Zu Besuch bei Lima

Spaß an der Waffel

Der belgische Hersteller Lima kreiert Naturkost die schmeckt, und lässt sich dabei von klassischen Rezepten aus aller Welt inspirieren. // Text: Martin Fütterer, Fotos: Andreas Gerhardt

Unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges wollte der Belgier Pierre Gevaert mit Gleichgesinnten eine pazifistische Weltregierung ins Leben rufen. Diese sollte die kriegstreiberischen nationalen Regierungen ablösen. Er knüpfte Verbindungen zu Friedensaktivisten in der ganzen Welt. In Paris traf er einen Japaner, der ihn auf einen anderen Weg brachte: Den Arzt und Vater der makrobiotischen Ernährung, Professor Georges Ohsawa. Der fragte ihn: „Wie kannst du für den Frieden kämpfen, wenn Krieg herrscht in deinem Körper?“, und spielte damit auf die Folgen konventioneller Ernährung an.

Unternehmensgründung als politische Tat

Gevaert erkannte: Wer eine große gesellschaftliche Vision hat, fängt am besten bei sich selbst an. Zum Beispiel mit bewusster Ernährung oder einer einfacheren Lebensweise. Er widmete sich ebenso konsequent der Ernährung, wie zuvor der Politik - mit weit konkreteren Resultaten. Er gründete 1957 ein Unternehmen für makrobiotische Nahrungsmittel und nannte es Lima, nach Georges Ohsawas Frau. Heute ist Lima mit 200 Artikeln hauptsächlich in Frankreich gut im Geschäft. Innerhalb Belgiens, nach Holland und Frankreich liefert der Naturkosthersteller auch viele Frischeprodukte wie vegetarische Burger, Aufstriche, Tofu oder Lasagne. In Deutschland, wo auch die Frischwaren an Umsatz gewinnen, ist Lima vor allem durch seine Sojasoßen Shoyu und Tamari bekannt - sowie durch die beliebten Reiswaffeln.

Deren Produktion ist im belgischen Maldegem, und die schauen wir uns an. Etwa hundert Öfen, jeder groß wie ein Küchenherd, stehen in langen Reihen in der Halle. Sie werden automatisch befüllt und entleert, und backen immer drei Waffeln auf einmal. Backen ist eigentlich das falsche Wort: Der Reis wird gepufft oder gepoppt.

Es pufft und gibt ein Rauchwölkchen, jedes Mal wenn die Reiskörner in der Hitze platzen und der Stärkekern zu festem Schaum aufquillt. Nur zehn Sekunden Hitze sind dazu nötig. Puff … puff … puff … und es riecht herrlich nach frischem Gebäck.

Makrobiotik die schmeckt

Mittagszeit. Unsere Gesprächspartner bei Lima, der Marketingleiter Damien De Breuck, PR-Manager Dick Lierman und Produktmanagerin Caroline De Dycker wollen uns in ein vegetarisches Spitzenrestaurant ausführen. Stattdessen regen wir einen Mittagstisch mit Lima-Produkten an. An einem Gartentisch auf der Wiese neben dem Verwaltungsgebäude verkosten wir bei strahlendem Sonnenschein die Lima-Suppen, -Salate und -Aufstriche: Den Seitan-Eintopf „Marrakesh“ mit nordafrikanischen Gewürzen sowie „Thai“ mit Kokosmilch und Curry. Quinoa-Curry-Salat, mexikanischen Bohnensalat, Couscous-Salat mit Tomaten und Minze, thailändischen Reissalat und bolivianischen Linsensalat. Wir probieren Aufstriche aus fermentierten Sojabohnen, dem so genannten Tempeh, aus Tofu, Kichererbsenmus und Seitan. Die Geschmacksrichtungen sind ebenso international wie bei den Salaten: „Pesto“ mit Basilikum und Pinienkernen, „Bretonische Art“ mit Meeresalgen, „Tsatsiki“ mit Gurke, „Curry“ ...


Laborleiter Philip Van den Abeele: Kein Rohstoff wird verwendet, bevor er die Charge auf Pestizidrückstände geprüft hat und kein Produkt verlässt das Haus ohne seine Freigabe. Die Hygienebestimmungen in der Produktion sind streng - ohne Haarnetz und Schutzkleidung geht nichts.

