Interview

Wachstum heißt Umgestalten

Es ist nicht leicht, den Executive Director der Umweltorganisation der UNO (UNEP) in Europa zu treffen. Klaus Töpfer leitet seine Organisation von Nairobi aus. Zu einem Kongress des deutschen Nachhaltigkeitsrates kam er nach Deutschland und hatte - mit knapper Not - Zeit für ein Interview über Klimawandel, Wachstum, Armut und AIDS.

Wenn einer so wenig Zeit hat, muss man jede Chance nutzen, auch wenn man keine hat. Und manchmal bekommt man dann mehr, als man erstrebt hat: zum Beispiel ein Bild mit Kanzler. Deswegen vor dem eigentlichen Interview eine kleine Reportage über die Umstände - eingedenk der Tatsache, dass ich nach Interviews selten gefragt werde, was die Betreffenden gesagt haben, sondern „Wie wars denn bei dem?“ und „Wie ist der so?“.

Martin Fütterer

Reportage:

Wachstum heißt: Umgestalten


Wie kommt man zu einem Bild mit dem Kanzler?

Es war lange und gut eingefädelt: Am Rande des Kongresses sollten wir Klaus Töpfer zu Interview und Fototermin treffen. Auf halbem Weg von Aschaffenburg nach Berlin klingelt mein Handy und Fotografin Anja ist dran. Ob ich denn schon wisse, dass der Termin praktisch geplatzt sei? Genau zur vereinbarten Uhrzeit habe sich der Bundeskanzler angemeldet; Klaus Töpfer müsse ihn begrüßen und ein Fotoshooting mit ihm absolvieren. Ich rufe den Pressecounter an und dort bedauert man sehr. Aber vielleicht, während Dr. Töpfer auf den Bundeskanzler warte, könne ich mich ja neben ihn stellen und wenigstens das gemeinsame Foto machen. Die Fragen müsse ich ihm wohl in die Hand drücken. Oder ich solle schon vier Stunden früher da sein, da wäre noch eine Chance. Meinen Zug beschleunigen kann ich nicht. Im Gegenteil, der hat schon Verspätung. Aussteigen und wenigstens den Arbeitstag retten? Ich rufe Anja an und wir beschließen, es zu versuchen.

Auf dem Alexanderplatz habe ich ein Déjà- vu: War da nicht die DDR-Buchhandlung, in diesem Gebäude, auf dem der Konzern LG (Life´s Good) mit seinen Leistungen wirbt? Bei einer Abitursfahrt vor über zwanzig Jahren war ich hierher geraten, hatte Ostmark schwarz getauscht und wollte diese nun in Büchern anlegen. Das Angebot war enttäuschend: Die leninistisch-marxistische Soziologie, die leninistisch-marxistische Psychologie, die leninistisch-marxistische Philosophie, natürlich Urtexte von Marx und Engels in den berühmten blauen Einbänden. Verzweifelt hirnte ich, was aus diesem Segment für mich interessant sein könnte und kam auf eine geniale Idee: „Bakunin?“ Schließlich gehören die Anarchisten zur Vorgeschichte der bolschewistischen Revolution. Die Verkäuferin ist entsetzt: „So was führen wir nicht!!“ Ich hatte vergessen, dass die Praktiker der dialektisch-materialistischen Geschichtstheorie das Ende der Historie erklärt und die Vorgeschichte gelöscht hatten, Dissidenten und Abweichler gleich mit. Mit Adolf Hitler hätte ich kaum größere Entrüstung hervorrufen können. Aber vielleicht mit Solschenizyn.

