editorial

Das Wichtige und das Schreckliche

Von Nachrichten über Terror begleitet war die Arbeit an dieser Ausgabe von Schrot&Korn. Zwei Anschlagserien in London, Attentate in Sharm al Sheich, im Irak, in der Türkei und natürlich in Israel. Besonders nah rückte uns der Terror während des Interviews mit Ulrich Wickert am 7. Juli, als man noch nicht genau wusste, was eigentlich in London geschehen war. Während wir über den Umgang der Medien mit guten und schlechten Nachrichten diskutierten, liefen die Schreckensmeldungen aus London im Minutentakt im Studio ein, rissen die Aufmerksamkeit an sich und lieferten einen schaurigen Kommentar zu unserer eigentlich theoretisch gedachten Erörterung.

Eine Erkenntnis blieb bei mir hängen: Das Wichtige wird vom Spektakulären und Schrecklichen aus der (Medien-)Aufmerksamkeit verdrängt. Wer denkt schon an Gentechnik und Bio-Anbau, wenn in London Menschen in die Luft gesprengt werden? Und wer an den Hunger im Niger, wenn in Ägypten Bomben geworfen werden?

Natürlich gibt es ein Verhältnis zwischen den Katastrophen dort und den Problemen hier: Die Bomben zerstören das Vertrauen und mangelndes Vertrauen lähmt die Wirtschaft, aber auch wichtige politische Prozesse. Was in einer anderen Ecke der Welt passiert, geht uns durchaus etwas an. Und es schürt die Angst, das Schreckliche könnte vor der eigenen Haustür geschehen. Der Ruf einiger Bundestagsabgeordneter nach Bundeswehreinsatz bei Terror klingt ganz danach - nur weil ein Selbstmörder sich mit einem Leichtflugzeug vor dem Reichstag in den Boden bohrte. So schnell werden Verfassungsgrundsätze in Frage gestellt, das Wichtige dem Schrecklichen geopfert.

Während schreckliche Nachrichten über den Bildschirm flimmern, versuchen Ulrich Wickert und Martin Fütterer über wichtige andere Themen zu sprechen.

Apropos Verfassung: Die europäische nämlich - auch so etwas Wichtiges, das nicht schrecklich genug ist, um wirklich Aufmerksamkeit zu erreichen. Die Bürger verweigern sich ihr - dabei wäre eine Nationen und letztlich Kontinente übergreifende Bürgergesellschaft wirksame Terrorprävention. Grenzübergreifende Sozial-, Ökologie- und Steuerstandards gäben Rahmen und Korrektiv für eine globale Wirtschaft, die Standorte gegeneinander ausspielen kann und ausspielen muss. Der direkte Konkurrent ist eben schrecklicher als das Wichtige: Die ökologischen und sozialen Grundlagen nicht zu ruinieren, von denen auch die Wirtschaft lebt.

Eine kleine Meldung: Die Bayern-Jugend kickte heute (25. Juli) gegen eine Auswahl von jungen Israelis und Palästinensern. Bayern gewann 4:0 - und alle lagen sich in den Armen: Freund, Feind und Bayern. Wichtig!

Und eine andere Nachricht: Sie haben im ersten Halbjahr 2005 über zehn Prozent mehr im Naturkosthandel gekauft als 2004. Auch wichtig! Denn es beweist, dass immer mehr Menschen etwas ganz Kleines, aber Wichtiges tun, auch wenn das Schreckliche wieder aus allen Kanälen schwappt.

Wenn also in der Endphase des Bundestagswahlkampfes Eitelkeit und Unsinn wieder schreckliche (!) Blüten treiben, dann beißen Sie zum Ausgleich in einen Bio-Apfel oder voller Wut in einen ökologisch und sozial korrekten Teppich. Trotzdem: Gehen Sie hin! Die Auswahl ist schrecklich, aber die Wahl ist wichtig.

Martin Fütterer

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