Interview

"Dicke Kinder haben‘s schwer"

Renate Künast initiiert das große Abnehmen. Zwei bis drei Generationen soll es dauern, bis die Deutschen abgespeckt haben. Das Verbieten von Produkten ist für die Ministerin allerdings kein Weg. // Martin Fütterer, Fotos: Anja Weber

? Frau Ministerin: Die Deutschen werden immer fetter. Warum?

! In den letzten 50 Jahren hat sich unsere Lebensweise grundlegend geändert. Durch immer weitergehende Verarbeitung hat die Kaloriendichte unserer Nahrung stark zugenommen. Durch die Automatisierung und Mechanisierung der Arbeit, die Motorisierung unserer Mobilität und einen hohen Medienkonsum hat unser Kalorienverbrauch stark abgenommen. Wenn man mehr Kalorien zu sich nimmt als verbrennt, wird man dick. Ein einfaches Naturgesetz.

? Weniger Kalorien essen und mehr bewegen, das ist alles?

! Im Prinzip ja.


Am meisten sind unsere Kinder betroffen, meint Renate Künast gegenüber Schrot&Korn-Redakteur Martin Fütterer.

? Wo ist dann das Problem?

! Es ist längst nicht mehr ein Problem des individuellen Verhaltens. Jeder Einzelne steht unter einem immensen Druck in Richtung Konsum und Bewegungsarmut. Wer sich anders verhalten will, muss viele Wissenslücken schließen und Widerstände überwinden.

Am meisten trifft das unsere Kinder. Was ihre Eltern noch über gesunde Ernährung wissen, lernen die Kinder oft nicht mehr. In der Schule und im Kindergarten wird das Wissen auch nicht vermittelt. Schule, Wohn- und Verkehrssituation laden nicht mehr zu Bewegung ein, erschweren sie sogar.

Regelmäßige, frisch zubereitete, gemeinsame Mahlzeiten werden seltener, die permanente Convenience-Zwischenmahlzeit aus der Hand wird die Regel. Nach der Schule sitzen die Kinder oft stundenlang vor Fernseher und PC - und konsumieren dabei Snacks und Süßigkeiten. Währenddessen werden sie mit Werbung konfrontiert, die ihnen ein völlig falsches Ernährungsmodell vermittelt.

Wer einmal übergewichtig ist, kommt nur schwer wieder davon runter. Er wird sozial ausgegrenzt und handelt sich chronische Krankheiten ein. Die beruflichen Chancen sinken und die Folgekosten für die Gesellschaft steigen ins Unermessliche. Dicke Kinder haben eine schwere Zukunft. Das dürfen wir ihnen nicht zumuten, und wir können es uns schlicht nicht leisten.

? Wann kommt das Werbeverbot für die „Milchschnitte“?

! Produkte, die auf dem Markt sind und international zugelassene Inhaltsstoffe enthalten, für die kann man nicht einfach die Werbung verbieten.

? Kann man zumindest bei den Werbeaussagen Einschränkungen machen?

! Da sind wir mit der anstehenden Regelung der „Health Claims“ (Gesundheitsaussagen in der Werbung) in Europa schon auf dem richtigen Weg: Wirkungsversprechen müssen nachgewiesen sein und ein Produkt soll sich nicht gesund nennen dürfen, wenn die Gesundheitswirkung nur auf einem minimalen Zusatzstoff beruht. Das betrifft zum Beispiel Vitamin- oder Mineralstoffzugaben zu Süßigkeiten. Im nationalen Recht gibt es außerdem das Täuschungsverbot.

? Mit der „Initiative Ernährung und Bewegung“ versuchen Sie die Industrie einzubinden. Was ist da bisher Verbindliches beschlossen worden?

! Wir haben es überhaupt mal geschafft, - europaweit einzigartig - dass wir all diese Akteure an einen Tisch bekommen haben! Diese Plattform ist kein Zauberstab, mit dem jetzt die ganze Welt verändert werden kann. Das anzunehmen wäre naiv. Aber dass die Plattform dazu beiträgt, einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess in Gang zu setzen, ist ein großes Plus.

