editorial
Wachstum ist keine Lösung
Alle favorisieren Wirtschaftswachstum als Königsweg zur Lösung aller Probleme. Selbst wenn es gelingt, ein solches zu erzeugen: Wo sollen wir den hin wachsen angesichts begrenzter Ressourcen? Der Ölpreis und der Klimawandel führen uns drastisch vor Augen: Mehr Verbrauchen ist keine Lösung, egal, welche Wirtschaft das ankurbelt. Und global steht es zunächst einmal anderen zu, mit unserem Verbrauch gleichzuziehen.
Ein Besuch in der Suchthilfe Fleckenbühl (www.suchthilfe.org) brachte mich auf seltsame Gedanken. Diesen Demeter-Hof bei Gießen betreiben Alkohol- und Drogenabhängige als Selbsthilfegruppe. Sie schlafen in Mehrbettzimmern, verzichten auf persönlichen Besitz und bekommen neben Unterkunft und Verpflegung kaum Taschengeld. Sie finden statt Besitz: Lebensgemeinschaft, Freunde, sinnvolle Arbeit, Kinderbetreuung in Arbeitsnähe, Arbeitsteilung und Dienstleistung bei Haushaltsarbeiten, Bezug zur Natur, anregende Gespräche, kreative Tätigkeiten bis zur Kunst, eine Kultur der Konfliktbewältigung untereinander, Altwerden und Ruhestand in der Lebensgemeinschaft - und nicht zuletzt eine exzellente Gemeinschaftsküche in Demeter-Qualität. Auch der Ressourcenverbrauch in Fleckenbühl ist vergleichsweise gering.
Es
ist bestimmt nicht alles idyllisch dort, im materiellen Sinne
ist es ziemlich hart - und doch hat die Lebensweise
Qualitäten, die auch andere vermissen oder ansprechen
könnten. Ironischerweise hat erst ihre Drogenabhängigkeit
die Bewohner in die Lage gebracht, diese Qualitäten zu
entdecken. Manche formulieren das mit deutlicher Dankbarkeit.
Drogensucht wird gelegentlich als Schattenseite und extreme Folge der Konsumgesellschaft gesehen: Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat oder macht, dann entfernt man sich aus der Realität. Ziemlich schnell ist dann die Droge wichtiger als das Leben „draußen“. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet die sich eine Alternative zur Konsum(un)kultur erarbeiten, die daran bis zur Selbstzerstörung gelitten haben. Hoffen wir, dass wir als Gesellschaft früher die Richtung wechseln können. Dass wir erkennen, dass Konsum ein wichtiger Aspekt des Lebens ist - aber nicht sein Sinn.
Dies ist nicht nur die Aufgabe der Politik
- aber auch. Deswegen würde ich gerne mehr hören als nur Maßnahmen zur Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt und zur Nachfragesteigerung auf dem inländischen, so wichtig dies in den nächsten Jahren auch sein mag.
Martin Fütterer
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