Interview
"Bio ist ganz in unserem Sinn"
Im Rahmen einer Studie aß Schwester Maria Gratia nur biologisch-dynamisch. Danach schmeckte ihr das konventionelle Essen nicht mehr. // Gudrun Ambros, Fotos: Andreas Gerhardt
Schwester Maria Gratia nahm mit ihrem Kloster an einer Ernährungsstudie für Bio teil. Wegen der Abgeschlossenheit bot ein Kloster dafür ideale Bedingungen.
Autorin Gudrun Ambros mit Schwester Maria Gratia im Kloster Heiligenbronn.
? Schwester Maria Gratia, in Ihrem Kloster wurde eine Ernährungsstudie durchgeführt. Worum ging es dabei?
! Frau Dr. Huber (vom Forschungsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, d. Red.) wollte untersuchen, wie sich biologisch-dynamisches Essen auf Körper, Geist und Seele auswirkt. Sie hat bei Klöstern angefragt, denn sie suchte nach mindestens 30 Personen, die von einer Küche versorgt werden und ständig an einem Ort sind.
? Was waren die Ergebnisse der Studie?
! Einige sagten, sie hätten weniger Verdauungsprobleme, weniger Kopfschmerzen, ich hatte weniger Magenschmerzen. Eine andere Aussage war: Ich bin nach dem Mittagessen nicht mehr müde, kann besser denken. Es gab auch Mitschwestern, die Äpfel normalerweise nicht vertragen und beispielsweise Bläschen im Mund bekamen. Bei den rohen Bio-Äpfeln hatten sie keine Schwierigkeiten. Die meisten fanden: Es schmeckt uns viel besser. Die Mohrrüben, der Quark - herrlich! Und was wir noch gemerkt haben: Wir mussten nicht so viel essen, waren schneller satt.
? Gab es irgendwelche messbaren Änderungen?
! Ja, da gab es regelmäßige Untersuchungen. Blutdruck, Blut, Stuhl beispielsweise. Hinterher hat uns Frau Dr. Huber Untersuchungsdiagramme gezeigt. Bei vielen hat sich etwas zum Positiven verändert.
Tätiges und schlichtes Leben, Respekt vor der Schöpfung: Schwester Maria Gratia gehört den Franziskanern an, ein Orden, der schon immer für eine enge Verbindung zur Natur und ein tätiges Leben steht. Ordensgründer Franziskus von Assisi „redete mit den Vögeln“, lebte mit den Armen und war ein Rebell, der die Kirche unter anderem wegen ihres Prunks kritiserte.
? Wussten die Schwestern, wann es „bio“ gab und wann nicht?
! Ja.
? Glauben Sie nicht, dass dadurch das Ergebnis der Studie beeinflusst wurde?
! Eigentlich waren wir einfach nur neugierig. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es gravierende Unterschiede geben könnte zwischen konventionellem und bio-dynamischem Essen. Wir merkten dann, dass es besser schmeckt und gut bekommt.
? Was waren über die Ergebnisse hinaus wichtige Erfahrungen und Erlebnisse?
! Ich muss sagen: Ich esse jetzt viel bewusster und genieße auch mehr.
? Wie war das hinterher, nach der bio-dynamischen Phase?
! Da hat uns das Essen gar nicht mehr geschmeckt. (lacht)
? Gibt es religiöse Gründe, sich für „bio“ zu entscheiden?
! Ja. Unser Ordensheiliger, der Heilige Franziskus, hat viel Wert auf die Bewahrung der Schöpfung gelegt und unser Auftrag ist auch ein guter Umgang mit der Schöpfung. Nahrungsmittel zu verwenden, die naturbelassen sind und wenig gedüngt werden, das ist eigentlich ganz in unserem Sinn.
? Klosterleben hat doch viel mit Verzicht zu tun: man verzichtet aufs Heiraten und man fastet auch öfters. Ist Essen Nebensache?
! Nein. Denn beim Essen kommen wir zusammen und nehmen Anteil aneinander. Eine wichtige gemeinschaftliche Erfahrung. Und wenns Essen schmeckt, hebt das auch die Stimmung. (lacht) - Und das, was wir in der Fastenzeit erübrigen, geben wir als Spende weiter.
? Was bewirkt das Beten vor dem Essen?
! Das tägliche Brot ist nicht selbstverständlich, weil so viele in der Welt hungern. Wir haben hier alles im Überfluss. Zu der Bitte ums tägliche Brot gehört auch wesentlich der Dank. Wir wissen, wem wir unsere Nahrungsmittel verdanken. Es ist gut, sich das alles immer wieder bewusst zu machen.
? Welche Art von Kloster ist das Kloster Heiligenbronn?
