Interview

Bodybuilder, Arzt, Veganer ...

... die Passionen des Alexander Dargatz könnten nicht gegensätzlicher sein. Vielleicht gelingt es ihm gerade deshalb, für die vegane Lebensweise zu begeistern. Schrot&Korn wollte wissen, ob die Bio-Tierhaltung etwa nur ein fauler Kompromiss ist. //Interview und Fotos: Ralf Bürglin


Rückenansicht: Alexander Dargatz – Bodybuilding-Weltmeister, Arzt und Veganer. Er verzichtet auf Fleisch, Eier und Milch – weil er nicht will, dass Tiere in Ställen leiden.

? Wir „Bios“ schreiben eine artgerechte Tierhaltung vor und meinen deshalb das tierische Leben zu achten. Als Veganer findest du es skandalös, Tiere zu halten.

! „Tierhaltung“ und „artgerecht“: Das widerspricht sich doch bereits. Ein Tier zu halten, ist nicht artgerecht.

? Zoologen erstellen so genannte Ethogramme – Listen der natürlichen Verhaltensweisen einer Art. Wenn ein Nutztier entsprechende Verhaltensmuster zeigt, geht man davon aus, dass es artgerecht gehalten wird.

! Die Bio-Haltung stellt auf jeden Fall einen Fortschritt dar – das sehe ich schon. Dagegen ist die Massentierhaltung eine Katastrophe. Trotzdem ist es für mich generell nicht vertretbar, Tiere zu halten. Ich sehe keine moralische Grundlage dafür, Tiere zu benutzen und damit zu diskriminieren. Was gibt uns das Recht? Nur weil sie schwächer oder weniger intelligent sind? Es gibt auch weniger intelligente Menschen. Die diskriminieren wir hoffentlich auch nicht.

? Konkreter: Was ist dagegen einzuwenden, Bio-Legehennen zu halten?

! Auch die Bio-Legehennenhaltung hat beispielsweise das Problem, dass Hähne keine Eier legen. Das heißt, männliche Küken müssen aussortiert werden. Man muss sich überlegen, wie viele Millionen Hühner wir produzieren. Entsprechend viele männliche Tiere werden geboren, die als Küken zu Tiermehl verarbeitet werden.

? Du sagst, es gibt keinen Grund Fleisch zu essen? Nichtveganer kontern mit Genuss und Tradition.

! Als Veganer genieße ich jede Mahlzeit. Und Traditon ist für mich überhaupt kein Argument. Auch Sklaven zu halten, hatte über Jahrtausende Tradition. Und Krieg wurde ebenfalls schon immer geführt. Tradition muss also nicht heißen, dass es gut ist.


Bio versus Vegan: Der Mann mit dem weltstärksten „Body“, Alexander Dargatz (rechts), rang mit Ralf Bürglin, dem stärksten Mann bei Schrot&Korn.

? Nichtveganer argumentieren, Tiere des Essens wegen zu töten, habe eine natur- oder gar gottgegebene Berechtigung.

! Ich glaube an den freien Willen. Jeder hat das Recht zu tun, was er will. Aber man muss dann eben auch mit den Konsequenzen leben.

? Und das Argument Evolution?

! Mir ist es völlig Wurst (grinst), wie meine Vorfahren gelebt haben. Was zählt ist meine Umwelt heute. Und der Trend scheint doch dahin zu gehen, dass wir die Welt nicht mehr nachhaltig mit Fleisch ernähren können – bei all der Umweltverschmutzung, die die Massentierhaltung verursacht. Und dann greife ich der Evolution durch Einsicht doch besser vor.

? Deine Prinzipien geben deinem Leben einen Sinn. Machen Sie nicht auch unfrei?

! (sehr spontan) Nein, im Gegenteil, ich fühle mich total wohl. (überlegt) Unfrei? Beim Auswärtsessen. Was Veganes im Restaurant zu kriegen, ist schon ziemlich schwer. Aber inzwischen, weiß ich eben auch, wohin ich gehen kann.

? Deine Freundin macht mit?

! Ja, die ist auch Veganerin.

? Du bist Arzt, praktizierst aber noch nicht. Wohl schon bald wirst du Medikamente verschreiben, die teilweise aus Tierprodukten hergestellt sind beziehungsweise im Tierversuch getestet wurden. Kommst du da in einen Gewissenskonflikt?

! Das ist ein großer Konflikt und einer der Gründe, warum ich noch nicht praktiziere. Ich suche für mich noch das passende Arbeitsumfeld.

? Noch ein Grund für einen Veganer zum Grübeln: Anhänger des Jainismus – weltweit sechs Millionen Gläubige – tragen oft ein Tuch vor dem Mund oder kehren den Pfad vor sich, um nicht aus Versehen Kleinstlebewesen zu töten.

