute gibt es etwa zweihundert Anbieter von Fastenwanderungen.
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