spezial: Bio und Billig? | Verbraucher und Bio-Bauern

Faire Milch macht’s!

Preisverfall und damit Qualitätsmängel sowie Umweltschäden müssen nicht sein. Bananen oder Kaffee aus fairem Handel gibt es im Bio-Laden schon lange. Nun kommt fair gehandelte Milch dazu - nicht aus Afrika, sondern aus Hessen. // Leo Frühschütz

In rund 50 Bio-Läden in Hessen, Westfalen und Niedersachsen steht seit Januar so genannte ErzeugerFair-Milch der Upländer Bauernmolkerei in der Kühltheke. Sie kostet fünf Cent mehr als die übliche Vollmilch der Molkerei - wobei das Mehrgeld direkt vom Verbraucher an die Bio-Bauern geht.

Kuh und Bio-Bauer sind zufrieden: Die Upländer Molkerei verlangt vom Verbraucher fünf Cent mehr pro Liter Milch. Der Aufpreis kommt direkt den Bauern zugute.

In dem Flugblatt, das Kunden in den Läden über die „neue“ Milch aufklärt, heißt es: „Damit heimische Bio-Betriebe überleben können“. Josef Jacobi meint dazu: „Wir sehen die fünf Cent nicht als milde Gabe“. Der Vorsitzende der hessischen Bioland-Milcherzeugergemeinschaft und Aufsichtsratschef der Upländer Bauernmolkerei fordert: „Wir Bauern brauchen einen Preis, der wesentlich gerechter ist, damit wir unsere Unkosten und unsere Arbeit bezahlt bekommen.“

Bei Bio-Milch ist dies nicht der Fall. 2004 bekam ein Bauer im Durchschnitt 32,7 Cent für einen Liter Bio-Milch. Bei der Upländer Molkerei war es sogar noch etwas mehr. Um langfristig überleben zu können, bräuchten die Bauern jedoch mindestens 40 Cent. So viel gab es zuletzt im Herbst 2001. Seither sinken die Preise und viele Milchbauern - egal ob „bio“ oder konventionell - leben von der Substanz.

Um dies zu ändern, entwickelten die Upländer Bauern die Idee von der ErzeugerFair-Milch. Bei Bananen oder Kakao aus Entwicklungsländern hat der faire Handel ja bereits lange Tradition. Die dortigen Kleinbauern erhalten gerechte Preise, die ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Dafür greifen die Kunden hierzulande etwas tiefer in den Geldbeutel - gelebte Solidarität eben. Untrennbar verbunden mit dem fairen Handel ist die Aufklärung der Verbraucher über die Arbeitsbedingungen der Bauern und die negativen Auswirkungen von Preisdruck und Globalisierung.

Die Kosten kommen nicht rein

Mit ihrer Fair-Milch setzen Josef Jacobi und seine Kollegen auf das gleiche Prinzip - allerdings geht es dabei zum ersten Mal um das Wohl deutscher Bio-Bauern. „Wir wollten zunächst das Bewusstsein wecken, dass hier etwas falsch läuft. Die Bauern produzieren ökologisch vernünftig hochwertige Bio-Milch, aber die Kosten kommen nicht rein.“

Doch ein Alltagsprodukt wie Bio-Milch in Geiz-ist-geil-Zeiten teurer zu machen, war eine riskante Geschäftsidee. Entsprechend vorsichtig ging die Molkerei das Vorhaben an. Sie kontaktierte zunächst die Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel und gewann sie für die wissenschaftliche Begleitung des Fair-Milch-Vorhabens.

Die Milchforscher fragten 550 Bio-Kunden in 12 Läden, ob sie denn bereit wären, einen Aufschlag von fünf Cent für regionale Bio-Milch zu zahlen, wenn dies den Bauern zugute käme. Die meisten Befragten reagierten positiv. Nur rund 15 Prozent der Verbraucher antworteten, sie würden keinen höheren Preis für Bio-Milch akzeptieren.

