Interview mit Joschka Fischer

Zur Kooperation verdammt

Terror, Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Gentechnik - in 35 Minuten reisten wir mit Joschka Fischer um den politischen Globus. Auf eine Frage konnte auch er keine Antwort geben: Wie lange noch ist Wachstum die Lösung für alle Probleme? Da legte sich seine Stirn in Sorgenfalten und er sprach von kulturellen Veränderungen - also von der Verantwortung jedes Einzelnen und der Nationen und der Notwendigkeit, der Kooperation und dem Gemeinsinn den Vorrang zu geben vor der Konfrontation und der Konkurrenz.

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Treffpunkt: Joschka Fischers Wahlkampfbus am Würzburger Marktplatz zur Wahlkampfveranstaltung 19. August 2005, 12:00 Uhr. Wir sind schon früher da und verfolgen die Reden auf der schattenlosen Pressebank bei strahlender Mittagssonne. Zuerst tragen die lokalen Abgeordneten der Grünen vor, dann sprechen überall Sicherheitsleute in ihre Hemdkrägen: Der Minister naht. Joschka stürmt aus dem Bus auf die Tribüne und legt los. Während er das Publikum fesselt, verirrt sich manche Pressekamera und nimmt die hübsche Yvonne von der Tourorganisation ins Visier.

Sicherheitsleute vom BKA kontrollieren peinlich genau die Taschen neuer Mitreisender, dann kann der Bus am Würzburger Markt bestiegen werden. Joschka ist schon drin, das vereinbarte gemeinsame Foto hat nicht geklappt, im Bus darf nicht fotografiert werden. Ich rufe die Fotografin an und bitte sie, für eine zweite Chance nach Karlsruhe zu fahren. Es ist voll und eng, außer der Familie und den Wahlkampfhelfern sind Journalisten von fünf Medien im Bus. Auf jedem Tisch stehen mindestens zwei Laptops.

Ein heiserer und schweißnasser Joschka Fischer überzeugt sich bei den Journalisten, dass seine Beobachtung richtig ist: Es kommen mehr Menschen zu den Wahlkampfveranstaltungen als im Jahre 2002. „Normalerweise profitieren wir von einer hohen Mobilisierung...“ sinniert der Wahlkämpfer. Aus der Wahlkampfzentrale in Berlin erhält Joschka eine SMS, dass laut Politbarometer 84% der Deutschen den Ausgang der Wahl für noch nicht entschieden halten. Vorsichtiger Optimismus macht sich breit.

Vor der Fahrt nach Karlsruhe gibt es beim Italiener Spaghetti für Wahlkampftruppe und Familie, und auch die Journalisten sitzen mit am Tisch. Vorsichtig werden die Themen abgeklopft, ein wenig Persönliches gefragt. Fällt ein wichtiges Stichwort, sind flugs die Notizblöcke auf dem Tisch. Dazwischen will die acht(?)jährige Tochter von Joschkas Lebensgefährtin Minu Barati von seinem Essen probieren und probieren lassen. Der Wirt macht einen nervösen Eindruck, jedenfalls klappt es nicht mit der Bestellung. Jeder zahlt sein Essen selbst - auch Joschka. Dann Abfahrt und erst mal ein Schläfchen.

Ein wenig ausgeruht arbeitet sich Joschka Fischer durch den engen Gang an meinen Tisch: „Bringen wir es hinter uns!“ Mit meinen Fragen kommen wir in 35 Minuten einmal um die Welt. Die Antworten sind staatsmännischer, auch abstrakter, als die Argumente in der Wahlkampfrede. Am Nachbartisch schreiben die vier anderen Journalisten mit. Nach dem Interview beklagt sich Joschka: „Jetzt bin ich völlig heiser und soll heute Abend noch eine Rede halten!“ Ob das nicht alles ein bisschen viel sei, fragt einer der anderen Journalisten. „Nach meiner Tour 2002 habe ich gesagt: Nie wieder! Aber natürlich will ich es auch diesmal wieder wissen.“ In Karlsruhe ist vor der nächsten Rede vielleicht noch Zeit für eine Runde Laufen. Aber erst mal ist Stau auf der Autobahn. Die Toilette im Bus versagt, wir halten auf einer Raststätte. Joschka wird in eins der Begleitfahrzeuge mit Blaulicht verfrachtet, mit dem man ihn schneller durch den Stau nach Karlsruhe bringen kann. Der nächste Interviewtermin drängt und abends muss die nächste Wahlkampfveranstaltung bestritten werden.

Wir Journalisten laben uns an Kaffee und Keksen und machen uns mehr miteinander bekannt. Mit neunzig Minuten Verspätung trifft der Bus am Hotel in Karlsruhe ein. Unsere Fotografin Michaela ist schon da, ein Joschka hingegen ist nicht in Sicht. Ein Beamter der Karlsruher Polizei wartet im Laufdress, er hat den Minister schon bei seinem letzten Aufenthalt beim Joggen begleitet, einer der BKA-Beamten zieht sich entsprechend um. Die Wahlkampfmannschaft zieht sich in die Zimmer zurück oder lässt sich in der Lobby nieder. Auch wir warten in der Lobby und hoffen noch immer auf ein Foto. Yvonne erscheint im Bademantel und fragt nach dem Solarium. Fotohandys werden gezückt, Kameras richten sich aus, Scherzworte fliegen hin und her. Dann tritt wieder Ruhe ein. Warten.

Viel später als geplant fahren die schwarzen Limousinen vor und ein sichtlich erschöpfter Minister steigt aus. Als er uns erblickt, flüstert ihm Pressesprecher Dietmar Huber unseren Fotowunsch zu. Auf den zehn Metern zwischen der Eingangstür und dem Empfang darf ich mich kurz neben Joschka stellen. Michaela drückt dreimal auf den Auslöser, das muss reichen. Ein kurzer Händedruck vom Minister - dann trennen sich unsere Wege. Auf dem Display der Kamera sehe ich, dass ich mir beim langen Warten völlig die Haare zerrauft habe. weitere...


// Das Gespräch führte Martin Fütterer. Fotos: Michaela Wiesner

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