Nach fast fünfzig Jahren merkt man den Lima-Produkten die makrobiotische Strenge nicht mehr an. Vermutlich hätte der hohe Anteil an Fertigprodukten im Sortiment den Gründer und seinen Mentor Oshawa nicht begeistert. Dennoch bildet die Kombination von Getreide und Hülsenfrüchten bis heute oft die Basis der Produkte. „Den Verbraucher erziehen wollen wir schon lange nicht mehr - es muss in erster Linie schmecken und praktisch sein“, erläutert Caroline De Dycker. „Dennoch bietet uns die Makrobiotik bis heute Anregungen für neue Ideen.“

Die makrobiotische Strenge der frühen Jahre schlägt sich noch an anderer Stelle nieder: Es versteht sich von selbst, dass für gesunde Ernährung gesunde Rohstoffe nötig sind - das läuft irgendwann von ganz allein auf „Bio“ hinaus. In Deutschland kultivierten die Anthroposophen den (Demeter-) Bio-Anbau schon seit den 20er Jahren, in Belgien gab es nichts entsprechendes. Lima suchte Bauern, die einigermaßen chemiefrei wirtschafteten oder bat sie, wieder von der Agrarchemie zu lassen. So wurde Lima zum Initiator für Bio-Anbau in Belgien.

Keine Toleranz bei Pestiziden

Bis heute praktiziert Lima „Null-Toleranz“ gegenüber Pestiziden. Trotz Schutzbepflanzung, Abstandregelungen und anderen Maßnahmen werden gelegentlich Pestizide von konventionellen Feldern auf Bio-Felder verweht. Die EG-Bio-Richtlinie enthält diesbezüglich keinen Grenzwert, also gilt der gleiche wie für konventionelle Produkte. Lima reicht das nicht. Im hauseigenen Labor untersucht Laborleiter Philip van den Abeele jede Charge auf Pestizidrückstände. Selten wird er fündig, beanstandet aber die geringste Verunreinigung und meldet es der belgischen Bio-Kontrollstelle. Die Ware geht dann zurück, was insbesondere der Geschäftsleitung weh tut: Gelegentlich ist deshalb ein Produkt nicht lieferbar. Trotzdem - Marketingleiter Damien De Breuck steht dazu.

Als Wegzehrung bekommen wir die „Rizkiki“ genannten Minireiswaffeln, kaum größer als ein Zwei-Euro-Stück. Mit Zartbitter- oder Milchschokolade sind sie nicht nur überzogen, sondern geradezu gefüllt. Trotz aller gesunder Ernährung bleiben Belgier Schokoliebhaber und Lima zeigt sich mit den Reiswaffeln gerne von der Schokoseite. Ob auch der Herr Ohsawa ein Liebhaber gewesen wäre?

Eigenständig im Konzern

Lima gehört heute der amerikanischen Bio-Aktiengesellschaft Hain Celestial Group, die an der Nasdaq-Börse in New York notiert ist, kann sich im Konzern jedoch eigenständig weiterentwickeln. Hain verstehe Limas konsequente Strenge, erläutert Damien de Breuck, weil er keine anonyme Kapitalholding sei, sondern selbst Hersteller.

Gentechnikfrei wird teuer

Noch sind Gentechnik-Funde in Bio-Soja selten. Aber in fünf Jahren erwartet Laborleiter Philip Van den Abeele zunehmend Beschaffungsprobleme für gentechnikfreies Soja. Das wird sich auf die Preise auswirken. Van den Abeele ist für strenge Gentechnik-Gesetze.

Aus Gent in alle Welt

  • 1957 Familie Gevaert gründet Lima zunächst als Bäckerei und Getreidemühle im Speckgürtel von Gent in Belgien.
  • 1965 Lima beliefert den deutschen Markt mit Reiswaffeln und japanischen Produkten wie Sojasoße.
  • 1975 Lima eröffnet ein eigenes Labor und arbeitet mit der Universität Gent zusammen.
  • 1984 Eigene Produktion von Reiswaffeln.
  • 1989 Übernahme durch die Familienholding des heutigen Geschäftsführers Philip Woitrin.
  • 1993 Lima stellt Tofu und Frischprodukte her.
  • 1995 Umzug ins Gewerbegebiet von Maldegem.
  • 2001 Verkauf an Hain Celestial, USA.
  • Lima beschäftigt 45 Mitarbeiter und exportiert in 15 Länder Europas.

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