! Wir sind ein apostolischer, ein tätiger Orden: Kein kontemplativer, der sich nur dem Gebet und der Stille widmet. Wir sind eine Gemeinschaft, die versucht, Gebet und Arbeit in Einklang zu bringen.
? Welche Arbeit?
! Wir haben uns früher um blinde und gehörlose Menschen gekümmert, in Schulen und Werkstätten.
? Und wie ist das heute?
! In den 80er Jahren haben wir gespürt, unsere Kräfte reichen nicht mehr aus: Wir haben wenig Eintritte, können das nicht mehr machen. So ist eine Stiftung entstanden, der wir alles übergeben haben: Grund und Boden, Gebäude, Landwirtschaft und Gärtnerei und unsere Arbeit. Wir Klosterschwestern haben hier nur noch das Wohnrecht.
? Sie haben Ihre Aufgabe verloren ...
! Das war im ersten Moment schwierig, denn vorher hatten wir ein Stück weit unser Selbstverständnis in der Arbeit mit behinderten Menschen gefunden. Da ist dann 1997 das Haus Lebensquell entstanden. Die Schwestern, die das noch können, sind jetzt mehr im spirituellen Bereich tätig und wollen den Menschen heute bei der Sinnsuche helfen. Da klafft ja eine große Lücke. Es kommen viele Menschen, die Begleitung möchten, in ihrem Leben nicht mehr durchblicken, jemanden zum Reden suchen.
? Was geschieht im Haus Lebensquell?
! Da finden Kurse statt, Exerzitien und Meditationstage. Es gibt auch eine große Ausstellung mit Tonfiguren von einem peruanischen Künstler, Raul Castro. Der hat verschiedene Situationen aus dem Leben Jesu dargestellt. Die sind so alltagsnah, dass die Menschen sich da wiederfinden und Anregungen zum Nachdenken bekommen.
? Was macht eine Klosterschwester in ihrer Freizeit?
! Ich gehe gerne ins Schwimmbad, höre gerne schöne Musik. Ich verbinde das Notwendige mit dem Angenehmen und fahre beispielsweise eine Mitschwester an ihren Urlaubsort und mach mir dort auch ein paar schöne Stunden.
? Wie alt sind die Schwestern?
! Das geht von über 30 bis 101 Jahre.
? Kommen noch neue Klosterschwestern?
! Nur noch einzelne. Als ich eingetreten bin, 1964, da waren es pro Jahr noch sieben auf einmal. Früher waren es manchmal über zehn, momentan sind es gerade mal eine oder zwei.
? Welche Gründe kann es heute noch geben ins Kloster zu gehen?
! Früher spielte neben der religiösen Motivation auch das soziale Engagement eine Rolle. Heute ist es mehr die Suche nach Sinn und Spiritualität. Diesen Schritt zu wagen, geschieht vielmals durch persönliche Begegnungen, so dass man sagt, das wäre ein Leben, das mich erfüllen könnte. Entscheidend ist immer die Berufung. So wie heute jemand in den Ehestand tritt, so ist das auch eine spezielle Berufung in den Ordensstand. Irgendwann spürt man das und sagt, ich glaube, das ist mein Weg.
Acht Wochen essen für die Wissenschaft
22 Klosterschwestern und neun Mitarbeiter beteiligten sich an einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Auswirkung von biologisch-dynamischer Ernährung. Bis dahin gab es dazu im Prinzip nur Erfahrungswerte. Die Schwestern stellten für vier Wochen ihre Ernährung auf „Bio“ um. Zum Vergleich dann vier Wochen konventionelle Ernährung. Während der Bio-Phase fühlten sich viele nicht nur subjektiv wohler. Ihr Blutdruck war niedriger und sie entwickelten mehr T-Helferzellen mit immunverändernder Funktion. Durchgeführt wurde die Studie vom Forschungsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, Darmstadt.
www.forschungsring.deWoche der Stille
Frauen können in Heiligenbronn ins Klosterleben hineinschnuppern: zur Ruhe kommen, am Gemeinschafts-leben der Schwestern und an den Gebeten teilnehmen. Auch Gespräche werden angeboten.
Anfragen unter: Kloster Heiligenbronn,
78713 Schramberg,
Tel 0 74 22/ 56 9-4 02, Fax -4 12.
info @kloster-heiligenbronn.de
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Tätiges
und schlichtes Leben, Respekt vor der Schöpfung: Schwester
Maria Gratia gehört den Franziskanern an, ein Orden,
der schon immer für eine enge Verbindung zur Natur
und ein tätiges Leben steht. Ordensgründer Franziskus
von Assisi „redete mit den Vögeln“, lebte
mit den Armen und war ein Rebell, der die Kirche unter anderem
wegen ihres Prunks kritiserte.