Das können wir riskieren, entschieden daraufhin die Molkerei-Verantwortlichen und begannen, nach Naturkostläden zu suchen, die beim Fair-Milch-Projekt mitmachen wollten. Dabei setzten sie auf Freiwilligkeit. Denn vom Engagement der Händler hing wesentlich der Erfolg der Aktion ab. Schließlich hatten sie den Kunden das neue Produkt und den höheren Preis zu erklären. „So schwer war das gar nicht“, bekennt Volker Picard, Inhaber des Rödelheimer Naturkost-Marktes in Frankfurt. „Wir mussten nicht viel argumentieren, den meisten Kunden war bekannt, dass es den Bauern schlecht geht.“ Fragen wie „Kommt die jetzt aus Afrika?“ waren selten. Kritik am höheren Preis gab es nicht. Vielleicht, weil Volker Picard die Flugblätter der Molkerei gezielt verteilt und die Kunden direkt angesprochen hat.

Für ihn war das Mitmachen Ehrensache: „Ich kenne die schwierige Situation der Milchbauern von unserem Käselieferanten.“ In seinem Naturkost-Markt verkauft Picard auch Vollmilch anderer Bio-Molkereien. Deren Preis blieb unverändert. Was passierte? „Wir hatten bei der Fair-Milch ein Plus von etwa 30 Prozent, während der Verkauf der billigeren Milch deutlich zurückging, etwa um 20 Prozent.“ Seine Kunden kauften also mehr Milch und bevorzugten die mit dem fairen Preis.

Andere beteiligte Läden machen die gleiche Erfahrung: Die Fair-Milch verkaufe sich hervorragend. „Wir konnten den Verbrauchern glaubhaft machen, dass sie mit ihrer Kaufentscheidung etwas bewirken“, erklärt Josef Jacobi diesen Erfolg.

Zugute kommt dabei der Molkerei, dass sie als regionales Unternehmen schon einen Namen hat und dass sie mehrheitlich den Bauern selbst gehört. „Da ist das Vertrauen da, dass die fünf Cent auch tatsächlich direkt bei den Bauern ankommen.“ Der Erfolg hat die Fair-Milch mittlerweile weit über ihr Verbreitungsgebiet hinaus berühmt gemacht. „Das Interesse der Landwirte ist enorm“, berichtet Bauer Jacobi. „Faire Milchprodukte sind das Thema.“ Zum Beispiel auch auf dem Deutschen Bauerntag im Juni in Rostock. Der Bauernverband hat Josef

Jacobi eigens zu dieser Großveranstaltung eingeladen. Er soll dort die Upländer Fair-Milch vorstellen. Die Aussichten stehen also gut, dass das Projekt bundesweit Schule macht.

Interview

"Wir wollen noch mehr faire Milchprodukte."

Karin Artzt-Steinbrink ist die Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei. Das Unternehmen hat 26 Beschäftigte und vermarktet die Milch von 84 Bio-Bauern.

? Wie entstand die Idee der ErzeugerFair-Milch?

! Unsere Bauern wollten, dass wir etwas unternehmen, um die Verbraucher auf die niedrigen Bio-Milchpreise aufmerksam zu machen. Doch Protestaktionen alleine können das Problem nicht lösen. Die Molkerei und der Handel verdienen an der Bio-Milch nicht viel, können also auch nicht mehr an die Bauern abgeben. Deshalb entstand die Idee, die Verbraucher zu überzeugen, dass sie mehr zahlen müssen, wenn es weiterhin regionale Bio-Milchbauern geben soll.

? Hat Sie der Erfolg überrascht?

! Ja. Wir hatten eigentlich mit einem leichten Rückgang gerechnet. Tatsächlich ist unser Milchabsatz in den Läden, die bei der ErzeugerFair-Milch mitmachen, um fünf bis zwanzig Prozent gestiegen. Ich hätte nicht gedacht, dass Marketing so überzeugend sein kann. Man setzt den Preis hoch, erklärt den Kunden warum, und der Absatz steigt.

? Wie geht das Projekt weiter?

! Es kommen immer noch Geschäfte hinzu, die sich bereit erklären mitzumachen. Mit Aktionen in den beteiligten Läden werden wir noch einmal für die Fair-Milch werben und der regionalen Presse die bisherigen Ergebnisse präsentieren. Dann werten wir die Zahlen genau aus und besprechen zusammen mit Bauern und Händlern das weitere Vorgehen. Unser Ziel ist es, weitere Milchprodukte auf den fairen Milchpreis umzustellen. Wenn die Zahlen so bleiben, können wir auch Bio-Bauern von unserer Warteliste als neue Lieferanten aufnehmen.

Zum Weiterlesen

Mehr Informationen über die wirtschaftliche Lage der Bio-Bauern liefert das Schrot&Korn-Special „Bio-Bauern, Arbeit und Verdienst“.

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