! Ich kann das nachvollziehen. Als ich vor sechs Jahren mit der veganen Ernäherung anfing, war ich auch sehr streng. Mittlerweile gestehe ich mir durchaus einen positiven Egoismus zu. Ich will ja überleben. Und ich räume anderen Lebewesen keine Macht über mich ein – egal ob das Ameisen in meiner Wohnung oder Leute sind, die mich ausbeuten wollen. Ich beute niemanden aus, aber ich lasse das auch nicht mit mir machen. Jeder muss für sich entscheiden, was im Alltag praktikabel ist.

? Tatsache ist doch – egal ob ich Bio, Veganer oder Jain bin – ein 100 Prozent moralisches Leben kann es nicht geben.

Ja, man macht ja auch Fehler. Und als Fazit gilt: Wer existiert, zerstört.

? Überfordern wir die Leute dann, wenn wir sie bewegen wollen, sich zu „Bio“ oder Veganismus zu bekennen?

! Wir fordern sie auf jeden Fall. Wir haben ja einen unheimlichen Informationsüberfluss. So viel Nachrichten, Werbung ...

? So viel Schrot&Korn. Diesmal 108 Seiten.

(schmunzelt) Genau. Die meisten werden erst dann aufmerksam, wenn sie merken, das könnte für mich von Vorteil sein. Bei Bio-Lebensmitteln ist das der gesundheitliche Aspekt. Veganer haben es da schwerer. Die gesundheitlichen Aspekte sind zwar da, aber ich argumentiere vor allem mit den ethischen. – Ich vermute, je mehr Menschen spüren, dass es ums Ganze geht, je mehr werden ihre Lebensweise ändern wollen.

? Zu deiner Ernährung: Welchem speziellen Programm folgst du?

! Programm? Ich habe keines mehr. Ernährungswissenschaften haben mich immer sehr interessiert. Aber seit ich vegan bin, esse ich einfach, was ich finden kann. Ich schau halt, dass es ausgewogen ist.

? Und du brauchst keine Zusatzstoffe? Milchkühe – die wir zu Hochleistungs-Organismen gezüchtet haben – kommen doch ohne Kraftfutter auch nicht aus. Und du bist doch sozusagen der Inbegriff eines Kraftpakets.

! Ich nehme eine Multivitamintablette pro Tag. Aber nur weil ich Sport mache, nicht weil ich vegan bin. Da denke ich habe ich tatsächlich einen erhöhten Bedarf. Zweitens hat unsere Nahrung an Qualität verloren. Da ist einfach nicht mehr viel drin.

? Und wie siehts beim Eisen aus? In den ersten Semestern deines Medizinstudiums hast du gelernt, dass Vegetarismus zu Eisenmangel führt.

! (wendet sich zum Regal um) Ja, ja, steht da im Herold: Innere Medizin. Ein Problem dabei ist es, Gruppen zu bilden. Es gibt nicht „den Vegetarier“ oder „den Veganer“. Der eine ernährt sich ausgewogen biologisch, der andere immer nur von Kartoffel-Chips. So was bleibt in manchen Studien unberücksichtigt. Tatsache ist, Veganer haben nicht häufiger einen Eisenmangel als Fleischesser. Des Weiteren kritisiere ich die Normwerte und deren Interpretation. Vegetarier und Veganer mögen einen im Durchschnitt niedrigeren Eisenspiegel haben, aber das muss kein Nachteil sein, da der Normwert aus der fleischessenden Gesellschaft stammt. Ein niedriger Spiegel ist nicht das Gleiche wie ein Mangel und kann auch gesundheitliche Vorteile haben.

? Gibt es für dich einen Zusammenhang zwischen Bodybuilding und Veganismus?

! Veganismus bedeutet Liebe und Respekt gegenüber der Umwelt. Bodybuilding ist Liebe und Respekt mir selbst gegenüber.

Veganismus. Was ist das?

Alexander Dargatz: 28 Jahre, 186 cm, Veganer und Arzt. Hat bei der WFF-Bodybuilding Weltmeisterschaft 2005 den Gesamtsieg in der Fitnessklasse errungen. So definiert er Veganismus: „Veganismus bezeichnet eine Lebensweise, die versucht alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden. Veganer sehen im Halten von Nutztieren eine Ausbeutung, die Leid erzeugt. Über die Betrachtung der Leidempfindung und Leidvermeidung hinaus spricht der Veganismus den meisten Tieren das Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit zu.“

Alexander Dargatz:
„Die Leute haben immer noch komische Vorstellungen, was gesundheitlich passiert, wenn man sich ganz ohne Fleisch, Milchprodukte und Eier ernährt.“

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