Interview
Wachstum heißt: Umgestalten
Beim 5. Jahreskongress des Rates für Nachhaltige Entwicklung trafen wir Klaus Töpfer, deutscher Umweltminister a. D. und Executive Director der UNEP, des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Seine Botschaft: Der Klimawandel ist keine Prognose, sondern findet schon jetzt statt. // Das Gespräch führte Martin Fütterer, Fotos Anja Weber
- Wie kommt man zu einem Bild mit dem Kanzler?
- Klimawandel und Atomkraft
- Wachstum und Lebensqualität
- Armut als Umweltgift
- Hat Afrika noch eine Chance?
? Als UNEP-Direktor residieren Sie in Nairobi. Was ist denn los mit Afrika? Hat Afrika noch eine Chance?
! Zunächst einmal ist Afrika ein faszinierender und junger Kontinent von großem Reichtum, wenn sie an die Bodenschätze denken. Er ist die Geburtsstätte der Menschheit, wie die archäologischen Funde etwa am Turkana Lake zeigen.
? Aber er hat massive Probleme…
! In der Tat. Die Probleme reichen über die ganze Palette der Millenniumsziele, die sich die Weltengemeinschaft im Jahre 2000 gesetzt hat. Er leidet unter Armut, die Zahl der Menschen steigt, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Hunger und Wasserversorgung sind ein Riesenproblem. Durch Wasser verursachte Krankheiten sind die Todesursache Nummer eins, das geht in Tausende pro Tag. Infektionskrankheiten wie AIDS und Malaria sind gravierend. Schulbildung, die Gleichstellung von Frauen und Männern… Insofern ist es richtig, dass der amtierende Präsident der G8-Staaten seine Amtszeit auf diese zwei Teilbereiche konzentriert: Afrika und Klimawandel. Zumal diese Probleme wechselseitig von Bedeutung sind.
? In der Berichterstattung um den letzten G8-Gipfel tauchte die Feststellung auf, dass doch eine ganze Menge Geld schon nach Afrika geflossen ist und die Probleme noch größer geworden sind.
! Es geht nicht nur darum, die Geldzahlungen zu erhöhen, sondern die Strukturen der Zusammenarbeit zu prüfen und gemeinsam mit den Menschen in Afrika entscheidend zu verbessern. Dazu gehört ein ganz kompromissloser Kampf gegen Korruption, die ja weit über den Regierungsbereich hinausgeht. Selbst Hilfsorganisationen haben ihre Probleme damit. Auch die Afrikaner selbst wissen, dass es eine Grundvoraussetzung ist, die innere Stabilität der Gesellschaften zu gewährleisten.
? Inwieweit kommen Sie selbst mit AIDS in Berührung?
! Mit dreitausend Mitarbeitern sind die Vereinten Nationen in Nairobi einer der größeren Arbeitgeber in Kenia. Natürlich sind auch wir von AIDS betroffen. Und nicht etwa nur bei den einheimischen Mitarbeitern. AIDS ist wirklich eine dramatische Herausforderung, die Lage ist schlimm, die Zahl der AIDS-Waisen steigt deutlich! In der UNEP haben wir ein eigenes Programm für die Mitarbeiter nach dem Motto „Three C: Confidentiality, Counselling and Care“. Also Vertraulichkeit, Beratung, Behandlung. Wir sind dafür ausgezeichnet worden. Andere übernehmen das Modell - die Lage ist wirklich dramatisch. Auch hier ist die Hilfe von außen sehr wichtig, kann aber nur funktionieren, wenn die gesellschaftlichen Strukturen funktionieren. Wenn ich von einer guten Fee zehn Millionen Dollar für die AIDS-Bekämpfung bekäme - ich würde neun davon in die Bekämpfung der Korruption stecken und mit der restlichen Million hundert neue Millionen an Spendengeldern werben - für die Behandlung und Aufklärung der Ärmsten der Armen dieser Welt.
? Vielen Dank für das Gespräch!
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