? Die Industrie hat für ihre Beteiligung die Bedingung gestellt, dass es bei freiwilliger Selbstverpflichtung bleibt. Hingegen wurde doch bei der Ausbildungsplatzabgabe oder dem Dosenpfand Druck auf die Wirtschaft ausgeübt.

! Klingt gut, aber stellen Sie sich jetzt mal vor, ich geh raus und mach Druck. Und dann? Dann haben wir eine Debatte um Instrumente wie Steuern, Verbote und so weiter und am Lebensstil und an der Lebenswirklichkeit der Kinder ändert sich nichts.

? Das hört sich so an, als hätten Sie keine Chance.

! Das hört sich so an, als hätten wir hier ein kleines Missverständnis! Wir reden gerade über zugelassene Produkte - blättern wir einmal in dieser aktuellen Schrot&Korn nach, wie viel Werbeanzeigen für Süßigkeiten da drin sind ... Das kann und will ich nicht verbieten.

? Sie müssen doch Ziele haben, wenn Sie die Wirtschaft an den Tisch bitten. Was wollen Sie denn von denen?

! Das Verbieten von Produkten und der Werbung ist nicht das Ziel der Plattform. Man kann auch den Bürgern nicht vorschreiben, wie viel Schokolade sie essen oder diese rationieren. Schokolade ist ja nicht an sich schlecht.

Es gibt in Frankreich und Großbritannien Ideen für eine Fettsteuer oder eine Zuckersteuer. Das ist mir zu schlicht. Weil wir eine Vielzahl von „Dickmachern“ haben und davon ist nur einer das Lebensmittel und seine Beschaffenheit. Eine plakative Debatte um eine Einzelmaßnahme oder „Strafabgabe“ hilft da nicht. Wir müssen erst mal in die Breite gehen und versuchen, alle Akteure mitzunehmen: Das sind neben der Industrie die Krankenkassen, Bildungseinrichtungen, Kindergärten, Eltern- und Verbrauchervereinigungen, Städteplaner, Wissenschaft, Medien und, und, und. Das ist auch der Ansatz, den die WHO empfiehlt, und wir sind die Ersten, die ihn haben.

? Sind dicke Kinder ein Symptom dafür, dass mit unserer Gesellschaft grundsätzlich etwas schief läuft?

! So will ich das verstanden wissen. Was mich ein bisschen stört: Wir müssen mal irgendwo anfangen und das wird wie immer erst mal ein kleiner Anfang sein. Und dann hör ich schon wieder die Klagen, das ist nicht genug und machen auch alle mit?! Da muss ich einfach sagen: Die Politik ist nicht der Nabel der Welt. Sie kann Rahmen schaffen und Diskussionen anzetteln, aber umsetzen müssen gesellschaftliche Veränderungen alle Beteiligten, vom einzelnen Bürger über Institutionen bis zur Wirtschaft. Es gibt eine Menge Zuständigkeiten, nehmen wir sie ernst. Auch der Naturkostladen sollte sich überlegen, ob er seine Neukunden ausgerechnet mit Süßigkeiten wirbt oder diese Quengelware an die Kasse stellt.

Hat sich viel vorgenommen - Ministerin Künast

Mit dem Gesetz gegen die Gentechnik hat Renate Künast einen bemerkenswerten Erfolg errungen - durchaus gegen mächtige Teile der SPD und das Wirtschaftsministerium. Auch das Bundesprogramm für den Ökolandbau ist das beste Förderprogramm für „Bio“, das es je gab.

Mit ihrem Buch „Die Dickmacher“, das flott und inhaltsreich geschriebenen ist, kritisiert Renate Künast unseren Lebensstil. Es ist der vorläufige Höhepunkt ihrer Kampagne gegen Fettleibigkeit, die für sie nur ein Symptom für eine vielschichtige Problemlage ist.

Für ihre Arbeit wünscht sie sich mehr Unterstützung von Gleichgesinnten: „Politik kann nur aufgreifen, was von relevanten Gruppen gefordert wird. Da wünsche ich mir, dass die Bio-Branche ihre politische Vertretung noch besser aufstellt und dieses Feld nicht anderen überlässt.“

Zum Weiterlesen

Ein aktueller Überblick über Ernährungsfragen und eine kritische Bestandsaufnahme.

Riemann Verlag,
ISBN 33-570-50062-4, 320 Seiten, 18 Euro

 

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