Zur Beschwichtigung ließ ich mir einen halben Regalmeter Marx und Engels einpacken, kostet ja kaum was. Beim Grenzübergang wurde mir meine Dummheit klar: Mit dem Zwangsumtausch hätte ich die Bücher nicht bezahlen können und Schwarzumtausch war extrem verboten. Der Beamte sperrte mich in eine triste Zelle, die auch in die dreißiger Jahre gepasst hätte. Mir wurde nun endgültig bewusst, dass ich mich in einer Diktatur befinde, in der nicht nur die Begriffe Meinungs- und Informationsfreiheit, sondern auch Rechtsanwalt und Rechtssicherheit nicht die gewohnte Bedeutung haben. Nach einer Stunde wurde ich erlöst. Der Beamte feixte angesichts der Schweißperlen auf meiner Stirn und ließ sich das Signalement des verbrecherischen DDR-Bürgers geben, von dem ich meine Ostmark hatte. Ich beschrieb so unkonkret wie möglich. Dann erleichterte der Beamte mich um den Rest meiner D-Mark. Natürlich gegen Quittung.

Mit solchen Erinnerungen treffe ich am Kongress-Zentrum ein. Die Eingangskontrolle ist wesentlich lässiger als seinerzeit die DDR-Grenzkontrolle, bei der die Beamten die typischen Erkennungszeichen des Gesichtes mit maschinengleichen, präzisen Augenbewegungen abscannten und mit dem Passfoto verglichen. Immerhin wird meine Tasche durchsucht. Am Pressecounter bedauert man nochmals sehr und gibt mir einen Tipp: Ich solle aufdringlich sein und mich zu Dr. Töpfer ins Taxi setzen, wenn der zum Flughafen fahre.

Gesagt, getan. Ich passe Klaus Töpfer am Ende des Forums über AIDS ab und werde aufdringlich. Allzu sehr muss ich gar nicht. Schrot&Korn ist Klaus Töpfer ein Begriff und die eingegangene Verpflichtung wichtig, auch wenn er etwas erschöpft wirkt. Ich solle mich nun an ihn und Pressesprecherin Martina Otto hängen, er würde auf jeden Fall pünktlich fahren. Da hänge ich also und gerate so in das Fotoshooting mit Töpfer und Schröder. Ich halte mein Gesicht schön in Anjas Kamera, genau zwischen Schröder und Töpfer. Ich warte auf den Blitz und erst als das Shooting nach kaum einer Minute vorbei ist, wird mir klar, dass Anja gar nicht geblitzt hat. Jetzt bin ich auf allen Fotos aller Fotografen drauf und wahrscheinlich auch im Fernsehen. Oh je. Ich hasse Leute, die sich sofort produzieren, wenn irgendwo eine Pressekamera auftaucht.

Dann kommt das Taxi und Anja überredet Klaus Töpfer sogar noch zu dem gemeinsamen Foto. Auf der Rückbank gehe ich buchstäblich auf Tuchfühlung zu Klaus Töpfer. Dennoch wird das Interview etwas zäh und allgemein. Das ist ähnlich, wie es vor zwei Wochen bei Joschka Fischer war. Sobald das Mikrofon läuft, wird der Ton staatsmännischer und der Inhalt abstrakter. Töpfers Humor und Bildhaftigkeit kommen nicht mehr zum Vorschein. Irgendwie sind wir beide zu müde.

Töpfers Top-Themen

In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen hat die UNEP, deren Leiter Klaus Töpfer ist, einen Atlas der Umweltveränderungen herausgegeben (siehe unten). Satellitenfotos belegen darin anschaulich, wie man beispielsweise Südspanien in nur zwei Jahrzehnten mit Gewächshäusern überzogen hat oder wie drastisch der Baumbestand in einer afrikanischen Flüchtlingsregion verschwunden ist.

Töpfers Tipp

One Planet – Many People,
UNEP, 332 Seiten, (Infos siehe oben) ISBN: 92-807-2571-8. Bezug: www.earthprint.com Bei einem Preis von ca. 140 Euro lohnt ein Besuch in der Bibliothek.

Anmerkungen und Kommentare zum Artikel

Leserbrief schreiben Seite empfehlen
powered by
Impressum
Newsletter
Forum
Anfragen